Billig fairkauft

Konsum H&M, Primark und Co. produzieren unter menschenunwürdigen Verhältnissen. Die Alternativen sind zahlreich vorhanden, doch nur wenige Leute sind bereit, mehr zu zahlen
Billig fairkauft
Ethisch kriminell: Primark

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Hauptsache billig. So lautet das Credo bei einigen Menschen in Deutschland. Die Werbung suggeriert uns eine „Geiz ist Geil“-Mentalität. Dabei gerät schnell in den Hintergrund, dass tausende Menschen überwiegend in Südasien unter menschenunwürdigen Verhältnissen arbeiten. Laut der Initiative „#Untragbar“ schuften die Näherinnen und Näher in den Textilfabriken bis zu 14 Stunden pro Schicht. Des weiteren besitzen viele von ihnen keinen Vertrag und haben selten freie Tage. Fast sechs Milliarden Kleidungsstücke gehen in Deutschland jährlich über die Ladentheke. Im Durchschnitt kaufen wir elfmal mehr Kleidung als noch vor 20 Jahren, obwohl die Ausgaben für Kleidung in der Summe seit 30 Jahren fast nicht gestiegen sind.

Dass also über Formen von nachhaltiger Kleidung nachgedacht werden muss, ist unter Konsumenten keine neue Erkenntnis – und die großen Modekonzernen nutzen diesen Umstand geschickt aus, indem sie ihre Kunden mit fragwürdigen "fairen" Angeboten ködern. Dabei müsste eigentlich jedem klar sein: Ein T-Shirt für 5 Euro kann trotz „Fair Trade“-Label nicht "fair" sein. Da reicht ein Blick auf die Preisaufschlüsselung aus.

"Fast Fashion ist untragbar"

Für Aufsehen erregte nun vor einigen Tagen ein mutmaßlicher Hilferuf von Näherinnen, die für den irischen Modekonzern Primark arbeiten. Im walisischen Swansea haben Kunden Zettel mit den Botschaften in Kleidungsstücken entdeckt. Auf einem stand: „zur Arbeit bis zur Erschöpfung gezwungen“, und auf dem anderen war von „erniedrigenden Arbeitsbedingungen“ zu lesen. Das Unternehmen erklärte, dass die Hilferufe gefälscht seien. Die entdeckten Zettel seien gleicher Herkunft, obwohl das eine Kleidungsstück in Rumänien hergestellt wurde und das andere in Indien. Beide seien 2013 in der gleichen Filiale verkauft worden. Der Modekonzern erklärte, er sei sich keiner Schuld bewusst, da man sich für gute Arbeitsbedingungen in den Herkunftsländern einsetze und im Jahr 2013 mehr als 2000 Fabrikinspektionen durchgeführt habe.

Die Kritiker der Modekette lassen sich jedoch von solchen Aussagen nicht beeindrucken, denn diese sogenannten Audits selbst sind oftmals ein korruptes Milliardengeschäft. So protestierten Aktivisten von der Menschenrechtsorganisation Inkota und der „Kampagne für saubere Kleidung“, sowie mehrere hundert Menschen am 3. Juli auf dem Alexanderplatz in Berlin vor der Eröffnung einer neuen Primark-Filiale. Unter dem Motto „Fast Fashion ist untragbar“ prangerten sie die immer schnellere und billigere Produktion von Kleidung an, die negative Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen der Näherinnen hat.

Die Jugendorganisation des Bundes für Umwelt und Naturschutz startete parallel ein alternatives Konsummodell: einen Kleidertausch. Mehrere Teilnehmer brachten eigene Kleidung mit, die dann vor Ort in Umkleidekabinen anprobiert und kostenlos mit nach Hause genommen werden konnte.

Nebenan feierte Primark währenddessen seine Shoperöffnung. Ein DJ legte kommerzielle Musik von Hip Hop bis Elektro auf, junge Leute liefen in schwarzen „I love Primark“ T-Shirts durch die Gegend und verteilten Luftballons und Bonbons. Von kritischem Bewusstsein keine Spur. Die überwiegend jungen Leute reihten sich in der langen Warteschlange vor der Filiale ein.

Nachhaltig und sozial verträglich?

Trotz gut gefüllter Filialen steht Primark jedoch immer wieder, wie auch mit dem aktuellen Hilferuf-Skandal, unter Zugzwang – und versucht, die widrigen Produktionsbedingungen reinzuwaschen. Der Konzern ist Mitglied bei der Ethical Trading Initiative und hat einen firmeneigenen Kodex, der Kinder- und Sklavenarbeit, sowie Menschenausbeutung ausschließen soll. In der Vergangenheit stand Primark mehrmals unter dem Verdacht der Kinderarbeit. Der Konzern reagierte auf die Vorwürfe, indem er interne Kontrollen durchführte und die Geschäftsbeziehungen zu den Fabriken auflöste. Aber es gibt beispielsweise keine Angaben darüber, woher die Firma ihre Baumwolle bezieht. Transparenz und Nachhaltigkeit sieht anders aus.

Auch andere Modekonzerne versuchen schon seit einigen Jahren, sich von ihrem schlechten Image zu befreien. Inditex, eines der größten Textilunternehmen der Welt, zu der auch die Modekette Zara gehört, möchte bis zum Jahr 2020 giftige Chemikalien aus seiner Produktion verbannen. Die schwedische Modemarke H&M will nur noch faire Mode herstellen und ihr Geschäftsführer Karl-Johan Persson fordert gar ein branchenübergreifendes Fair Trade-Label. In einem Interview mit dem Spiegel forderte Persson, nur wer sich an definierte Standards bei Löhnen, Umwelt und sozialen Aspekten halte, solle es an seine Kleidungsstücke hängen dürfen. Dann könnten die Kunden entscheiden, wo und was sie kaufen.

Auch hier lohnt sich jedoch ein genauerer Blick. Zwischen den Jahren 2010 und 2012 befragte die Nichtregierungsorganisation „Kampagne für saubere Kleidung“ 61 Modekonzerne. Dabei wurden sie in fünf Kategorien eingeordnet. H&M gelang in die Kategorie „durchschnittlich“. Der schwedische Modekonzern habe angefangen, Arbeitsbedingungen zu verbessern. Beliebte Modekonzerne wie die Skatermarke Quicksilver wurden als „nachlässig“ eingestuft. Carhartt, Diesel oder New Yorker weigerten sich hingegen, an der Befragung teilzunehmen.

Auch die christliche Initiative Romero, die sich für Arbeits- und Menschenrechte in Mittelamerika einsetzt, hat verschiedene Siegel und Zertifikate unter die Lupe genommen und 30 Modefirmen überprüft.

H&M etwa führt seit 2007 das Label „Organic Cotton“. Hier werden Kleidungsstücke aus 50 Prozent Bio-Baumwolle sowie 50 Prozent konventioneller Baumwolle angeboten. Romero kam zu dem Ergebnis, dass der schwedische Konzern zwar einen eigenen Verhaltenskodex besitzt, der auf den ILO-Kernarbeitsnormen basiert. Dazu zählt etwa die Abschaffung der Zwangs- und Kinderarbeit. Jedoch müssen sich Sublieferanten (anders als die Direktlieferanten) nicht an den Verhaltenskodex halten. Zudem sei H&M nicht bereit, einen existenzsichernden Lohn zu bezahlen. Außerdem kritisiert Romero, „dass zahlreiche H&M-Produkte mit den Labels „Organic Cotton“und „Conscious Collection“ohne die Berücksichtigung grundlegender Sozialstandards in Bangladesch genäht werden."

Auch das größte Einzelhandelsgeschäft Europas, C&A, schneidet bei Romero ähnlich ab wie der schwedische Konkurrent. Das Unternehmen verpflichtet sich ebenso wenig, einen existenzsichernden Lohn zu zahlen. Es gibt zudem gravierende Defizite im Bezug auf die sozialen Standards. Der firmeneigene Verhaltenskodex beinhaltet nicht alle Bestimmungen der ILO-Kernarbeitsnormen. Es gibt keine Beschränkungen bei der wöchentliche Arbeitszeit. Hinzu kommt, dass C&A nicht explizit verlangt, dass alle Arbeiterinnen und Arbeiter einen Arbeitsvertrag erhalten.

Alternativ handeln

Die Alternativen zu den großen Modeketten sind vielfältig vorhanden, auch wenn es nicht einfach ist, im Dschungel der Zertifikate und Siegel den Überblick zu behalten. In Zeiten des Internets ist es besonders einfach, sich über faire und nachhaltige Modelabels zu informieren. Auf der Internetseite „Ecotopten“ vom Öko-Institut aus Freiburg, wird eine ausführliche Übersicht über Labels für Bekleidung angezeigt, die ökologisch und sozialverträglich produziert wird.

Die Shopping-App „Avoid“ blendet Kleidungsstücke aus, die durch Kinderarbeit entstanden sind. Die Angaben dafür beziehen sie aus einer Liste des gemeinnützigen Verein „Earthlink“.

Auf der Webseite des „Future Fashion Guide“ können die Kunden dank spezieller Suchmasken aus verschiedenen Kriterien wie „sozial engagiert“ oder „Bio-Materialien“ wählen. Außerdem können sie gleichzeitig angeben, nach welchem Kleidungsstil sie suchen. Schließlich werden mehrere Shops angezeigt, die den ausgewählten Kriterien entsprechen.

Wer sich für analoges Shopping interessiert, kann sich auf modeaffaire.de informieren. Dort wird eine deutschlandweite Liste von Geschäften geführt, die faire Mode anbieten.

Mittlerweile gibt es sogar eine Modewoche für faire Kleidung. Zum dritten Mal findet vom 8.-10. Juli die “Ethical Fashion Show“ in Berlin statt. H&M oder Zara werden die Besucher dort nicht zu sehen bekommen. Die Messe bietet ausschließlich Platz für Modelabels, die auf nachhaltige und soziale verträgliche Kleidung setzen. Die Labels müssen dabei gewisse Kriterien erfüllen. Dazu gehören etwa die Bezahlung von existenzsichernden Löhnen, die Einhaltung der ILO-Konventionen oder die Verwendung erneuerbarer Ressourcen. Auch Transparenz spielt eine wichtige Rolle: So müssen etwa Informationen zu den Lieferanten, die an der Produktion beteiligt sind, offengelegt werden.

Alternativen, um faire Kleidung zu kaufen, gibt es also reichlich – und trotzdem landet das Gros der Konsumenten am Ende doch wieder bei den mächtigen Billiglabels. Vielleicht wird es noch mehr Aktionen wie die der aktuellen Primark-Hilferufe geben müssen, bis das schlechte Gewissen schwerer wiegt als der Geldbeutel.

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Ihre Freitag-Redaktion

14:03 04.07.2014
Geschrieben von

Stefan Simon

Journalist in Süd-Ost-Niedersachsen, kommt aber eigentlich aus Süd-Hessen. Schreibt jetzt wöchentlich über politische und gesellschaftliche Themen.
Stefan Simon

Ausgabe 29/2021

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