Lauschangriff 23/05

Klassik-Kolumne Man kann darüber streiten, wie viel Neues es aus Sicht seiner musikalischen Interpreten über Wolfgang Amadé Mozart wirklich noch zu sagen gibt. Vor ...

Man kann darüber streiten, wie viel Neues es aus Sicht seiner musikalischen Interpreten über Wolfgang Amadé Mozart wirklich noch zu sagen gibt. Vor allem die historische Aufführungspraxis der vergangenen 20 Jahre hat immerhin unumkehrbar festgestellt und vorgemacht, dass keinesfalls Mozart heraus kommt, wenn man zuvor die Spieltechniken und den Instrumental- und Orchesterklang des 19. Jahrhunderts hinein steckt. Nicht zufällig haben die interessantesten und frischesten Mozartinterpreten, etwa Nicolaus Harnoncourt oder Réné Jacobs, Marc Minkowsky oder Christoph Rousset, das Stadium des "Barockexperten" durchlaufen, bevor sie mit Mozart brillierten.

Aber auch die historische Aufführungspraxis ließ bislang Lücken. Zum Beispiel bei Mozarts Repertoire für Sologeige. Es mag daran liegen, dass es schon auf modernen Instrumenten sehr wenigen Geigern gelang und gelingt, den speziellen Mozartton zu treffen; meist klingt Mozart unter ihren geschmeidigen Händen, bei aller Verschiedenheit der musikalischen Faktur, kaum anders als Paganini oder Brahms klingen.

Der Geiger Andrew Manze kommt von der Barockmusik. Er leitet seit kurzem eine der ältesten und renommiertesten Originalklangensembles, The English Concert. Die Sache mit dem Mozartton lässt ihn indes offenbar auch als Solisten nicht ruhen. Soeben ist eine CD mit den Violinsonaten des Mozart-Schicksalsjahrs 1781 erschienen. Am Beginn dieses Jahres stand die Uraufführung der ersten wirklich eigenständigen Mozartoper Idomeneo, kurz darauf löste sich der Komponist aus Salzburger Zwängen, er wurde als einer der Ersten seines Gewerbes "freier" Musiker in Wien.

Um zu charakterisieren, was die Musiker auf den alten, von den Gegebenheiten des bürgerlich-kommerziellen Musikbetriebs noch unveränderten, Instrumenten hervorbringen, bedient man sich üblicherweise der Verneinung: Sie spielen non legato heißt es, sie geigen non vibrato. Andrew Manze dagegen leistet nicht nur Verzicht auf etwas, in diesem Fall auf ein - freilich allgemein seltener werdendes - Pauschalvibrato und Dauerlegato. Was er an deren Stelle setzt, um dem Ton Farbe und Gestalt, der Phrase Akzent und Atem zu geben, ist allerdings faszinierend, weil es neu erscheint und überraschend.

Wohl klingt da noch der Charme pubertierender Schwärmerei mit, ein stürmend drängelndes, bezauberndes Selbstbewusstsein wie es den Mozart jener Jahre charakterisierte, in denen er sich, als Komponist und Virtuose, noch der Geige widmen mochte, dem Instrument des Vaters. Aber Manze lässt das pausbäckig Herzige, das so genannte "Elegante" und hohetöchterhaft Glatte weg, das man zumindest beim jungen Mozart immer gewohnt zu sein meinte (und oft für den ganzen Mozart nahm). Der Ton und mit ihm die Musik gewinnt jene Doppelbödigkeit und Irritation, die diesen scheinbar allzu bekannten, allzu abgenudelten Komponisten auf die sehr erwünschte Weise fremd werden lässt. Zum Beispiel die Liegetöne, mit denen die Geige - 3/2´09 - das Pianoforte begleitet im Menuett von K. 377. Sie haben in ihrer Spröde und Geradheit etwas Fahles. Man findet es wieder in den Moll-Variationen des zweiten Satzes, die so kleinlaut und zwergenmütig klingen, so eckensteherisch schüchtern und trübe und melancholisch, dass man, auf Rettung der eigenen Seele bedacht, postwendend zum Suchttelefon greifen möchte.

Das in seiner Klanghelligkeit und Transparenz von fern ans Cembalo erinnernde Hammerklavier Richard Egarrs sorgt auf andere Art für Fremdheit. Mozart hat diese Sonaten geschrieben "für Klavier mit Begleitung einer Geige". Wer immer sie, begleitet von einem Konzertflügel der Neuzeit, in den letzten hundert Jahren auf einem modernen Instrument spielte, hat sie als Violinsonaten gespielt. Obwohl der Konzertflügel viel lauter ist als ein Hammerklavier, stand die Geige im Vordergrund. Die alten Instrumente dagegen klingen ineinander, organisch ausbalanciert und zugleich unterscheidbar. Mal führt das eine, mal das andere, wie es Mozart im Ohr hatte, als er komponierte.

CDs wie diese orientieren auf die Perlen im Mozartjahr 2006. Sie warnen vor Industrialisierung. Denn Mozart ist zwar interplanetarisch. Aber unglobalisierbar. Er ist kein Billighansel.

Mozart: Violinsonaten K. 377,380, 403 (Fragment), 376; Harmonia Mundi, France HMU 907380


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