Stefan Simon
Ausgabe 0516 | 09.02.2016 | 06:00

Ein Wink mit dem Zaun

Nicht in Berlin Darmstadt wird als Firmenstandort gefeiert. In der Flüchtlingshilfe ist man aber auch weit vorn

Circa 20 Minuten dauert die Fahrt vom Frankfurter Flughafen nach Darmstadt. Auf der A5 Richtung Süden ziehen Möbelhäuser und eine Shopping Mall vorbei. Die Straße, die dann am westlichen Stadtrand Richtung Darmstadt-Mitte führt, verläuft entlang eines Industriegebiets. Hier hat die Deutsche Telekom ihren zweitgrößten Standort und das Raumflugkontrollzentrum ESOC seinen Sitz. Die Straßen in Darmstadt sind nach Physikern wie Heinrich Hertz oder Lise Meitner benannt. Seit 1997 darf sich Darmstadt Wissenschaftsstadt nennen.

Der Weg zum zentralen Luisenplatz führt an Fraunhofer- und Öko-Institut vorbei, kalt wirkt diese Stadt, was auch dem 50er-Jahre-Baustil im Zentrum geschuldet sein mag. Laut „Zukunftsindex 2030“ (erstellt von Wirtschaftswoche, Immobilienscout 24 und IW Consult) ist Darmstadt die vielversprechendste Stadt Deutschlands, sie steht im Ranking auf Platz eins. Die Bevölkerung wächst, die Technische Universität hat die meisten MINT-Absolventen – aus den Fachbereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik –, und die Zahl der Erwerbstätigen steigt seit 15 Jahren. Auf so viel Wirtschaft und Bildung ist man hier stolz. Aber will man auch so optimiert leben? Bereits vergangenen Sommer bewiesen die Darmstädter, dass sie auch anders können. Innerhalb kürzester Zeit musste die Stadt Zeltstädte für Hunderte Flüchtlinge aufbauen, und es klappte. Jörg Rupp, ein städtischer Mitarbeiter, präsentierte der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sogar eine 17 Seiten lange Liste mit „Spontanhelfern“.

Im Zeichen der Lilie

Seitdem hat das Engagement nicht nachgelassen, auch die Kleiderkammer in der zentralen Sammelstelle für Bedürftige ist überfüllt. Benjamin Nover ist einer, der seine Sachen seit kurzem dort abholt – falls sie nicht am Zaun hängen. Die Idee, einen humanen, einen sozialen Zaun zu errichten, stammt von Nover selbst. Der 35-Jährige mit der Halbglatze und dem braunen Zottelbart hat sich von den sogenannten Warmnachtsbäumen inspirieren lassen. Während der kalten Monate werden in einigen Städten Kleidung und Decken an Bäume gehängt. In Darmstadt packt man die Dinge, die Bedürftige benötigen, nun in durchsichtige Plastiktüten und macht sie am Zaun fest.

Benjamin Nover war selbst fast fünf Jahre obdachlos, er kennt die langen, harten Winternächte. „Ich möchte einfach helfen, egal ob jemand obdachlos ist, Hartz IV erhält oder ein Geflüchteter ist.“ Am Zaun hängen jetzt also Klamotten, Hygieneartikel, Schlafsäcke oder Hundefutter in Tüten. Benjamin Nover verbringt täglich zwei bis drei Stunden am Zaun, fünf, sechs Leute kämen in diesem Zeitraum. Nover hat schon in Heilbronn, in Torrox an der Costa del Sol und in Utrecht auf der Straße gelebt, so hilfsbereit und tolerant wie in Darmstadt, meint er, seien die Menschen aber nirgendwo.

Bürger, die über die Facebook-Gruppe vom sozialen Zaun in Darmstadt erfahren haben, wollen die Aktion jetzt in zwölf weiteren deutschen Städten nachahmen, in Berlin, Erfurt, Offenbach, Frankfurt am Main, Worms, Stuttgart, München oder Hamburg. Für das Projekt in Darmstadt läuft bis Ende Januar die Genehmigung, eine mündliche Zusage für eine unbefristete Verlängerung gibt es bereits.

Circa zehn Minuten südlich der Stadtbibliothek steht das Böllenfalltor, das Stadion des SV Darmstadt 98. Dort gibt es seit 2015 nicht nur Erstligafußball, sondern auch das sogenannte Integrationskicken.

Mercks Hilfe

„Im Zeichen der Lilie“ heißt ein Projekt, zu dem seit 2012  verschiedene soziale Aktionen des Klubs gehören: ein Fahrdienst zum Stadion für Behinderte und Senioren und die Kampagne „Meine Abwehr steht“ zur Suchtprävention für Jugendliche. Den ersten Integrationskick gab es im vergangenen April, bis heute nehmen wöchentlich um die 30 Leute teil: Flüchtlinge, Fans und Mitarbeiter der „Lilien“, das Emblem des Vereins. Um die Zugewanderten noch weiter in Darmstadt und der Region zu integrieren, lädt das Fanprojekt zu gemeinsamen Abenden ein. „Wir planen noch weitere integrationsfördernde Maßnahmen“, sagt Jonathan Prinz von der Geschäftsstelle. Man wolle mit Hilfe eines Sponsorennetzwerks eine Stellenbörse und einen Gesundheitstag für die Geflüchteten einführen. Und auch an den Unternehmen geht all dieses Engagement nicht spurlos vorbei. Nicht weit entfernt vom Böllenfalltor, im Stadtteil Bessungen, steht das Wilhelm-Röhricht-Haus. Der Darmstädter Pharma- und Chemiekonzern Merck hat im vergangenen November im Rahmen einer internen Hilfsaktion das ehemalige Altenheim renoviert. 88 Auszubildende und sechs Ausbilder haben die Wände der 40 Zimmer gestrichen. Das Haus soll bald als Flüchtlingsunterkunft dienen und als Symbol für unternehmerische Solidarität. Und so schwärmt die grüne Sozialdezernentin Barbara Akdeniz auch von den „starken Zeichen für die anhaltende Hilfsbereitschaft der Menschen aus Wirtschaft und Bürgerschaft“.

Irgendwo zwischen ESOC und Deutscher Telekom, zurück im Industriegebiet, liegt ein weiteres Heim. In der Nähe der Starkenburg-Kaserne arbeitet seit kurzem die 19-jährige Luise Meck. Die Sporthalle im südlichen Stadtteil Eberstadt, in der die Flüchtlinge wohnten, wurde geräumt, weil sie in feste Notunterkünfte umquartiert werden sollten. Meck ist eine der ersten Bundesfreiwilligen aus dem Sonderkontingent „mit Flüchtlingsbezug“, das im Dezember gestartet wurde. „Ich wollte mich nach dem Abitur sinnvoll engagieren“, sagt sie. Sie sei überrascht, wie viele Menschen bereit seien, etwas zu spenden, oder ehrenamtlich Deutschkurse, Bastelnachmittage oder gemeinsames Kaffeetrinken anböten. Das sei bei uns nicht selbstverständlich.

Brennende Asylbewerberheime, rechte Bürgerwehren, Rechtsradikale auf Menschenjagd, erfrierende Flüchtlinge – in Deutschlands „Stadt der Zukunft“ scheint das alles weit entfernt.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 05/16.