Stefan Simon
Ausgabe 3015 | 02.09.2015 | 06:00 1

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Porträt Faten El-Dabbas hat keine Lust, die Vorzeigemuslimin zu geben. Als Poetryslammerin geht sie mit der deutschen Gesellschaft hart ins Gericht

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„Würde ich Kopftuch tragen, wäre ich raus“ - Faten El-Dabbas jobbt im Auswärtigen Amt

Foto: Jennifer Osborne für der Freitag

Das Café der Technischen Universität in Berlin-Charlottenburg ist ein kühler, nüchterner Ort. Faten El-Dabbas hat es als Treffpunkt vorgeschlagen, die Politikstudentin lernt hier oft. Der erste Eindruck: eine zurückhaltende junge Frau, geradezu angepasst. Die 25-Jährige spricht mit sanfter, ruhiger Stimme. Doch Faten El-Dabbas ist wütend. Sie möchte nicht als Vorzeigemuslimin gesehen werden. Diese Wut verpackt sie in ihren Texten, auch wenn es nicht immer gut sei, „mit Wut im Magen zu schreiben“, wie sie sagt. Faten El-Dabbas ist Poetryslammerin. Sie ist bei i,Slam aktiv, einer Gruppe von junge Muslimen, die sich in lyrischen Texten zu all den großen Themen äußern: Religion, Politik, unsere Gesellschaft, die Liebe. Sie selbst schreibt vor allem über den Nahost-Konflikt und über Vorurteile gegenüber dem Islam. Im Moment arbeitet sie an ihrer ersten Gedichtsammlung. Sie thematisiert darin die Sicht einer muslimischen Deutsch-Palästinenserin.

der Freitag: Frau El-Dabbas, Sie prangern als junge Muslimin Missstände in der deutschen Gesellschaft an. In einem Ihrer Texte heißt es: „Seit über 65 Jahren versuche ich dich, Deutschland, zu wecken. Doch du stellst eher Fragen, ob ich zu dir gehöre oder nicht. Ob ich Muslim wäre oder ein versteckter Terrorist, ob ich Deutsche sein darf oder für immer ein Ausländer ...“ Erleben Sie das in Ihrem Alltag als Studentin denn so?

Faten El-Dabbas: Ich fühle mich hier wohl. Allerdings nicht so, wie ich es gerne hätte. Ich beobachte Freundinnen, die ein Kopftuch tragen. Sie bekommen Probleme bei der Arbeit, weil viele Menschen leider in Schubladen denken. Ich habe das Gefühl, dass Deutschland sich immer noch nicht als Einwanderungsland sieht. Das spiegelt sich auch in der Sprache wider. Erst redete man von den Gastarbeitern, dann von Migranten und jetzt von Deutschen mit Migrationshintergrund. Ich weiß nicht, welche Begriffe noch erfunden werden müssen, bis irgendwann gesagt wird: Es sind auch Deutsche.

Dabei sagte schon der ehemalige Bundespräsident, Christian Wulff, der Islam gehöre zu Deutschland. Angela Merkel hat das gerade öffentlich wiederholt.

Würde ich ein Kopftuch tragen und damit meine Religion rein äußerlich sichtbar machen, wäre ich ausgeschlossen. Politik ist oft Rhetorik. Nach dem Attentat auf das Magazin Charlie Hebdo vor einem halben Jahr mussten wir Muslime uns sofort für diese Tat rechtfertigen. In einem meiner Texte schreibe ich: „Was geschah, soll ich verurteilen, doch tu ich es, lassen sie den Generalverdacht? Ich verurteile, was geschah, weil ich als Mensch gegen jeden Akt von Terror bin. Aber Terror ist nicht nur Charlie Hebdo.“

Sie sind im pfälzischen Pirmasens geboren. Als Sie ein Jahr alt waren, ist Ihre Mutter mit Ihnen nach Berlin gezogen, ohne den Vater. Wie haben Sie die Zeit mit Ihrer alleinerziehenden Mutter erlebt?

Es ist ja für jede Mutter schwierig, alleinerziehend zu sein. Aber meine hatte in Deutschland keine Ausbildung. Meine Mutter musste die Schule nach der 8. Klasse abbrechen und arbeiten, um meine Großeltern zu unterstützen. Sie besuchte die Volkshochschule, um ihr Deutsch aufzubessern. Als ich dann im Kindergartenalter war, bekam sie einen Job in einer Kita. Meine Mutter ist eine Kämpferin. Trotz des Kriegs im Libanon, wo sie geboren ist und später der schwierigen Zeiten in Deutschland. Sie hat versucht, mir alles zu ermöglichen. Durch ihre Mühe bin ich dorthin gelangt, wo ich heute bin.

Sie studieren Politik- und Rechtswissenschaften. Im Nebenjob sind Sie beim Auswärtigen Amt beschäftigt. So leicht kommt man da ja nicht rein. Sie haben den Aufstieg offensichtlich geschafft.

Die Stelle war ausgeschrieben und ich habe mich beworben. Das war alles. Ich interessiere mich sehr für Außenpolitik und gleichzeitig mag ich es, Texte zu schreiben und mit sozialen Medien zu arbeiten. Die Arbeit macht mir Spaß, ich bin dort im Referat internationale Diplomatenausbildung mit für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Wichtig war mir, dass ich einen Nebenjob habe, bei dem ich meinen Kopf einsetzen kann.

Das klingt nach gelungener Integration. Woher kommt dann die Wut, die Sie in Ihren Texten bei i,Slam ausdrücken?

Ich habe nach dem Abitur angefangen zu schreiben. Das erste Projekt, bei dem ich mich engagierte, war Juma. Der Name steht für: jung, muslimisch und aktiv. Dort kann man sich in verschiedenen Gruppen beteiligen, Medien, Identität, Rassismus, Chancengleichheit, oder auch Interreligiöses.

Was taten Sie dort konkret?

In der Mediengruppe haben wir uns beispielsweise mit der Berichterstattung über Muslime aus-einandergesetzt. Wir hatten dann mal ein Treffen mit Journalisten von der Bild-Zeitung. Es ging um die Sarrazin-Debatte, Muslime und Ausländer in Deutschland und die Art und Weise, wie sie in den Medien präsentiert werden. Wir fragten nach der Verantwortung der Medien für das, was sie abdrucken. Im Laufe des Gesprächs wurde einer der Journalisten immer stiller und musste bei vielen Fragen passen.

Was hat das Gespräch dann gebracht?

Es war aus unserer Sicht erfolgreich, denn der Bild-Mitarbeiter war überrascht. Er fing an, nachzudenken über seine Haltung gegenüber Muslimen und Menschen mit Migrationshintergrund. Um diese Reflexion ging es uns.

Sie reden bei den i,Slam-Abenden im Namen der Muslime. Aber das ist doch keine homogene Gruppe, sondern eine, die wiederum in sich aus sehr unterschiedlichen Schichten besteht.

Ja, es stimmt, das soziale Milieu spielt eine entscheidende Rolle. Mit jungen Muslimen meine ich den Teil meiner Generation, der sich gesellschaftlich einbringt und sich für seine Rechte als Bürger und Individuum einsetzt. Den Teil also, der nicht stumm ist oder in einer Parallelwelt lebt. Das können Leute wie ich nur, weil wir bestimmte Probleme nicht haben, in der Schule oder im Elternhaus. Erst wenn man solche Hürden überwunden hat, kann man auch versuchen, gesellschaftliche Barrieren zu brechen.

Erreichen Sie mit Ihren Texten überhaupt auch Jugendliche aus den sogenannten Problemvierteln?

Wir sind offen für jeden, der sich für die Kunst interessiert. Wir sind kein geschlossener Kreis, wir gehören nicht einer Nationalität oder einer sozialen Schicht an. Uns verbinden der Islam und Poetry Slam. In meinen Texten spreche ich nicht die Abgehängten direkt an. Aber ich rede mit ihnen und motiviere sie. Zum Beispiel dafür, an i,Slam teilzunehmen, aus ihrem Bauch heraus zu schreiben und über Probleme in Form eines künstlerischen Textes zu reden. Ich selber habe aber auch sogenannte Abgehängte in meinem Verwandtschaftskreis.

Wertgetreue Dichterschlacht

i,Slam ist ein muslimischer Poetry-Slam-Verein, der 2011 von den Berliner Studenten Youssef Adlah und Younes Al-Amayra gegründet wurde. Ihre Idee: eine „Dichterschlacht“ für junge Muslime, die sich zu aktuellen Fragen äußern möchten. Dabei sollen die Texte „sowohl mit islamischen Werten vereinbar sein als auch die Toleranz gegenüber anderen Religionen wahren“. Ansonsten gelten dieselben Regeln wie bei den meisten anderen Poetry Slams auch: Nur eigene Texte dürfen vorgetragen werden, es dürfen keine Requisiten oder Kostüme zum Einsatz kommen, und wenn das Zeitlimit überzogen wird, droht Punktabzug.

2012 fand in Berlin zum ersten Mal der interreligiöse Kontest i,Slam – we,Slam statt, bei dem Faten El-Dabbas aus dem Stand den ersten Platz belegte. I,Slam-Veranstaltungen finden inzwischen deutschlandweit sowie in Österreich und der Schweiz statt.
Breitere Aufmerksamkeit haben El-Dabbas und ihre Kollegen von i,Slam schon des Öfteren erhalten. So waren sie im Januar zu Gast in der Talkshow von Maybrit Illner – Thema „Mord im Namen Allahs. Woher kommen Hass und Terror?“ – und sie hatten einen Auftritt auf einer Gegenveranstaltung zu Pegida in Dresden. Faten El-Dabbas slammte dort vor tausenden Menschen. Neben i,Slam gibt es noch diverse andere Vereine, in denen sich junge Muslime engagieren.

Mit der Integrationsbeauftragten des Berliner Senats hat das Projekt „Juma – jung, muslimisch, aktiv“ einen Jugendatlas entwickelt. Dort werden die über 30 Vereine zu muslimischer Jugendarbeit in Berlin präsentiert. Die Bandbreite reicht von i,Slam über Initiativen zum Umwelt- und Naturschutz bis hin zu Unterricht in Gebärdensprache.

Die Muslime, die sich bei i,Slam engagieren, erinnern mich an junge deutsche Studenten, die aus einem bürgerlichen oder akademischen Haushalt stammen, politisch sehr links orientiert sind und sich für Nicht-Privilegierte einsetzen wollen.

Wir stammen nicht alle aus einem bürgerlichen und akademischen Haushalt, ganz im Gegenteil. Wir sind oftmals die ersten in unseren Familien, die überhaupt Abitur machen oder studieren. Das hat uns Türen geöffnet und ermöglicht uns, noch weiter zu schauen und uns in unserem eigenen Umfeld zu engagieren.

Ich musste dabei an die 68er denken.

Ich finde den Vergleich zu dieser Bewegung interessant. Meiner Generation wird ja eher ein fehlendes politisches Interesse vorgeworfen. Es heißt, wir Studenten würden nur durch das Studium preschen und Karriere machen wollen. Da mag etwas dran sein. Wofür sollte man sich heute auch radikalisieren? Wir sind ja alle frei in unserem Denken und Handeln.

Geht das auch den Muslimen so?

Nein, für die sieht es eben anders aus. Wir fühlen uns oft gefangen innerhalb der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Wir müssen gegen vieles ankämpfen. Aber einige aus meiner Generation sind gerade dabei, diese Barrieren zu durchbrechen. Vor allem durch Bildung, sonst wird man ja überhaupt gar nicht ernst genommen. Ich und die anderen, wir setzen uns dafür ein, dass es immer mehr von uns schaffen.

Sie sagen „uns“ und „wir“. Nun betonen Sie also selbst das Trennende der Mehrheitsgesellschaft.

Ich bin Berlinerin und könnte mir nicht vorstellen, in einer anderen Stadt oder sogar in einem anderen Land zu leben. Ich habe hier meine Freunde und das Glück, eine gute Bildung genossen zu haben. Aber ich habe noch eine andere Heimat. Palästina.

Väterlicherseits?

Meine Eltern sind beide Palästinenser. Ich kannte Palästina lange nur durch die Erzählungen von meinem Großvater, der auch in Berlin lebte. In der Schule hätte ich gerne mehr über mein Land erfahren, denn wenn zu Hause der Fernseher lief, war Palästina immer mit negativen Dingen verbunden, mit Krieg oder Politik. Wenn ich mal etwas Schönes hörte, dann von meinem Opa, der mir von seiner Kindheit erzählte, von der Schönheit der Landschaft. Oder auch von den dortigen Nachbarn und seinem Haus.

„Mein Land“?

Ich glaube, wenn es diesen Konflikt zwischen Israel und Palästina nicht gäbe, dann würde ich es nicht so betonen. Aber in der 9. und 10. Klasse gab es so eine Phase, in der ich oft sagte, ich sei Palästinenserin. Ich wurde gefragt, warum ich nach Deutschland gekommen bin. Und ich antwortete: „Ich bin hier geboren. Ich bin Deutsche, aber ich bin auch Palästinenserin.“

Wie nähert man sich einer zweiten Heimat, wenn man so weit entfernt lebt?

Ich fing an im Internet zu forschen. Ich las Zeitungsartikel und Literatur über Palästina und dann stieß ich auf den palästinensischen Schriftsteller Mahmoud Darwish. Ich verschlang seine Texte und lernte mehr über das Land und das Leben dort. Gleichzeitig lernte ich durch Darwish die Leidenschaft des Schreibens, ich gab meinen Worten mehr Sinn.

Waren Sie jemals in Palästina?

Ja, meine Mutter und ich haben 2012 das erste Mal Verwandte meines Großvaters besucht. Wir waren in Israel und in Bethlehem, Jenin und Ramallah. Dann flog ich noch mal im Rahmen einer Projektreise nach Israel, da ging es um die Lage der Minderheiten in beiden Ländern. Ich spüre eine starke Nähe, ja Sehnsucht nach Palästina, auch wenn ich nicht jedes Jahr dort sein kann. Ich habe ein paar Freundschaften aufgebaut und versuche sie über Facebook zu halten.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 30/15.

Kommentare (1)

Sikkimoto 02.09.2015 | 10:40

Leidenschaft und Beruf passen gut zusammen. Wer die Pressemitteilungen des Auswärtigen Amtes liest weiß dass es sich oft um gelungene Satire handelt.

>Wofür sollte man sich heute auch radikalisieren? Wir sind ja alle frei in unserem Denken und Handeln.<

In modernen Schlachtereien wird kein Tier mehr zum Messer gezerrt. Statt dessen werden Gänge so angeordnet dass das Tier, seinen Trieben folgend, stressfrei und ganz von alleine zum Ort seines Todes findet. :)