Stefan Hetzel
26.01.2014 | 10:46 42

Das Neue Spiel

Soziodigitalisierung Michael Seemann aka mspr0 wagt sich an eine Diagnose des Digitalen Zeitalters

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Stefan Hetzel

Das Neue Spiel

Foto: re:publica 2014 / Flickr (CC)

Der Berliner Netztheoretiker Michael Seemann (auch bekannt als mspr0) versucht gerade, eine umfassende soziale Diagnose des Digitalen Zeitalters (meine Formulierung, Seemann selber würde das wohl bescheidener ausdrücken) zu schreiben, Respekt! Vor einigen Tagen bloggte er erstmals ein Abstract seines im Entstehen begriffenen Buches "Das Neue Spiel" (Ist das eine Anspielung auf Roosevelts "New Deal"?), dessen prägnanteste Thesen ich hier kurz in weitgehend eigenen Worten zusammenfassen möchte:

  1. Kontrollbedürfnis erzeugt Kontrollverlust. Die Verdatung der Welt, die Beschleunigung der Datenströme sowie die steigende Aussagekraft der Daten durch unvorhergesehene Verknüpfungen bewirken paradoxerweise einen zunehmenden Kontrollverlust - und zwar nicht nur auf Seiten des Individuums, sondern (und das ist der verblüffende Dreh an Seemanns Denke), auch auf Seiten der Institutionen, also des Staates und seiner Geheimdienste sowie der Wirtschaft und ihren Unternehmensberatern.
  2. Die Ordnung der Query. Im Zentrum des Digitalen Zeitalters steht etwas, das Seemann "Query" nennt, also "Abfrage". Gemeint ist nichts anderes als bsp.weise meine ganz ordinäre private Suchanfrage auf Google, aber auch die Späh-Aktionen der NSA oder die Marktbeobachtungen von Analysten. Was haben all diese Tätigkeiten gemeinsam? Nun, sie nutzen die algorithmischen Abfragemöglichkeiten moderner Datenbanken (nichts könnte rationaler, ja rationalistischer sein, meint man), um Erkenntnisse über einen persönlichen bzw. politischen bzw. ökonomischen Sachverhalt zu gewinnen. Glauben zumindest die Abfrager. In Wirklichkeit, und hier spinne ich Seemanns Gedankengang vermutlich etwas weiter, ist ihre Abfrage interessegeleitet (also alles andere als objektiv bzw. sachbezogen), so dass die Query, unbeabsichtigt, eine Ordnung der Dinge erzeugt, statt sie nur nüchtern zu reproduzieren. Diese queryologische Ordnung wiederum benutzen die Abfrager als "objektiven" Ausgangspunkt ihres weiteren Handelns, ohne sich jedoch ihrer Kontingenz bewusst zu sein.
  3. Die Aufrechterhaltung der Privatsphäre bedeutet die Aufrechterhaltung des Alten Spiels "Überwachen und Strafen". "Die derzeitige Disruption der Privatsphäre wird nur deswegen hingenommen, weil auch ihre gesellschaftliche Funktion weitgehend obsolet geworden ist." Hier muss ich unwillkürlich an 68er-Thesen à la "Alles Private ist politisch." denken, aber diese Ähnlichkeit ist nur oberflächlich. Es geht Seemann wohl nicht um das Wiederbeleben "kommunitaristischer" (oder gar kommunistischer) Sozialutopien, sondern um das desillusionierte Hinnehmen des Heraufdämmerns einer technologisch bedingten Unmöglichkeit von Privatsphäre. Auch hier wird's wieder reichlich paradox, aber (für mich) plausibel: Je allgegenwärtiger (und billiger!) die Überwachungsmöglichkeiten, desto unwichtiger wird ihre Rolle im Gefüge der Macht werden. Da es tendenziell immer leichter werden wird, jeden jederzeit überall zu überwachen (man könnte fast von einer, äh, Demokratisierung der Überwachung sprechen), verliert die Überwachung mehr und mehr ihren totalitaristischen Schrecken, weil sie jeder jederzeit an jedem Ort immer mitdenkt und sein Verhalten entsprechend anpassen wird. - Wer Seemann hier politische Naivität unterstellt, vergisst, dass auch die "Gegenmacht" der Hacker sich überwachender Technologien bedient. Als Snowden sinngemäß sagte, im Grunde sei er "immer noch Mitarbeiter der NSA, und zwar ihr bester und treuester", war das keinesfalls ironisch gemeint. Ob Hacker beim Geheimdienst arbeiten oder im Digitalen Untergrund, ist letztlich: - kontingent, denn die Technologie ist die selbe. Die Medien des Totalitarismus, also die Zeitung, das Radio und das klassische Fernsehen, hatten keinen Rückkanal, sie waren strikt uni-direktional. Eine echte "Hacker-Gegenmacht" war, im Unterschied zu heute, unmöglich, da Untergrund-Medien leicht als solche identifiziert und liquidiert werden konnten.
  4. Plattformen sind der Erbe des Staates. Es ist jetzt schon abzusehen, dass das, was heute so federleicht "Soziale Medien" genannt wird (also Facebook, Twitter und die Blogosphäre - Seemann spricht hier abstrahierend von "Plattformen") viele Funktionen übernehmen wird, die einmal dem Staat vorbehalten waren (was allerdings nicht heißt, dass dieser verschwinden wird, bitte!). "eGovernment" ist ein allzu harmloser Begriff hierfür. Aber je stärker soziale Systeme "plattformisiert" werden (meine Formulierung), desto stärker avancieren Plattformen zum Paradigma sozialer Kontrolle. Fatal nur, dass sich ein Großteil der heutigen Plattformen in Privatbesitz (Hallo, Herr Zuckerberg!) befindet und somit nur schwer politisch "eingehegt" (Seemanns Formulierung) werden kann. Seemann prognostiziert demzufolge das Heraufdämmern eines "Digitalen Feudalismus", der allerdings überwindbar sein sollte (durch "Einhegung", versteht sich).

Anmerkung: Die Thesen 3 und 4 spitzen Seemanns Aussagen deutlich zu. Dies tue ich nicht, um seine Gedanken zu verfälschen oder ihn gar zu denunzieren, sondern aus eigenem Erkenntnisinteresse. Es handelt sich um Gedankenexperimente.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (42)

ebertus 26.01.2014 | 11:44

Gut zusammengefasst, auch -oder gerade- wegen der Kürze.

Der zunehmende Kontrollverlust (unserer) staatlichen Organisationen und staatstragenden Medien ist offensichtlich, das Top-Down der Verbreitung von "His Masters Voice" kann im Zeitalter des hierzulande noch halbwegs freien Internet schnell als das entlarvt werden, was es im Grunde ist: Hofberichterstattung, frei nach dem Propagandamodell von Noam Chomsky.

Nur dann ist meine gefühlte Übereinstimmung mit Seemann schon beinahe an ihrem Ende angekommen, bleibt die umfassende soziale Diagnose bestenfalls ein akademischer Diskurs und der digitale Feudalismus dem intellektuellen Elfenbeinturm vorbehalten.

Warum?

Nun, weil das "real life" für zunehmend viele Menschen die Befriedigung der untersten Ebenen dieser bekannten Bedürfnispyramide bedeutet. Das Fressen kommt nun mal vor der Moral und wer als in der Regel besitzloser Intellektueller nicht bei den Mächtigen, den fast alles Besitzenden andockt, der darf vorerst noch ein Stück weit an der langen Leine laufen, wird früher oder später dann doch noch eingemeindet, eingehegt; oder endet auf der Barrikade bzw. im Landwehrkanal.

Ok, mal schauen, was das fertige Werk dann in dieser Richtung substantiell hergibt.

Btw. "Der kommende Aufstand" und relativ ohne digitalen Diskurs, der wurde bereits geschrieben...

alalue 26.01.2014 | 19:20

Dien Überwachung wird aber nicht harmloser, weil sie so zunimmt im Gegenteil: weil Speicher & Rechnerkapazität immer billiger und besser wird, erdrückt die Überwachung: bald können Menschen anhand biometrischer Daten auch anhand der Körperfigur erkannt werden und Algorithmen werten alles aus:und zwar treffsicher.

Die Täuschung der Fehlinformation durch eigene Beeinflussung der Suchanfragen ist auch Unsinn: man bekommt das, wonach man fragt.

Ein gewisses Problem ist allerdings die Vorhersage von ökonomischen Daten, vor allem wenn die auf Spekulation beruhen: weil alle nach den gleichen Algorithmen arbeiten, besteht die Gefahr sich selbst erfüllender Propzezeiungen: weil alle glauben, diese Aktie steigt, steigt sie wirklcih, und umgekehrt.

Hier wäre die Lösung eine deutlichen Finanztransaktionssteuer: dann wird der Spekulationseffekt geringer.

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Ehemaliger Nutzer 26.01.2014 | 21:28

1. Herrschaft entsteht durch einen Vorsprung an Information.
2. Query ist die Abfrage, ob der Vorsprung noch besteht, also eine Kontrollfunktion.
3. Mit Privatsphäre ist der Rückzugsort gemeint, an dem ich mich von sozialen Anforderungen erhole.
4. Plattformen sind Handlungsebenen für soziale Aktion, befinden sich also immer in öffentlichem Besitz.
5. Neu ist der unbegrenzte, globale Einsatz von Plattformen, der Privatpersonen und Staaten auf die gleiche Stufe stellt, die alleinige Kontrolle durch Staatsregierungen also konterkariert und deren Kontroll-Anspruch nicht nur sinnlos macht, sondern lächerlich.
Mit den IT-Systemen werden wir also eine völlig andere Gesellschaftform bekommen; je schneller die Idioten aus der Staatsverwaltung da begreifen, um so schneller sind wir durch das Chaos der Veränderung durch.
6. Neu definiert werden muß vor allem das Eigentum der Person an sich selbst und die effektive Deckung von Eigentumsrechten durch reale Sicherheiten, eine Besteuerung von Spekulationsblasen löst keine Probleme, sonder schafft nur neue.

Aussie42 27.01.2014 | 01:36

In Wirklichkeit, und hier spinne ich Seemanns Gedankengang vermutlich etwas weiter, ist ihre Abfrage interessegeleitet (also alles andere als objektiv bzw. sachbezogen), so dass die Query, unbeabsichtigt, eine Ordnung der Dinge erzeugt, statt sie nur nüchtern zu reproduzieren. Diese queryologische Ordnung wiederum benutzen die Abfrager als "objektiven" Ausgangspunkt ihres weiteren Handelns, ohne sich jedoch ihrer Kontingenz bewusst zu sein.

Ich denke hier ueberschaetzt Du (ich kenne Seemans Position nicht) die query und unterschaetzt sie zur gleichen Zeit.

query ist ja zunaecht nur die schlichte Abfrage einer Datenbank. Da man querys mit verschiedenen Operatoren sehr komplex machen kann, ist es moeglich, auch in sehr grossen Datenbanken schnell einzelne Datensaetze zu finden, die der komplexen Abfrage entsprechen. Oft sucht man auch nur ein Subset der Daten, die man dann "zu Fuss" auf noch komplexere Zusammenhaenge untersuchen muss.

In solchen Abfragen von einzelnen Datensaetzen kann durch die geschickte Konstruktion komplexer queries tatsaechlich eine Theorie aufgebaut und getestet werden oder implizit den Abfragen zugrunde liegen.

Es gibt aber auch "voraussetzungslose" queries, die beispielsweise als neuronale Netze gebaut sind und die auf Grund des Datensatzes "lernen" welche (meist komplexen) Zusammenhaenge im Datensatz aufzufinden sind. Nach einiger Zeit des Lernens sind diese queries dann ziemlich schnell und koennen auch auf andere Datensaetze "angesetzt" werden. (Die "spider" und robots der Suchmaschinen arbeiten beispielsweise nach diesem Prinzip.) Wenn man so will, ist das ein induktives Verfahren, dass keine Theorie vorraussetzt, sondern nur Daten. Aus den Ergebnissen koennen dann Theorien (oder auch kompexe queries) abgeleitet werden.

Da die Datensaetze heute sehr gross sind und die Computer sehr viel schneller als vor drei, vier Jahren, scheinen neuronalen Netze jetzt hinreichend zu funktionieren. Bis vor ca. zehn jahren waren sie nutzlos, weil die Rechner zu langsam waren. Bekannt sind die Dinger seit Ende der siebziger Jahre.

Kurz, neuronale Netze "untersuchen" die Datenbank zunaechst, bilden daraus queries, die dann itterativ immer komplexer werden koennen, bis die Varianz des Datensatzes "ausgebeutet" ist. Diesen cutting point muss man vorgeben oder manuell bestimmen.

Eine vorgaengige Theorie braucht das Verfahren jedenfalls nicht. Das ist das eigentlich beunruhigende daran.

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Ehemaliger Nutzer 27.01.2014 | 02:50

Nu haste mich wieder mal ertappt, wie ich die Welt in ihrer Komplexität auf wenige Zeilen reduzieren wollte.

Selbstverständlich kenne ich Seemanns Theorie auch (noch) nicht, habe aber die Query einfach nur kurz als Summe aller Kontrollfunktionen reduziert, ohne deren einzelne Wirkung genauer untersuchen zu wollen.

Mir ging es darum, daß mit den privaten und staatlichen Plattformen jeder Hacker herumspielen kann und damit dem Staat seine traditionelle Rolle als Oberschlaumeier einfach wegnimmt. Ich drücke mich hier bewußt so banal aus, um zu zeigen, wie belämmert der Staatsapparat-schik in der SchönenNeuen IT-Welt dasteht.

Letztlich sitzen wir im gleichen Boot, aber/und die ersten, die das zu begreifen haben, sind die POLIT-ELITEN.

Nur diesen Kern wollte ich deutlich machen.

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Ehemaliger Nutzer 27.01.2014 | 03:04

Was die Folge dieser Erkenntnis ist, weiß ich auch nicht im Einzelnen; mit Sicherheit ist das kein Staat, der in alle Bereiche der Bürger-Innen hineinregieren darf, sondern ein Staat, der als Dienstleistung zu funktionieren hat und mehr nicht. Das bedeutet, der Staat von der Kommune bis zu Europa - in welcher Form auch immer - sorgt für Infrastruktur und Sicherheit. Ob dazu auch Kinderkrippen in Afghanistan oder Mali zählen, wage ich zu bezweifeln; internationale Hilfe in scheiternden Staaten schon, aber das Scheitern hat ja auch Ursachen, die teilweise in der globalen Finanzwirtschaft liegen.

Ebenso liegen viele der aktuellen Probleme in den Kommunen und in Europa in der globalen Finanzwirtschaft und darum sind erst einmal diese Dinge im eigenen Land zu regeln, bevor die ganze Welt wieder mit dem Deutschen Wesen beglückt wird.

Aussie42 27.01.2014 | 03:45

Ob die Polit-Eliten das begreifen, wage ich zu bezweifeln. Bloed wie die sind. Vielleicht hat irgendein Referent nen Vermerk, 1 Seite, zweizeiligen, vertraulich geschrieben, die dann im Heli auf dem Weg zur naechsten polit-Sause ueberflogen wird.

Dem Referenten hatte ein Lobbyist 10 Seiten auf den Tisch gelegt, die von dessem grosskonzernigen Arbeitgeber stammen. In dessen IT-Abteilung sitzen vermutlich zwei, drei Leute die das alles ausbaldowert haben. Ein achtzig Seiten Papier fuer ihren Systemverwaltung geschrieben haben, wo auf Seite 79 dann steht: "Das Programm ist auch fuer die Zweit-Analyse grossen demoskopischen Datensaetze geeignet, und koennte auch evtl. auch MeinungsTrends in der Bevoelkerung vorhersagen. "Kosten ca. 200 Mann/Tage." "Ok", schreibt Systemverwalter darunter. "10 Seiten Skizze bis morgen frueh."

Gibt die nach oben weiter und im Heli liest der Partei-Fuzzi: "Vertraulich: Wir koennen die Denke von morgen und uebermorgen rausfinden. Geschaetzte Kosten ca. 10.000Euro pro Woche. Muessen wir machen. Exclusiv sinds 20% mehr. "

So laeuft das doch. Oder hat sich da in den letzten 15 jahren viel geaendeert?

mcmac 27.01.2014 | 22:13

"Die derzeitige Disruption der Privatsphäre wird nur deswegen hingenommen, weil auch ihre gesellschaftliche Funktion weitgehend obsolet geworden ist."

Michael Seemann ist sicher ein kluges Kerlchen. Allerdings scheint's manchmal mit der Dialektik nicht so richtig zu klappen; diese These ist - in mehrfacher Hinsicht - ein bisschen ziemlicher Quark. Sie würde z.B. nur dann "funktionieren", wenn man - in Verkennung postdemokratischer Erscheinungen und Entwicklungen - ernsthaft unterstellt, dass die gesellschaftliche Funktion der Privatsphäre tatsächlich irgendwie überflüssig geworden sei. Die öffentliche Darstellung der Privatsphäre (was so sicherlich und auch ein Widerspruch in sich ist), oder vielmehr: dessen, was man dafür ausgibt oder hält, ist aber ein Wesensmerkmal politischer Kultur der Postdemokratie. Dass also die gesellschaftliche Funktion der Privatsphäre (indem diese u.a. ökonomisch verwertet wird) quasi pervertiert wird, ist jedoch etwas völlig anderes, als wenn man behauptet, dass sie ihre gesellschaftliche Funktion eingebußt hätte. "Privatsphäre - niemals war sie so wertvoll wie heute" - möchte man dem entgegen halten. Und das gilt gleich in mehrere Richtungen, positive wie negative. (Man stelle sich nur einmal vor, was die Riege der Politiker o h n e Privatsphäre heutzutage wäre. Wie sollten diese bescheiden talentierten Darsteller Aufmerksamkeit beim Publikum erzeugen, ohne das Mittel der Personalisierung von Politik zu benutzen, wozu eine Privatsphäre, ob nun virtuell oder authentisch, zwingend notwendge Voraussetzung ist. - Wie obsolet die Klasse der Politiksimulatoren geworden ist, wäre dann allerdings evident.)

mcmac 28.01.2014 | 08:10

Ergänzung: Leue wie Lobo oder Seemann treten zeitwiese mal als Utopisten, mal als Dytopisten auf den Plan. Einig sind sie sich jedoch, schaut man genauer hin, darin, dass es in ihren Vorstellungen kaum echte gesellschaftliche Alternativen gibt. Was ja auch Sinn macht: Sie haben ein Deal mit dem Bestehenden. Sie leben davon. Das ist, so gesehen und auf Solche bezogen, dann selbstverständlich ziemlich alternativlos. Aber in dieser klaustrophoben, selbstreferenziellen, sich in Dauerschleife abwechselnden Sicht der Dinge offensichtlich faszinierend für Teile des Publikums. Man könnte auch sagen: Ganz gut gemachte Unterhaltung. Man sollte das aber nicht mit substanzieller Perspektive verwechseln: Thesen über künftige gesellschaftliche Entwicklungen aus dieser Ecke sind daher eher eine Form moderner Astrologie, welche um so fantastischer (und somit unterhaltsamer) sind, je weiter sie sich in ihrem Ausgangspunkt von der Wirklichkeit entfernen. Die Apathie der Mehrheit angesichts der realen Überwachung durch Behörden und Konzerne entspringt eben nicht so sehr einer dysfunktionalen Privatsphäre, sondern vielmehr der Tatsache, dass die Meisten gar nicht verstehen, was und wie ihnen geschieht. Das wiederum aber ist auch eine Folge, dass "Internet-Gurus" jahrelang und obwohl sie es als solche hätten besser wissen können, etwas anderes erzählten (weil sie anders nicht davon hätten profitieren können). Tja, ist schon stupid mit dem fucking capitalism...

Dersu Usala 28.01.2014 | 10:20

Das ist das eigentlich beunruhigende daran. Genau, und das ist auch das fade daran. Nach alter Weise habe ich eine Frage und kann spannend darauf blicken, wie sich die Antwort entwickelt. In Querylogik wird das Rätsel von hinten aufgezäumt, ich darf mir dann eine passende Frage erarbeiten. Das ist zwar auch spannend, aber ich komme nicht zu neuen Antworten. Versteh'ste?

Ich nicht. Der ctrl-verlust-blog ist eine feine Seite, keien Frage. Gerade das Glossar finde ich sehr informativ. Aber nach anfänglicher Blendung sehe ich mich nun weniger auf seiner Seite, wenn's nach ms geht, ist Werbung prinzipiell prima demokratisch und totale Transparenz die Lösung. Ich sage: Nein.

mcmac 29.01.2014 | 14:50

Eine Verwaltung kann von Selbstbefriedigung nicht leben.

Offensichtlich doch:

„Die Dokumente des NSA-Enthüllers Snowden sind voller Hinweise, aber ohne Beweise“. Der Verfassungsschutz sei allen Vorwürfen nachgegangen. „Wir haben weder valide Erkenntnisse, dass die Amerikaner Breitbandkabel in Deutschland anzapfen, noch ob aus der US-Botschaft in Berlin das Handy der Kanzlerin abgehört worden ist“, sagte Maaßen.

Aber es ist schon erstaunlich, wie verloren dieses Exzellens-Cluster und sein amtlicher Daten-Träger nun wieder wirken. Man fragt sich, was die wohl so einwerfen, bevor sie Derartiges vor Journalisten halluzinieren.

goedzak 29.01.2014 | 20:32

Als Kritik am Text bzw. dessen, was er als Konzept des Buchautors vorstellt, ist Deinen beiden Kommentar kaum noch was hinzuzufügen. Außer vielleicht: "Digitaler Feudalismus" ist eine Mystifizierung des in der Entfaltung schon weit fortgeschrittenen digitalen Monopolkapitalismus (der sich nach erfolgter "Einhegung" zum StaMoKap mausert?!), einschließlich einer fetten digital-imperialistischen Komponente...

mcmac 29.01.2014 | 22:45

Naja, lieber goedzak, ich würde ja nicht gleich det janze Porzellan zaschmaißen. Die zuspitzende, wenngleich (aber das liegt ja in deren Natur) nicht ganz genaue Metapher vom "digitalen Feudalismus" kann ja etwas verdeutlichen (dass, was Du beschreibst). Michael Seemann vergleicht z.B. Facebooks Zuckerberg (bzw.: die Aktiengesellschaft) mit einem digitalen Großgrundbesitzer und die Facebookmitglieder nennt er Daten-Leibeigene. Das ist ein anschauliches Bild. Und dieses Bild stellt natürlich auch die Frage nach den Besitzverhältnissen (digitaler Bauernkrieg? :) ).

Allerdings hat sich Michael Seemann auf die Fahnen geschrieben, jetzt mal ohne Scheuklappen das ganze Internetdings zu betrachten; ohne naiven "Internetoptimismus" wie auch ohne fatalistischen Defätismus. Das will er machen, um genauer zu analysieren, wohin die Reise mit den Menschen, der Gesellschaft und dem Dings denn gehen könnte. Und was also jetzt oder demnächst zu tun wäre. Leider ist der Irrtum, so wie es aussieht, aber schon vorprogrammiert, weil er bei seinen Prämissen eben nicht genau genug ist, bzw., daneben liegt (wie der Text oben und auch das Interview auf carta.info zeigen).

Und ganz sehr aufmerksam werde ich dann auch bei Sätzen wie: "Wenn ich Entwicklungen entdecke, die meiner Auffassung von der Welt widersprechen, passe ich meine Auffassung an, nicht umgekehrt." (ebenda) Klingt erst mal sehr vernünftig. Vorbehaltlos. Wissenschaftlich. Ist aber eine reine naturwissenschaftliche Einstellung/Betrachtungsweise. So kann man die Schwerkraft untersuchen. Nicht aber die Auswirkungen der Schwerkraft auf die Biografie eines konkreten Menschen oder einer konkreten Gruppe von Menschen. Deshalb gibt es ja auch die Sparte der Geisteswissenschaften. Wenn diese Haltung also nicht praktizierter Fatalismus ist, dann weiß ich auch nicht (obwohl Seemann ja genau gegen diesen verdammten Fatalismus angetreten ist anzukämpfen). Mit so einer Haltung kann man sich an alles anpassen. Und auch alles entschuldigen. Mal abgesehen davon, dass so etwas klingt wie das arrogante: "Was schert mich mein Geschwätz von gestern."

Das ist um so bedenklicher, wenn Seemann auch zu Protokoll gibt, dass er das BGE für eine sehr gute Idee hält (wobei hier sicherlich auch interessant wäre zu erfahren, welche Art von BGE er genau meint; da gibt es ja beträchtliche Unterschiede bis dorthinaus, dass nicht alles, wo BGE drauf steht, auch welches drin ist). Mein schönes BGE! Das geht nicht ohne den Blick für's Ganze und ohne individuelle Verantwortung!

So etwas in der Art hätte ich aber viel lieber Stefan Hetzel geschrieben, dem Autor des Beitrags. Der wollte aber nicht teilen. Gleich drei Mal* und mit Ausrufezeichen**.

*dafür kann er nichts
**dafür schon

Stefan Hetzel 30.01.2014 | 09:19

@MCMAC: Danke für die Replik. Ja, der Dreifachpost war eine technische Panne, sorry. Keine Ahnung, ob Seemanns Methodologie nun eher natur- oder geisteswissenschaftlich ist... Obwohl: Ich denke, es ist eine Hybridlösung, was auch deswegen angemessen ist, weil das untersuchte Phänomen (Folgen der Digitalisierung der Gesellschaft) ebenfalls "hybrid" ist, d. h., seine technologischen Grundlagen lassen sich am besten naturwissenschaftlich begreifen, die sozialen Auswirkungen eher "geisteswissenschaftlich" (wie immer man diese Methode definiert). - Unabhängig davon plädiere ich dafür, erst mal das Buch abzuwarten, bevor du behauptet, er würde "daneben liegen" (was impliziert, du würdest es besser wissen und könntest ein adäquateres Buch zum Thema schreiben [welches ic h gerne lesen würde!]).

Weiterhin möchte ich betonen, dass ich Seemann persönlich nicht kenne und auch in keinster Weise durch ihn autorisiert bin. Ich gebe in meinem Text lediglich subjektiv gefärbte und gewichtete Inhalte meiner Lektüre seiner Texte wieder. Wer Seemann kritisieren möchte, sollte ihn unbedingt im Original lesen (was du, MCMAC, ja auch getan hast, danke).

mcmac 30.01.2014 | 11:08

Lieber Stefan,

Danke wiederum für Deine Entgegnung.

Vorab: Dass Du irgendwie mit Michael Seemann verbandelt sein köntetst, hat für mich keine Rolle gespielt bei meinen Überlegungen - wäre doch auch OK, selbst wenn es so wäre, finde ich.

Ja, in der Tat ist es richtig, darauf zu verweisen, erst mal auf das Buch zu warten. Nun ist es aber auch so, dass M.S. vorab ja publiziert hat, wie und worüber er gedenkt zu schreiben. Und darin schleichen sich (aus meiner Sicht)bereits schon zu Beginn grundlegende Irrtümer ein. Diese führen dazu, dass eine Akzeptanz für Erscheinungen (wie bspw. die sukzessive Auflösung der Privatsphäre) als Pragmatismus hingeste llt wird. (Während die Empörung über diesen Umstand als "Gejammere" abgetan wird.)

Das ist nicht nur mindestens ein Irrtum. Hier macht es sich M.S. auch viel zu einfach (gleichwohl klingt das, worüber er doziert, dann aber um so komplexer, "interessanter" - das ist oft indirekt proportional...).

Kurzum und um in der Metapher und bei diesem Beispiel zu bleiben: Die Auflösung/Zerstörung der Privatsphäre (vieler, die der Mehrheit; nicht die aller!) ist m.E. kein hinzunehmendes Naturphänomen wie etwa die Schwerkraft, mit dem man sich, will man ernst genommen werden in künftigen Diskursen, abzufinden hat, wie mit schlechtem Wetter. Der Angriff auf die Privatsphäre ist eine von Menschen geschaffene Realität. Dieser Vorgang gehorcht eher den Gesetzen der kapitalisitischen Ökonomie (auch eine von Menschen geschaffene Realtität). Der Angriff auf die Privatsphäre ist auch nicht erst seit der Erfindung des Internets im Gange (u.a. R. Sennett hat darüber Anfang der 1970-iger sehr prägnant und profund in "Tyrannei der Intimität" geschrieben). (Ich muss leider an dieser Stelle abbrechen, weil ich einen kleinen Schreihals neben mir habe, der nun Seins fordert; nur noch dies in aller verkürzenden Zugespitzheit: ohne Privatsphäre aber lösen sich die Individuen auf und damit auch letztlich die Gesellschaft - das aber wäre, noch mal die Zuspitzung zugespitzt, dramatisiert, das Ende der Menschheit. Schüssi, bis demnächst. lg-mcmac)

Dersu Usala 30.01.2014 | 11:14

Bitte per Antwort-Funktion antworten, sonst kriege ich die Gegenfrage nicht mit (außer ich lese alles nochmal, diesmal hat's geklappt).

"Werbung ist sozial", sagt Seemann. Das ist nicht das gleiche wie demokratisch, aber er argumentiert in der Art, dass Werbung meine (arme) Stimme gleichwichtig macht wie eine reiche Stimme. Die Argumentation flutscht auch irgendwie, wenn ich die Grundlage, dass Informationszugang/Teilhabe und Geld zusammen gehören, nicht anzweifle. Sollte man aber anzweifeln.

mcmac 31.01.2014 | 20:14

Wenn es so wäre, wäre es gut. Michael Seemann sagt aber leider nicht, dass die Privatsphäre ihre gesellschaftliche Rolle überlebt habe, sondern er sagt explizit, dass ihre gesellschaftliche Rolle inzwischen so gut wie überflüssig sei ("Die derzeitige Disruption der Privatsphäre wird nur deswegen hingenommen, weil auch ihre gesellschaftliche Funktion weitgehend obsolet geworden ist.").

Und das ist falsch. (s.o. - Man bräuchte, wäre es tatsächlich so, auch nicht weiter über den Begriff Privatsphäre nachdenken in diesem Zusammenhang - das wäre ja schlicht irrelevant.)

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Ehemaliger Nutzer 31.01.2014 | 21:33

Steile Behauptungen kann jeder aufstellen; de fakto ist die Privatsphäre mit den Möglichkeiten der IT-medien stark gefährdet.

Bisher ist Artikel 2 GG noch nicht beseitigt und darum ist die Privatsphäre weiterhin ein schützenswertes Gut der Persönlichkeits- und Menschenrechte.

Daß die Persönlichkeits- und Menschenrechte NICHT neu definiert werden müssen, sollte Konsens sein; was definiert werden muß, ist der Schutz dieser Rechte vor dem Missbrauch durch die Medien.