Stefan Hetzel
22.01.2016 | 03:17 18

Facebook und das Versagen der Meinungselite

Soziodigitalisierung Ist das sagenhaft bildungsferne Niveau weiter Teile des deutschen Facebooks auch die Folge eines Elitenversagens? Eine These

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Stefan Hetzel

Facebook und das Versagen der Meinungselite

Läuft schief: Die Sozialisierung mit und auf Sozialen Medien

Foto: Justin Sullivan/AFP/Getty Images

Folgende Grafik der OECD, auf die Sascha Lobo in seiner wöchentlichen Kolumne auf SPIEGEL ONLINE am 20. Januar hinwies, lässt mir keine Ruhe mehr:

https://stefanhetzel.files.wordpress.com/2016/01/prollnetz.png

Sollten diese Angaben der Realität entsprechen (und welchen Grund sollte die OECD haben, hier zu manipulieren?), wird klarer, was mitgemeint ist, wenn so oft von Deutschland als einem "digitalen Entwicklungsland" die Rede ist: Nicht nur die (relativ) miese Netzanbindung und die (relativ) hohen Nutzungsgebühren, sondern die Tatsache, dass Deutschland europaweit die (absolut) bildungsfernsten Nutzer Sozialer Netzwerke (=Facebook, Whatsapp, Twitter und der klägliche Rest) aufweist.

Weiterhin fällt auf, dass in diesem Ranking (mit der bemerkenswerten Ausnahme Ungarn) ziemlich genau die Länder auf das Schlusslicht Deutschland folgen, in denen rechtspopulistische Parteien (relativ) großen Einfluss auf die Politik haben (vgl. hierzu meinen Community-Artikel in diesem Forum aus dem Jahr 2014. Demnach wirken die erfolgreichsten rechtspopulistischen Parteien Europas in folgenden Ländern: Schweiz, Österreich, Ungarn, Finnland, Norwegen, Lettland, Dänemark).

Ein Korrelation zwischen anhaltender Social Media-Abstinenz von Akademikern und dem Erstarken rechtspopulistischer Bewegungen eines Landes scheint also gegeben (Hinweis: Eine Korrelation begründet kein Kausalverhältnis).

Aber warum scheuen weite Teile der Deutschen mit high formal education weiterhin das ursprünglich als Wissenschaftsnetzwerk gedachte Internet, vor allem in seiner populärsten Erscheinungsform, nämlich Facebook? Dazu folgende These:

Aufgabe einer Meinungselite sollte u. a. sein, die soziokulturelle Bedeutung neuer Technologien angemessen einzuschätzen und zu kommentieren. Die publizistische Lage in Rest-Europa kenne ich nicht, in Deutschland aber wurde "das" Internet von den großen Intelligenzblättern wie FAZ, Zeit und Süddeutsche bisher sehr oft als vor allem "verdummendes" Medium beschrieben (wie einst das Fernsehen, remember?). Publizisten wie Frank Schirrmacher ("Payback. Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen", 2009) und Manfred Spitzer ("Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen", 2012 sowie "Cyberkrank!: Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert", 2015) verfassten darüber hinaus internetkritische Bücher, die jeweils zu Bestsellern wurden.

Das Spezifische an dieser Art von Internetkritik ist, dass hier ein ganzes Medium mit seinen zweifellos vorhandenen problematischen Nebenwirkungen kurzgeschlossen wird. Das aber ist schlicht bizarr. Niemand käme bsp.weise auf die Idee, dass das Medium Telefon dumm macht. Oder das Medium Radio. "Dumm" macht nur ein unreifes Nutzerverhalten (das es massenhaft gibt, das möchte ich gar nicht bezweifeln). Autoren wie Schirrmacher und Spitzer verwechseln also schlicht Ursache und Wirkung: Die Menschen werden nicht deshalb immer zerstreuter, gedankenloser und stumpfer, weil sie das Internet nutzen, sondern es gibt einfach viele zerstreute, gedankenlose und stumpfe Menschen, die nicht in der Lage sind, mit dem Internet auf erwachsene, verantwortungsvolle Weise umzugehen. Natürlich verschlimmern sich dadurch ihre Symptome. Aber warum ist daran dann das Internet schuld?

Die jahrelange Kritik weiter Teile der papierbasierten deutschen Meinungselite am Internet als Medium hatte offenbar nachhaltigen Erfolg. Mit der Folge, dass in Deutschland der Hausmeister auf Facebook ist, nicht aber die Professorin. Parallel hat sich mittlerweile zwar durchaus eine Reihe von (im Verhältnis zu Facebook) mikroskopisch kleinen alternativen Sozialen Netzwerken wie etwa nensch.de, der deutsche Ableger von Diaspora* oder dieses Forum hier etabliert. Wer aber dort auf oft respektablem bis mitunter hohem Niveau diskutiert, ist für Facebook – und damit für eine potentiell breite Öffentlichkeit – meist verloren. Man bleibt in einer Art soziodigitaler Segregation vornehm unter sich.

Die papierbasierte deutsche Meinungselite sieht sich natürlich jetzt, nach "Köln", in ihren alten (Vor-)Urteilen gegen Soziale Netzwerke mehr als bestätigt. Nur ist Facebook mittlerweile so mächtig geworden, dass es selbst die Kanzlerin für notwendig hält, quasi auf Augenhöhe mit dem Unternehmen zu verhandeln.

Dass sie ein Stück weit selbst dazu beigetragen haben, das deutsche Facebook so geistfern zu machen, wie es leider nun mal in weiten Teilen ist, wird den Machern der deutschen Intelligenzmedien aber wohl niemals in den Sinn kommen.

In diesem Sinn lässt sich das sagenhaft bildungsferne Niveau weiter Teile des deutschen Facebooks auch als Folge eines Elitenversagens begreifen.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (18)

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Ehemaliger Nutzer 22.01.2016 | 06:57

Lobo als glatt geschliffener Systemer hat natürlich ein Problem, und um mit Bob Seger zu sprechen: Turn the page ...

Rechte (Glatzen) also, springerbestiefelt und dafür intellektuell etwas unterbelichtet, lässig das Facebook unter den Arm geklemmt; da mag man sich als Guter zurücklehnen, auf hohem Niwau, versteht sich.

Lesen wir also weiter im Kaffeesatz, als ob die sog. Eliten und deren Medien an den Inhalten -ob in papierner oder virtueller Form- auch nur das geringste Interesse hätten;

jenseits derer Funktion in Chomskys Propagandamodell.

Im Gegenteil, die Schlacht wird hierzulande an einer ganz anderen Front geschlagen, primär derjenigen, dass der geneigte Konsument den Kakao auch bitteschön noch schlürfen -bezahlen- soll, durch den er gezogen wird.

Alles on the fly, und bei der Auflistung des Blogautors, was rechtspopulistische Länder fehlen Polen, Frankreich, Czech und Slovenia; mindestens ...

Ansonsten scheint das skurrile OECD-Ranking nebst dieser Interpretation ein postmodernes Demokratieverständnis aber auch die angesagte Bigotterie, die politisch korrekte Sprachregelung gut wiederzuspiegeln.

Turkey on Top, our chancellors best friend, he must be paid cash!

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Ehemaliger Nutzer 22.01.2016 | 09:16

Dieses Ranking zu interpretieren, ist nicht so einfach. Mal anfangen: Alter, Geschlecht fehlen, sicherlich lassen sich die Einordnungsstandards nicht zu 100% identisch in den jeweiligen Ländern nutzen. Die Daten sind aus "2014", ein Jahr ist lang, mit anderen Worten, es kann also schon 2 Jahre alt sein. Kostenunterschiede in der Nutzung sind extrem, in Deutschland zahlt man am meisten für eine Internetanbindung/DSL/Mobilflat. In Europa sind so 70 bis 80% der Menschen ab 14 im Internet, nutzen mindestens einmal in 12 Monaten diesen Kanal.

Das Freizeitverhalten der Schichten ist natürlich bemerkenswert unterschiedlich: Kino (mit 5 Personen neulich knapp über 100 EUR) muss man sich ersteinmal regelmäßig leisten können. Theater und andere Angebote wie Lesungen sind nicht nur intellektuell sondern auch finanziell nicht für jeden geeignet, liegen auch nicht im Focus von allen (Zeit, Verfügbarkeit etc.). Das Nutzungsverhalten ist hier offline vergleichbar mit online: Die einen gehen ins Theater, die anderen Bolzen.

Das Internet bietet nun gerade für diejenigen einen Zusatznutzen, die sich reale Angebote nicht leisten können. Im speziellen Fall der Social Media kommt noch ein sozialer Zusatznutzen hinzu, den man sonst - als Geringverdiener - so nicht kennen kann: es ist möglich, sich mit Menschen aller Coleur auszutauschen, man kann sich relativ einfach Gruppen aussuchen, in denen man mit seiner Meinung anerkannt und gewürdigt wird. Das erleben viele Menschen sonst so nicht.

Viel erschreckender ist eigentlich die Tatsache, dass in den anderen Ländern die Bessergebildeten die Sozialen Medien so häufig nutzen, dass lässt in meiner (schnellen) Argumentation hier den Rückschluss zu, dass diese Menschen nicht das Budget für die offline Angebote zur Verfügung haben oder ein solches Angebot nicht existiert. Ich bin mir aber sicher, wenn ich die Studenten hier sehe, dass sich das in GER ähnlich entwickeln wird. Die "guten Jobs" sind nämlich auch nicht mehr das, was sie mal waren, womit die Budgetrestriktionen den Wechsel ins Internet vorantreiben werden.

Zu Sascha Lobos Kolumne: Es ist - wie im Fall Pegida - natülich sehr einfach, "draufzuhauen" auf die Dummen Facebooker, die gegen alles sind. Aber wie schon hinreichend links und rechts diskutiert, liegt in diesen Äußerungen ein Schrei nach Liebe, ein Ruf nach Aufmerksamkeit. Man möchte gehört werden, und wenn schon nicht im echten Leben, dann eben über einen anderen Kanal: Demo oder Facebook, da fühl ich mich aufgehoben und alle sagen, ich habe recht: "Glücklich ist, wer sich verstanden fühlt." Dieses Äußern von Unzufriedenheit, dieses Zusammenraufen in bestimmten Themen hat nicht den Hintergrund des Dummseins, sondern ist Ausdruck, dass es Einflüsse gibt, die genau diese Menschen dazu bringen, sich in diesen von Lobo angesprochenen Maßen zu äußern.

Den Nutzen für diese Menschen in den Sozialen Medien sieht man allein in der Bestätigung dieser und der Deckelung ihrer Agressionen allein durch den Austausch. Da muss man sich auch nicht auf Spitzer berufen, sondern kann einfach auf sich selbst und die eigenen Freunde schauen, "Luftablassen" ist häufig hilfreich. Um am nächsten Tag dann zu denken: "Stimmt natürlich so nicht...". Wenn Menschen im ersten Anlauf "Dinge" nicht umfänglich verstehen, dann hauen sie einen raus. Wenn wir denen allen bei einer Veranstaltung mal die Zusammenhänge, Hintergründe erklären würden, die die Bildzeitung nun nicht auf der ersten Seite vermittelt, dann wären die still, würden ihre schnellen rechten Statements sicherlich einige Zeit lang zurückfahren. Bis zu nächsten Bild. Oder Spiegel oder Stern oderoderoder.

Auch da macht es sich Lobo zu einfach. Er schaut nicht hinter die Kulissen, sondern ist ebenso schnell im Verurteilen der andern, wie die anderen im Veruteilen anderer. Denn Lobo nutzt Social Media, sonst wüsste er ja nicht, was da los ist - gehört er wohl auch zu dem weißen Kringel der Grafik.

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Ehemaliger Nutzer 22.01.2016 | 09:42

Hallo Jo,

ich bewundere das ernsthafte Einlassen auf diesen -in meinen Augen- sehr selektiven Nonsens.

Daselbst weder bei Facebook, noch bei sonstigem Gedöns angemeldet (sondern hier, wie im Blogtext lobend erwähnt), so müsste ich mich in der mir unterstellten Intellektualität geehrt fühlen.

Nur habe ich da eher den Eindruck, dass Leute wie Lobo in ihrem me too, me too sich ein warmes Plätzchen rechts oder links unten am Thron der Herrschaft erschreiben wollen; so extrem mittig, so glatt und so sauber kann doch sonst niemand rasiert sein.

Und wie bereits geschrieben, Turkey leads the pack.

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Ehemaliger Nutzer 22.01.2016 | 09:55

Na klar, er schreibt für den Spiegel! Wohin sollte der sich sonst schreiben, außer in die von Ihnen dargestellten Plätzchen? Ist halt im Reich der Euronen gefangen - wie die meisten - will auch eingeladen werden und Parties feiern. Ja, ich fand das einen ziemlichen schwachen Artikel von ihm, er hatte schon bessere, nachvollziehbarere deren selbiger.

By the way: kennen sie das schon? Hat nichts mit diesem Thema zu tun.

Aussie42 22.01.2016 | 10:19

Guter Anfang. Weiterueben @StefanHetzel!
Ich hoffe Herr Zuckerberg oder wie dieser facebook Besitzer heisst, zahlt auch ordentlich fuer Ihre begeisternde Werbung. Das sei Ihnen gewuenscht.

Leider muss ich Ihnen doch in einigen Punkten wiedersprechen.

1. Dass besser ausgebildete Deutsche weniger haeufiger auf Facebook sind, spricht doch eigentlich fuer das deutschen Bildungswesen. Solche Leute koennen sich auch mit anderen Sachen beschaeftigen, brauchen vielleicht ihr geliebtes Facebook als Zeitvertreib gar nicht. Koennte doch sein, oder?

2. Es gibt auch ziemlich viele Leute, die sich mit dem Internet ohne facebook vergnuegen. In der dFC beispielsweise. Viele Leute haben sich ne website gebastelt oder Kommentaren einfach nur so rum. Geht auch.

3. Es gibt Leute, die der Lieblingsquelle aller Geheimdienste - facebook - nicht zuarbeiten wollen. Haben Sie mal was von big data gehoert? Da haben Sie (wie alle anderen facebooker) ein nettes Plaetzchen. Glueckwunsch

4. Es gibt auch Leute die finden facebook einfach nur bescheuert fullstop.

5. Behalten Sie nur Ihren facebook account. Sie gehoeren dazu!

janto ban 23.01.2016 | 11:11

|| ... in Deutschland aber wurde "das" Internet von den großen Intelligenzblättern wie FAZ, Zeit und Süddeutsche bisher sehr oft als vor allem "verdummendes" Medium beschrieben (wie einst das Fernsehen, remember?) ||

Indeed. "Fernsehen macht Dumme dümmer und Schlaue schlauer", hieß es immer. Insofern hätten wir es mit einem sich selbst verstärkenden Trend zu tun, sollte die alte Bauernweisheit sich auch für's Internet bewahrheiten. Und davon gehe ich aus.

Was seinerzeit die Fernbedienung war, sind heute Favoritenleiste, digitale Hood (z.B. der fb-Freundeskreis) und natürlich die google- und fb-Algorithmen, die strikt nach dem Motto verfahren: gleich und gleich gesellt sich gern. Wie man dieser Vorauswahl durch Bots zumindest ein Stück weit entkommt, indem man z.B. regelmäßig seine Cookies loswird, wissen auch nur die wenigsten. Die, die's wissen, nennen wir bezeichnenderweise aber nicht Schlaue, sondern Nerds.

Durch seinen interaktiven Charakter tritt im Netz, stärker noch als beim Fernsehen, die soziale/gruppendynamische Komponente der Inhaltsauswahl an den Tag. Während Gespräche über dargebotene Inhalte beim Medium TV oft erst mit zeitlicher Verzögerung stattfinden ("Ey, hast du gestern auch Dschungelcamp geguckt..?"). Im Netz 2.0+ sind die Konsumenten - was Foren, Blogs und Soziale Netzwerke betrifft - aber gleichzeitig Produzenten der Inhalte, denen sie sogleich ausgesetzt sind. Zumindest stellen sie einen Großteil der verfügbaren Informationen über Links und Likes selbst zusammen. Ein Trend auf fb geht gar zu selbstgebastelten "Twitterperlen", kleinen Bildchen mit kurzen, knackigen Statements. Da wird die Verkürzung zur Tugend.

Kurzweilig, schnell, leicht und griffig muss es sein. Bloß nicht kompliziert! Davon haben die Eliten den ganzen Tag genug um die Ohren, auf der Arbeit. Es glaubt kein Mensch, wie oft ich das von Freunden und Bekannten höre: Wenn Feierabend, dann Feierabend. Beine ausstrecken, von der Glotze berieseln (!) lassen, fertig. Neben der Anstrengung, den eigenen Alltag seinem Gelingen zuzuführen regelmäßig selbst etwas zu produzieren, und seien es nur zwei Zeilen, kommt niemandem (m/w), den ich kenne in den Sinn. Politisches schon mal gar nicht.

Politik ist nur was für Politiker und Leute, die unzufrieden mit sich und der Welt sind, also Loser. ← Das sagt so niemand, entspricht aber meiner Einschätzung der allgemeinen Motivlage in D bis 2014/2015. Mit den näher kommenden Krisen und Kriegen erlebten wir eine Politisierung, wie ich sie noch nicht erlebt hatte. Wo früher Streit ausbrach, weil ich wieder mit 'meiner Politik anfangen musste', waren es nun andere, die tagespol. Unterhaltungen initiiierten. Was dabei zum Vorschein kam, war aber nicht das, was man an (kritischem) Denken geschulten Abiturienten (m/w) zutrauen sollte, sondern in Summe das Ergebnis jehrelanger Feierabend-Berieselung durch Bildzeitung, RTL & Co.

|| In diesem Sinn lässt sich das sagenhaft bildungsferne Niveau weiter Teile des deutschen Facebooks auch als Folge eines Elitenversagens begreifen. ||

Sehe ich aus meinem Blickwinkel auf die Dinge genauso. Systemimmanent gesprochen müsste es aber heißen: Das sagenhaft bildungsferne Niveau weiter Teile des deutschen Facebooks ist auch Folge eines ungehinderten Durchmarschs der Eliten. Denn so lange es für die Elieten lief, lief's doch. Wozu sich also in den Katzenbildchen-Talk der Habenichtse einmischen..? Erst mit den auf Zuruf nicht enden wollenden Krisen vor der eigenen Haustür (Griechenland, Ukraine, Flüchtlinge ...) und der anrollenden Gewissheit, dass schon bald vielleicht nichts mehr sein wird, wie es lange war (und bleiben sollte, in Ewigkeit, Amen) kam der Drang, auch mal Stellung zu beziehen. Verschämt-zögerlich, aber vermehrt auch in Sozialen Netzwerken. Für kurze Freitexte ist die Zeit noch nicht reif, aber das verlinken von Artikeln und teilen von "Twitterperlen" a la "Ich kann Sexismus und Rassismus gleichzeitig Scheiße finden!" klappt schonmal. Was ein Anfang ist.

Um welche Art "Eliteversagen" es sich also handelt, wenn einflussreiche Medien- und Verlagshäuser es schaffen, ihre Klientel nicht ins Netz entlaufen zu lassen, aufdass sie zwischen "scheis montag icg hab rest alk :-p"-Statusmeldungen gehobene Inhalte produzierten, anstatt sich von den o.g. Etablierten über die neuesten Auswüchse des neoklassischen Wirtschaftsmodells, des alternativlosen, klar, informieren zu lassen, in ganzen Sätzen, immerhin. ← Ein Satz, für den ich bitte einen Publikums-Preis verliehen bekommen möchte ;o)

LG!

janto ban 23.01.2016 | 11:19

Ach, scheis samstach. So wird das mit dem Preis nichts. Es muss natürlich heißen:

Um welche Art "Eliteversagen" es sich also handelt, wenn einflussreiche Medien- und Verlagshäuser es schaffen, ihre Klientel nicht ins Netz entlaufen zu lassen, aufdass sie zwischen "scheis montag icg hab rest alk :-p"-Statusmeldungen gehobene Inhalte produzierten, anstatt sich von den o.g. Etablierten über die neuesten Auswüchse des neoklassischen Wirtschaftsmodells, des alternativlosen, klar, informieren zu lassen, in ganzen Sätzen, immerhin, wäre also zu reden.

Schon blöd, wenn man sich als neunmalklug inszeniert, aber den Überblick über die eigenen Sätze verliert. Zum Glück gibt's nichts Sympatischeres als offensiv vorgetragene Selbstkritik ;-p

Fred123 24.01.2016 | 12:32

Weil in der "angesagten" Kneipe, wo es den Brennspiritus kostenlos gibt und sich die "Allohol" Junkies treffen, dumme Sprüche geklopft werden, meine Wenigkeit nicht auftaucht, versage ich als Mitbürger?

Steile These!

Weil ich auf Facebook, in Bild.de usw. keine Komentare ablasse, nicht mitspiele, dito.

Es gibt ein Grundnivau unter dem nicht mehr zu diskutieren ist, und das ist auf FB in fast allen Fällen ganz schnell erreicht. Das hat mit "papierzentriert" nichts zu tun.

A"soziale" Netzwerke wie FB u.a. sind nicht zum Diskurs geeignet. Ohne eine minimale Selbstregulation läuft da nichts und die ist in fast allen Fällen nicht vorhanden!.

Mit dem "Mob" oder mit Gruppen die sich so verhalten/wollen, kann man/Frau nicht diskutieren.

FB usw. HEUTE noch als Kommunikationsmedium ohne den soziologischen Hintergrund zu sehen ist sehr kurzsichtig!

Im Usenet war Diskurs, aif Mailinglisten ist Diskurs vielleicht noch moglich, gib es eine relativ gleiche Diskurskultur.

Bei den kommerziellen Karikaturen davon kann man/Frau nur noch ab das Absterben warten! So lange jeder dort einfachen Zugriff hat wird sich das Nivau dort auch nicht andern.

Vor ein paar Minuten gelesen: Das beste Argument gegen Demokratie ist ein 5 Minutengespräch mit einem durchschnittlichem Wähler (W.Churchill zugeschrieben)

Genau das trift mMn. aus sogenannte a'soziale Medien zu!

.

Gruss

Sikasuu

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Ehemaliger Nutzer 24.01.2016 | 13:22

Hach, Statistiken der OECD.

Diese schönen bunten Bilder ohne Angabe der Datenbasis, so wertvoll, wie unser täglich Kackhaufen.

Vielleicht liegt es ja auch nur daran, das der anatolische Bauernsohn gar kein Internet hat, sondern nur der Stdudent in Ankara?

Wo 2013 rund 51% noch nie Internet benutzt haben?

http://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php/File:Internet_use_and_frequency_of_use_by_individuals,_2013_%28%25_of_individuals%29.png

silvio spottiswoode 24.01.2016 | 15:56

Sascha Lobos Text ist geil geschrieben, gefällt mir sehr. Nur mit der Schlußfolgerung habe ich Probleme, denn die Zahlen giben das einfach nicht her.

Ebenso hier im Blog, den ich gern gelesen habe ... Schaut man sich die Zahlen genau an, die der Grafik zugrunde liegen, dann sieht man, hier fliessen ganz unterschiedliche Werte mit ein, andere hingegen fehlen komplett. Vor allem, schau man sich bei der eigenen Peer-group um, lässt sich dieses Fazit absolut nicht halten: Beispielsweise nur einer von 45 meiner Facebook Follower hat keinen Hochschulabschluss; mit Lehraufträgen, als Profs, Dozenten ist/war jeder zweite ausgestattet.

Interessant wäre eine detaillierter Blick auf die Nutzung; das Nutzerverhalten. Denn hier gibt es tatsächlich große Unterschiede, die aber in der Studie nicht vorkommen.

Eine statistische Erhebung, die das Nutzerverhalten nicht in die Analyse mit einbezieht ist wertlos. Meine Meinung.

mcmac 25.01.2016 | 01:04

Und noch was:

Sascha Lobo sieht (wie auch der hiesige Blogger) offensichtlich den Wald vor lauter Bäumen nicht: Wer solch' kreuzgefährlichen Monster-Schmarr'n wie etwa Gesichtslos-Buch aufsitzt - einem Dienst, der unter dem Label "Freiheit" versucht, das Internet brutal zu privatisieren, eine Gated Community daraus zu machen - soll meinetwegen auch gerne darin elendiglich umkommen. Oder, anders gesagt: Mit der dort anscheinend waltenden, praktizierten Idiotie, welche per Design - im wahrsten Sinne des Wortes - vorprogrammiert ist, selbst versuchen klarzukommen.

Dass laut OECD-Erhebung ein nicht unerheblicher Teil mutmaßlich deutscher, potenzieller Nutzer an diesem (neuartigen Konsum/Mode)Schwachsinn nicht teilnimmt, ist kein Manko, sondern könnte eher ein Beleg dafür sein, dass hierzulande trotzdem noch nicht alle der total-digitalen Regredierung anheim gefallen sind.

Das könnte fasst Mut machen in diesen, an guten Zeichen sonst so armen Zeiten.

Es könnte aber auch ein Beleg dafür sein, wie borniert und klassendünkelnd hierzulande Mehrheiten unterwegs sind. Dann aber müsste die Kritik, die Lobo und dieses Blog versuchen zu formulieren, an einem ganz anderen, viel substanzielleren Punkt ansetzen: am ökonomisch herrschenden, historisch überkommenenen und idiotischen System aka Kapitalismus.

Stefan Hetzel 25.01.2016 | 10:16

@Silvio Spottiswoode: Danke :-) Dass man als Akademiker hauptsächlich akademische FB-Freunde hat, sagt wohl mehr über das Filterbubble-Problem (wenn es denn eines ist) aus als über meine These. - Der Einwand mit dem Nutzerverhalten erscheint mir auch nicht stichhaltig: Nach langjähriger Beobachtung meines (bildungstechnisch heterogeneren) FB-Freundeskreises stelle ich fest, dass die Bildungsferneren sich tendenziell häufiger, impulsiver und entschieden meinungsfreudiger zu Wort melden als meine FB-Freunde mit high formal education. Es gibt unter Letzteren auch nicht wenige, die all die Jahre noch nie irgendwas gepostet haben (warum auch immer). Sollte dies ganz allgemein zutreffen, würde das die real existierende FB-Bildungsferne ja sogar noch verstärken! Was meinst du?