Sandow im Tatort

Ost-Rock Was hat eine der "anderen Bands" der DDR in einem Barschel-Tatort zu suchen?
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Es war die Schlüsselszene des Kieler Tatorts am vergangenen Sonntag. Die Ermittler betreten das Foyer eines Radiosenders und erfahren, dass eine Moderatorin während einer Livesendung garnicht im Studio ist. Aus medienethischer Sicht wäre das jetzt ein klassischer Fall der Nichtbeachtung des Tutzinger Appells für faires Radio, Punkt 3: "Was nicht wirklich live ist, wird auch nicht als live verkauft." Aber darum geht es ja dem Tatort nicht, sondern um die Aufklärung eines Mordes. Das sicher eingestufte Alibi der Moderatorin ist damit alles andere als wasserdicht.

Im Hintergrund der Szene ist ihre vermeintlich live moderierte Talkshow noch zu hören. Zu Gast ist ein "ehemaliger Ost-Punker", der über die unerwartete Aufmerksamkeit während seiner aktuellen Konzerttour durch Schleswig-Holstein berichtet. Dabei tobe der Saal, habe sich die Moderatorin sagen lassen. "Ja, das stimmt", gibt der Sänger triumphierend lachend zu Protokoll. Dann wird ein Song aus dem aktuellen Album eingespielt. Diese ersten Takte und Gitarrenriffs klingen allzu vertraut. Der Tatort endet und der Song erweist sich beim späteren durchblättern meiner Plattensammlung als "Happy House" der Cottbusser Band Sandow.

"Die Gurus sind tot. Wir glauben an nichts. Wir glauben an nichts mehr. Die Zeit rennt schneller, als mancher es hofft..."

Der Text passt zum Jahr seines Erscheinens. Das war 1990 im Album "Der 13. Ton", dem Nachfolgealbum des 1989 bei AMIGA gepressten "Stationen einer Sucht". Dort findet sich auch Sandows "Born in the GDR". Bekannter wurden sie 1987, als sie im DDR-Jugendradio DT 64 zu hören waren. Und dann natürlich 1988, als der DEFA Rockreport "Flüstern und Schreien" in die DDR Kinos kam. Darin wurden Bands portraitiert, die mehr oder weniger abseits des staatlich normierten DDR-Mainstream Musik machten. Ein Film über die Underground-Kultur der DDR, der aber auch als pseudosubversiver Film wahrgenommen wurde.

Nach der Wende gab es einen zweiten Teil der Doku. Auch hier tauchte Sandow wieder auf. In den Interviews wird deutlich, dass die Musiker weiter unangepasst bleiben und nicht mit dem Strom schwimmen wollen. Die Filmemacher versuchen auch den spürbaren Verlust der unbeschwert wirkenden Naivität der Vorwendezeit nachzugehen. War mit dem Westen im Osten nun Zynismus, vielleicht auch Ohnmacht, Passsivität und ein "sich Danebenstellen" angesagt? Gitarrist Chris Hinze verneint. Für Sänger Kai-Uwe Kohlschmidt gab es nach einigen Jahren BRD-Erfahrung ganz eklatante Unterschiede zum streng autoritären DDR Staat:

"Das totalitäre System war paradoxerweise schon mit jedem Nadelstich angreifbar. Jedes falsche Lächeln zur falschen Zeit ist schon ein Angriff auf das System. Jeder Witz ist ein Angriff auf das System. Und das dreht sich gut um. Dieses System absorbiert alles, nimmt auch alles auf. Nichts schadet ihm."

Was hat Sandow jetzt aber 2012 und 10 Alben später, plötzlich so zusammenhanglos in einem Barschel-Tatort zu suchen? Erst vor einigen Wochen Anfang Oktober feierten sie 30 jähriges Bandjubiläum in ihrer Heimatstadt Cottbus und in Leipzig. Die raren Konzerte der letzten Jahre fanden ausschließlich in Ostdeutschland statt. Zwischendurch auch mal in der Schweiz oder Belarus. Eine Tour durch Schleswig-Holstein war nicht dabei. Ein zufälliges Dokument ala NSU konnte die Radiobotschaft also auch nicht sein.

Des Rätsels Lösung scheint simpler. Kohlschmidt komponiert seit vielen Jahren für Film und Fernsehen. Und sein Name taucht auch in den Credits des aktuellen Tatorts auf. Er hat also wohl selbst Anteil an der versteckten Botschaft und Inszenierung. Das wäre auch nichts Neues. Die Geschichte der Band, die an die Erfolge der Vorwendezeit nie wieder anknüpfen konnten, hat Kohlschmidt bereits vor drei Jahren in Szene gesetzt. Sein im Hessischen Rundfunk produziertes Hörspiel "Im Feuer" erzählt eine "Bohemian Geschichte zwischen Liebe und Sucht, Verlust und Exzess", verspricht der Trailer. Was zur Bandgeschichte für die Zukunft also noch fehlt, wäre vielleicht tobendes Publikum auch im Westen, wenn Sandow ihr "Happy House" anspielen:

"Was soll ich Dir sagen? Ich war dabei! Ich schreib Memoiren. And the time goes by. Wir tanzen, wir tanzen. Wir tanzen, wir tanzen. Wir tanzen, wir tanzen. Wir tanzen, wir tanzen..."

12:40 18.10.2012
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Geschrieben von

Stefan Tenner

transition & transmission
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Stefan Tenner

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