Die Stimme der Vernunft

Zeitgeschichte Vor drei Jahren verübte Anders Breivik die Anschläge auf Utøya und in Oslo. Jens Stoltenberg, der damalige Regierungschef, reagierte beeindruckend
Die Stimme der Vernunft

Foto: Daniel Sannum Lauten / AFP

Utøya. Die kleine Insel kannten bis vor drei Jahren außerhalb von Norwegen wohl nur sehr wenige Menschen. Heute ist sie zum Symbol des rechten Terrors in Europa geworden. Zum dritten Mal jährt sich nun das Attentat auf Utøya und die Bombenanschläge in Oslo, ausgeführt von dem Rechtsextremisten Anders Behring Breivik. Es war ein gezielter Anschlag auf die norwegische Sozialdemokratie und auf ihn, Jens Stoltenberg, den damaligen Ministerpräsidenten.

Jens Stoltenberg war zum Zeitpunkt des Bombenanschlags in seinem Haus. Er schrieb an einer Rede, die er am kommenden Tag vor den Jungsozialisten auf Utøya halten wollte. Er hörte zwar den Lärm der Explosion, konnte ihn jedoch nicht einordnen. Auch als eine Mitarbeiterin ihn anrief und fragte, ob alles in Ordnung sei, verstand er nicht den Ernst der Lage. Erst nachdem seine Kollegen, die sich im 15. Stockwerk des Regierungsgebäudes aufhielten, mit blutverschmierten Kleidern zu Stoltenberg nach Hause kamen, fiel der Schleier der Ahnungslosigkeit. Stoltenbergs Sicherheitsleute drängten ihn und seine Kollegen zum Schutz in den Kellerraum. Dort erreichte ihn die Nachricht vom Angriff auf das Jugendcamp.

Als Breivik gegen halb sieben am Abend festgenommen wurde, bildete sich ein Krisenstab mit den zuständigen Ministern, der Polizei und dem Militär. Eine erste Pressekonferenz wurde abgehalten, Stoltenberg besuchte Verletzte im Krankenhaus.

Ein Tag nach den Attentaten konnte die ganze Welt sehen wie Stoltenberg in einem Hotel auf die Angehörigen zugegangen war. Es brauchte keine Worte, sagte er, man musste einfach nur da sein, sie in die Arme nehmen. Er sagte ihnen, sie sollten die guten Erinnerungen an ihr Kind behalten und sie sollten ihm über ihre Töchter und Söhne erzählen. Jens Stoltenberg hörte an diesem Tag im Restaurant des Hotels viele verzweifelte Geschichten, immer wieder. Er antwortete später auf die Frage, ob er in den Momenten geweint habe, dass seine Aufgabe doch sei, die Menschen zu trösten. Erst später, als die größte Tageszeitung Norwegens titelte: „Heute sind wir alle Mitglieder der Jungsozialisten“, konnte er seine Tränen nicht mehr zurückhalten.

Die Anschläge auf Utøya und das Regierungsviertel in Oslo waren ein Schock für die offene und freie Gesellschaft Norwegens, wie sie Breivik bekämpfen wollte. Sein Ziel war, sein Heimatland vor dem Islam und dem „Kulturmarxismus“ zu beschützen. Innerhalb weniger Stunden wurde das Regierungsviertel verwüstet und auf Utøya ein Massaker verübt. 77 Menschen starben. Es war ein Stich ins Herz der Nation. Man hätte durchaus eine andere Reaktion erwarten können, doch Jens Stoltenbergs Antwort auf Breiviks Hass waren weder Vergeltung noch Rache.

Die Antwort auf Gewalt ist mehr Demokratie und Menschlichkeit

Der Politiker reagierte nicht aktionistisch oder affektgesteuert. Er reagierte klug und besonnen. Er hatte nur wenig Zeit, um seine Rede zu schreiben. Im Hubschrauber, auf dem Weg zum Gedenkgottesdienst, dachte er an die Worte einer jungen Frau, die ihn imponierte. Sie war eine der Überlebenden auf Utøya und Mitglied bei der sozialdemokratischen Jugendorganisation. Sie sprach ins Mikro eines CNN-Reporters: "Wenn ein Mann so viel Hass in sich tragen kann, können wir alle zusammen viel mehr Liebe zeigen.“ Stoltenberg sagte, er sei stolz, in einem Land zu wohnen, das die Kraft hat, in einer solch schweren Zeit zusammenzustehen. "Wir sind ein kleines Land, aber wir sind ein stolzes Volk. Wir sind entrüstet über das, was uns getroffen hat, aber wir werden nie unsere Werte aufgeben. Unsere Antwort wird mehr Demokratie sein, mehr Offenheit und mehr Menschlichkeit. Aber nie Naivität."

Gelobt wurde Stoltenberg auch im Ausland. In Deutschland erhielt er den internationalen Willy-Brandt-Preis. Mit dem Preis würdigte die SPD das beispielgebende Eintreten von Jens Stoltenberg für gesellschaftlichen Zusammenhalt und mehr Demokratie als Antwort auf die rechtsterroristischen Anschläge. Viel Lob erhielt er auch von Norwegens König Harald V. Er glaube fest daran, dass Freiheit stärker sei als Angst, sagte der König. Er sei dankbar, dass Stoltenberg fest zu den freiheitlichen Grundwerten des Landes stehe.

Dieses Jahr wird er keine Rede an das norwegische Volk halten. Heute wird Stoltenbergs Nachfolgerin Erna Stolberg von der konservativen Partei Høyre zu den Menschen in Norwegen sprechen. Zusammen regiert sie mit der rechtspopulistischen Fortschrittspartei, deren Mitglied Breivik früher war. Ihre Rede wird anders sein. Die Betroffenheit, die Trauer, der Schmerz. Es ist kein Vergleich zu dem, was Jens Stoltenberg vor drei Jahren fühlte. Man sah einen Regierungschef mit geweiteten Augen, belebter Stimmte, der mit seinen Tränen kämpfte.

Es muss ein schwerer Schlag für ihn gewesen sein, als er von der Nachricht der 69 toten Jugendlichen auf Utøya erfuhr. Alle Mitglieder der Jugendorganisation der norwegischen Arbeiterpartei. Stoltenberg war von 1985 bis 1989 Vorsitzender der Jungsozialisten, dort begann seine Karriere. Viele der Opfer wollten später in die Politik gehen, wie ihr damaliger Ministerpräsident.

Die Wahlniederlage seiner rot-rot-grünen Koalition kam für viele überraschend, trotz hoher Beliebtheitswerte. Doch fragt man die Norweger, was Stoltenberg falsch gemacht hatte, erhielt man die Antwort: gar nichts. Der Reichtum des Landes ist riesig, es gibt keine großen Probleme im Land und bei einem Regierungswechsel geht es lediglich um einen Personalwechsel, um das Reichtum Norwegens zu verwalten. Nichtsdestotrotz wird Jens Stoltenberg den Menschen in Norwegen und im Ausland in guter Erinnerung bleiben. Mit seiner Rede hatte er einen anderen, einen vernünftigen Weg eingeschlagen. Lange galt Stoltenberg als Dandy und Sunnyboy in der Politik. Als Sohn aus einer Politiker-Dynastie. Doch nach Utøya und Oslo reifte er zu einem Staatsmann mit Format und schließlich zum neuen Generalsekretär der NATO.

15:01 22.07.2014
Geschrieben von

Stefan Simon

Journalist in Süd-Ost-Niedersachsen, kommt aber eigentlich aus Süd-Hessen. Schreibt jetzt wöchentlich über politische und gesellschaftliche Themen.
Stefan Simon
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