Der hässliche Pirat

Individualdemokratie Matthias Matussek zieht vom Leder
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Witzigerweise fängt Matthias Matusseks, hm, Analyse des Phänomens Piratenpartei in seinem Debattenbeitrag "Der neue Mensch" im SPIEGEL vom 4. Juni 2012 mit einer recht treffenden, wiewohl unfreiwilligen Selbstcharakterisierung an: "Was an der Beschäftigung mit den Piraten wohl am meisten verstört, ist die Bereitschaft vieler Meinungsmacher zur Regression."

Matusseks Text sucht, in echt wirkendem grimmigem Zorn, nach Analogien zwischen dem Aufstieg der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei vor 80 Jahren und dem der Piratenpartei heute.

Zunächst mokiert er sich über die technoide Sprache mancher Piraten (Marina Weisband kann er damit nicht meinen), denen er Martin Heideggers philosophische Kunst-Sprache gegenüberstellt, die er den Nationalsozialisten beiordnet. Beide Idiome hätten die Funktion, Nicht-Eingeweihten das Gefühl der Unwissenheit zu geben. Nun, mir ist nicht bekannt, dass Adolf Hitler jemals auch nur eine Zeile von Heideggers Hauptwerk "Sein und Zeit" gelesen hätte. Die Sprache der Nationalsozialisten war alles andere als "ontologische[s] Murmeln" (Matussek), sie bestand aus griffigen, stimulierenden Hassparolen wie "Deutschland erwache - Juda verrecke!" etc. In den technologie-inspirierten Formulierungen einiger Piraten, von Matussek feinsinnig als "erratisches Mechaniker-Gequatsche" beschrieben, erkenne ich dagegen, zugegebenermaßen wohlwollend betrachtet, den Versuch, die bekannten gesellschaftlichen Probleme durch die Brille einer bisher ungewohnten Terminologie zu betrachten. Diese wird probeweise aus der Informatik entliehen. Dass dabei mal was danebengeht, ist zu erwarten - alles andere wäre Zauberei!

Weiterhin macht Matussek die Piraten als amoralische Vollstrecker des poststrukturalistischen Diktums vom "Tod des Autors" aus. Das ehrwürdige Schreiben des von ihnen angeblich verachteten bürgerlichen Individuums solle sich auflösen in einen unpersönlichen, von Technologie maßlos vervielfältigten "Textfluss, der über die Bildschirme ströme, der von Tausenden Autoren stamme und sich nur zufällig verdichte im Einzelnen." Dass Matussek selbst, wie wir alle, nur einer von diesen Ameisenautoren ist, hat er dabei scheinbar vergessen. Unüberschaubare Textflüsse, besser: -flusslandschaften, von denen einige plötzlich für viele interessant werden (oft durchaus aus kryptischen Gründen, aber gewiss nicht "zufällig") und andere eben nicht, gibt es schon seit Beginn des Buchdrucks mit beweglichen Lettern - sie bilden die Grundlage der (frei nach Niklas Luhmann) Verständigung der Gesellschaft über sich selbst. Für Matussek dräut hier jedoch eine "völkische Textgemeinschaft". Nun, wenn damit gemeint ist, dass Aktivisten einer politischen Bewegung in ihren schriftlichen Äußerungen ihren Eigensinn auch mal den Zielen ihrer Partei unterstellen, hat er recht. Doch ganz ohne derartige Rücksichtnahmen ist ja gar keine Parteibildung und -bindung möglich. Wir lebten dann in einer (unmöglichen!) Gesellschaft von "Einzigen" (im Sinne Max Stirners).

Von hier ist es kein weiter Weg zum mittlerweile altbekannten Vorwurf, die Piratenbewegung hätte halt einfach keine "Achtung vor geistiger Leistung". Nur dass Matussek (erwartungsgemäß) noch einen Tick weiter am Schräubchen dreht und "manchen Netzpropagandisten und Kolumnisten" gleich generelle "Geistfeindlichkeit" unterstellt, die sich mit "Verletzungsbereitschaft" und "Selbstgerechtigkeit" paare. Wie gut, dass Matussek derlei Anwandlungen völlig fremd sind!

Nun, eine Bewegung, die nach technischen Lösungen für gesellschaftliche Probleme sucht, kann nicht generell "geistfeindlich" sein, denn Computerprogramme gehören zum geistig Höchststehenden, was Menschen hervorbringen können. Wer auch nur elementarste Erfahrungen in diesem Metier hat, weiß das. Was also erzürnt Matussek? Feiert hier vielleicht einfach das Kommunikationsproblem der Zwei Kulturen, das C. P. Snow bereits vor über 50 Jahren so schön auf den Punkt brachte, seine Auferstehung? Auf der einen Seite stehen die literarisch und historisch gebildeten, aber immer ein wenig zum Pessimismus neigenden "Freunde des Geistes", auf der anderen die naturwissenschaftlich und ingenieurtechnisch versierten "Technokraten", denen ein Optimismus der Machbarkeit angeboren zu sein scheint. Intellektuelle mit leadership-Qualitäten sind sie zweifellos beide - doch verschwenden sie einen Gutteil ihrer Zeit damit, sich gegenseitig jegliche Qualifikation für überhaupt irgendwas abzusprechen.

Gehört es nicht zur Originalität der Piratenbewegung, diese soziokulturelle Spaltung zumindest überwinden zu wollen? Dass dabei liebgewonnene Schrulligkeiten auf beiden Seiten über Bord gehen werden, ist wohl unvermeidlich. So könnte dem literarisch Gebildeten die Illusion verlorengehen, es sei cool, nichts, aber auch gar nichts, über Mathematik zu wissen. Der Technokrat hingegen müsste sich eventuell mit dem schmerzhaften Gedanken auseinandersetzen, dass es Probleme ohne Lösung gibt, auch und gerade ohne technische.

Das Menschenbild der Piratenbewegung schließlich charakterisiert Matussek als "Cybernautentraum von Erlösung und ewigem Leben im Netz" und will darin eine "kindische theologische Travestie" erkennen. Meint er damit, dass sich gegen den Schöpfer versündigt, wer sich in den Oswald Wiener'schen Bio-Adapter begibt? Aber so weit sind wir ja noch lange nicht. Einstweilen geht es, so verstehe ich wenigstens die Informationstechnophilie vieler Piraten, lediglich darum, die Kommunikations-, und damit eben auch Glücksmöglichkeiten des Menschen durch neuartige Werkzeuge zu erweitern. Dass dies auch eine, hm, spirituelle Komponente haben könnte, deutet sich in einigen Äußerungen Marina Weisbands tatsächlich an, allerdings konnte ich die Begriffe "Erlösung" und "ewiges Leben" bei ihr nicht finden (Bei Oswald Wiener allerdings schon - doch das ist ein anderes Thema und sein Text "der bio-adapter" stammt schließlich auch schon aus der Mitte des 20. Jahrhunderts).

Derlei konstruktive Herangehensweisen an das Phänomen Piratenpartei scheinen Matussek nicht zu interessieren. Für ihn sind die Piraten "Wohlstandsverwahrloste", die durch Diebstahl immaterieller Güter ihre "Subito-Befriedigung" erreichen, wenn sie sich nicht gerade zu "allergehässigsten Jagdgemeinschaften" zusammentun, um Politkern, die sie nicht mögen, Plagiate nachzuweisen. Sie seien, aufs Ganze gesehen, nicht viel besser als die "totalitären Jugendkohorten des vergangenen Jahrhunderts" mit ihrem "roten[n] Glühen einer neuen Religiosität."

Nun, in Sachen religiöser Inbrunst steht der Autor des "Katholischen Abenteuers" diesen Kohorten tatsächlich in nichts nach. Und auch mit dem sachlichen Argumentieren tut er sich ähnlich schwer, scheint mir.

16:35 10.06.2012
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Geschrieben von

Stefan Hetzel

Bürger, Publizist, Komponist (autonom, aber vernetzt)
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Stefan Hetzel

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