Grundrechte für Menschen und andere Primaten

Recht Obwohl wir seit über hundert Jahren wissen, dass der Mensch weder von Gott geschaffen wurde noch eine Krone hat, diskriminiert das Rechtssystem andere Spezies noch immer.
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Die Kluft zwischen Mensch und Tier ist immer noch tief in unserer Gesellschaft. Tierrechte haben immer noch etwas Absurdes, ja Anrüchiges. Dabei wackelt die “Krone der Schöpfung” durch Entdeckungen der letzten Jahrhunderte mittlerweile gewaltig. Zunächst rückte die Erde vom Zentrum des Universums in eine Umlaufbahn um einen beliebigen Stern in einer von unzähligen Galaxien. Da verrutschte die Krone zum ersten Mal. Charles Darwin erschütterte sie dann ein zweites Mal mit seiner Evolutionstheorie – diesmal noch nachdrücklicher: Wir sind das Produkt biologischer Prozesse und teilen uns die nahe Verwandtschaft mit anderen Primatenspezies.

Wirklich zu Herzen genommen haben wir uns diese Erkenntnisse jedoch nie. Während der moralische Fortschritt inzwischen viele zuvor marginalisierte und unterdrückte Menschengruppen erreicht hat, leiden andere Primaten immer noch hinter der Speziesgrenze, die sich häufig in Gitterstäben manifestiert. Menschenaffen werden immer noch unter oft grausamen Bedingungen in Zoos und Laboratorien gehalten. Von anderen Tieren ganz zu schweigen.

Dabei ist diese Grenze alles andere als undurchlässig. In der Biologie gibt es seit Jahren einen andauernden Streit über eine konsistente und allgemeingültige Definition des Speziesbegriffs. Zu welchem Zeitpunkt seiner evolutionären Geschichte wurde der Mensch zum Mensch? Eine eindeutige Antwort zu geben scheint nicht möglich. Aber selbst wenn eine solche Definition in Zukunft möglich wäre: Was berechtigt uns, diese mögliche biologische Grenze zu einer moralischen zu erheben?

Denn einer Tatsache ist seit Darwin nicht mehr zu entkommen: Wir sind nur die letzte überlebende Spezies der Gattung Homo innerhalb der Familie der Menschenaffen, die wiederum zur Unterordnung der Trockennasenprimaten gehört. Im phylogenetischen Stammbaum geht es von dort weiter zur Ordnung der Primaten, die nur einen Teil der Höheren Säugetieren ausmachen, die wiederum zur Ordnung der Säugetiere zählt.

Welches Kriterium wollen wir anlegen, um alle anderen Tiere als Dinge zu behandeln, die wir ausbeuten und einsperren dürfen? Bisher hat keines überzeugt: Entweder andere Tiere erfüllen die postulierte Bedingung oder bestimmte Menschen erfüllen sie nicht. Knüpfen wir Grundrechte beispielsweise an Intelligenz, wird schnell klar, dass bestimmte nichtmenschliche Tiere eine höhere Intelligenz besitzen als z.B. Menschen mit geistiger Behinderung oder Säuglinge, die sicherlich den Schutz durch Grundrechte verdienen. Ähnlich verhält es sich mit Sprache, dem Erfüllen moralischer Pflichten oder Selbstbewusstsein.

Ein weiteres Problem mit diesen Kriterien ist, dass sie nicht einfangen, wieso wir anderen Menschen Grundrechtsschutz gewähren. Wir treten nicht für das Leben oder die Gesundheit anderer Menschen ein, weil sie sprechen können, weil sie intelligent sind, über Selbstbewusstsein verfügen oder das Konzept moralischer Pflichten begreifen. Wir tun es, weil wir wissen, dass dies in ihrem fundamentalen Interesse liegt.

Wenn wir den Schutz fundamentaler Interessen als Begründung für Grundrechte akzeptieren, sollten wir auch die Speziesgrenze überschreiten. Denn darüber, dass auch andere Trockennasenaffen ein Interessen an physischer und psychischer Unversehrheit sowie ihrem Leben haben, besteht kein Zweifel. Primaten leiden, sie planen für die Zukunft und sie trauern um den Tod ihrer Verwandten und Freunde. Daher verdienen auch sie den Schutz durch unveräußerbare Grundrechte. Die Kluft zwischen Mensch und Tier mag zwar innerhalb unserer Gesellschaft tief sein, aber in vielen Dingen sind sich Trockennasenaffen eben doch sehr ähnlich.

Am Freitag, 17. Juni, ab 19:30 Uhr am Franz-Mehring-Platz 1 (Seminarraum 1) diskutieren Steve Wise vom Nonhuman Rights Project aus den USA, Colin Goldner vom Great Ape Project und Adriano Mannino von Sentience Politics über Grundrechte für Primaten.

09:54 14.06.2016
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Geschrieben von

Stefan Torges

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