Stefan Hetzel

Bürger, Publizist, Komponist (autonom, aber vernetzt)
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Stefan Hetzel
RE: Gentrifizierung, soziokulturell | 31.10.2016 | 14:12

@DOS: Danke für Ihren klugen Kommentar. Und: nein, ich denke, die globalliberalen Hyperkulturellen sind tendentiell doch toleranter als die wutpatriotischen Kulturessentialisten. Aus Ihrem Kommentar lese ich eine komplette Relativierung beider Positionen heraus, die ich nicht teile.

RE: Dazugehörenwollen: Wie der NSU entstand | 01.04.2016 | 21:54

@IBAN: Herzlichen Dank, ich fühle mich verstanden :-) Ja, ich denke schon, dass es ein sehr wichtiges Qualitätsmerkmal eines Spielfilms ist, wie er Gewalt darstellt. Und im Fall von "Heute ist nicht alle Tage" wird eben auf unangenehme Art und Weise klar, wieviel Gewalt gegen Schwächere (also sadistische Gewalt) mit Lustgewinn zu tun hat. Die Zschäpefigur hat sich in der von Ihnen erwähnten Szene einfach gut gefühlt, geil gefühlt, selbstbewusst gefühlt - weil sie glaubte, auf der richtigen Seite zu stehen. Es war nicht allein sie, die zutrat, es war "die Sache" (d. h. der kommende NSU).

Dieser sozialpsychologische Aspekt von Gruppenidentifikation kommt in der politischen Debatte fast immer zu kurz. Dabei ist das ja nun wirklich kein psychiatrisches Geheimwissen mehr. Mit politisch-historischen Argumenten allein ist dem Phänomen NSU nicht beizukommen (der RAF übrigens auch nicht ... und der IRA ... und dem IS etc.).

Das Problem ist, dass diese komplette Enthemmungsoption in jedem Menschen schlummert, die meisten aber zuwenig Fantasie haben, um sich selbst in einer solchen Situation vorstellen zu können. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass speziell juristisch oder auch naturwissenschaftlich gebildeten Menschen hier jegliche Einbildungskraft abgeht (ok, vermutlich auch, weil in diesen Studiengängen fast ausschließlich analytische Intelligenz gefragt ist - wer sehr fantasiebegabt ist, wird kaum Jura studieren).

Das könnte übrigens auch ein sozialpsychologischer Grund sein, warum das Morden des NSU so lange unentdeckt blieb: Die zuständigen Behörden waren buchstäblich nicht in der Lage, sich ein derartiges Phänomen vorzustellen. Ein "schönes" Beispiel dafür, wie immenser gesellschaftlicher Schaden durch einen systematischen Mangel an Einbildungskraft entstehen kann.

RE: Dazugehörenwollen: Wie der NSU entstand | 01.04.2016 | 19:49

@Janto Ban: Ja, der Mundlos-Darsteller war auch großartig, danke für's Feedback :-)

RE: Toleranz, Geschmack, Minimalismus | 07.03.2016 | 18:39

@LETHE: "Ich weiß noch nicht einmal, was eine nichtspezifische Toleranz sein soll. Der generelle Verzicht auf Differenzierung? Das wäre fatal."

Wie gesagt, Toleranz bedeutet für mich nicht Urteilsverzicht, weil Toleranz und geschmackliches Urteil unterschiedlichen Kategorien angehören, die aber aufeinander angewiesen sind. Ohne basale Toleranz ist keine freie Geschmacksbildung möglich.

"Meine Toleranz anderen Kulturen gegenüber umfasst z.B. keine Duldung massiv frauenfeindlicher Komponenten."

Habe in meiner ersten Fußnote unter dem Stichpunkt "unmittelbare gesundheitliche Bedrohung" kurz angedeutet, dass es natürlich gesellschaftliche Bereiche gibt, wo man den Toleranzbegriff anders fassen muss. Aber darum ging es mir in dem Artikel nicht. Das Schöne in der Kunst ist ja gerade, dass das "Leib-&-Leben"-Argument hier fast nie angewendet werden muss, weil es wohl eher selten vorkommt, dass eine Künstlerin ihrem Publikum physischen Schaden zufügen will.

RE: Facebook und das Versagen der Meinungselite | 25.01.2016 | 10:16

@Silvio Spottiswoode: Danke :-) Dass man als Akademiker hauptsächlich akademische FB-Freunde hat, sagt wohl mehr über das Filterbubble-Problem (wenn es denn eines ist) aus als über meine These. - Der Einwand mit dem Nutzerverhalten erscheint mir auch nicht stichhaltig: Nach langjähriger Beobachtung meines (bildungstechnisch heterogeneren) FB-Freundeskreises stelle ich fest, dass die Bildungsferneren sich tendenziell häufiger, impulsiver und entschieden meinungsfreudiger zu Wort melden als meine FB-Freunde mit high formal education. Es gibt unter Letzteren auch nicht wenige, die all die Jahre noch nie irgendwas gepostet haben (warum auch immer). Sollte dies ganz allgemein zutreffen, würde das die real existierende FB-Bildungsferne ja sogar noch verstärken! Was meinst du?

RE: Facebook und das Versagen der Meinungselite | 23.01.2016 | 15:52

@Janto Ban: Danke für den Kommentar, beschreibt die holprige Politisierung gerade in meiner Generation (X) ganz gut :-)

RE: Die kalten Schauer der Alternativlosigkeit | 12.08.2015 | 09:42

@Silvio + Lee: Dankeschön für's positive Feedback und: - ja, ich finde, Raabs Arbeiten hätten es mehr als verdient, intensiver wahrgenommen und diskutiert zu werden.

RE: Jetzt bist du dran, Stammtisch! | 12.04.2014 | 18:10

@Magda: Schon richtig. Aber es ist ja gar nicht so simpel, Sarrazin zu widerlegen, ohne emotional zu werden. Speziell politisch korrekten Menschen gelingt das oft nicht, so meine Erfahrung. Aber Kantara hier schon. Das ist das wirklich Bemerkenwerte an der Dokumentation: Sie ist frei von Polemik. Er schlägt Sarrazin mit Argumenten, ohne ihn wie einen Deppen dastehen zu lassen.

RE: Vivian Maier und die Kunstwelt | 07.04.2014 | 09:10

Na ja, Tichýs "Weltsicht" ist ja wohl noch weiter vom Common Sense entfernt als Maiers, von daher ist sein "Interpretationsbedürfnis" womöglich sogar noch höher als das Maiers.

RE: Vivian Maier und die Kunstwelt | 06.04.2014 | 15:29

@Delloc: Danto sagt nicht, dass "Dinge interpretationsfähig sind" (das wäre trivival, da hast du recht), er betont lediglich, das Kunst immer einer Art vorhergehender "Theoriebildung" bedarf, um überhaupt zu entstehen. Hätte man keine derartige Theorie, gäbe es auch kein Bedürfnis, die Dinge zu "interpretieren". - Es gibt natürlich vielerlei Motivationen, Kunst zu machen: Pflichtgefühl ("Ich hab ja Kunst studiert."), Wut ("Das ist jetzt zwar schlechte Kunst, enthält aber genau die Gesellschaftskritik, die ich schon immer äußern wollte.") oder auch das Bedürfnis, "dabei" zu sein ("Das gefällt mir jetzt zwar nicht, was ich da fabriziere, aber es ist genau in dem Stil, der gerade angesagt wird."). Die intrinsische Motivation (also die "onanistische") ist dabei - für mich - eine der interessanteren. Außerdem stößt mich die Vorstellung ab, dass jemand künstlerisch tätig ist, ohne sich dabei im Mindesten selbst zu beglücken.