PRISM und der Neo-Liberalismus

Digitale Observanz Die Konzepte "Neo-Liberalismus" und "Geheimdienst" vertragen sich nicht wirklich, wie die NSA bitter bemerken musste
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PRISM und der Neo-Liberalismus
Ach, wie schön ist Kanada: Thatcher, Reagan und Kohl auf dem G7-Gipfel 1988
Foto: Wikipedia

Der britische Science-Fiction-Autor Charles Stross beleuchtet in einem aktuellen Artikel für sein Blog einen Aspekt der PRISM-Affäre, dem bisher kaum Beachtung geschenkt wurde: das Verschwinden der klassischen Angestelltenloyalität.

[...] loyalty is a two-way street [...] bruised employees who lack instinctive loyalty because the culture they come from has spent generations systematically ... undermining their sense of belonging are much more likely to start thinking the unthinkable.

Die persönlichkeitszersetzende Kultur, von der Stross hier spricht, ist nicht etwa die von 1968, sondern der gute alte Neo-Liberalismus der 1980er Jahre (sowie aller folgenden Jahrzehnte), der witzigerweise selbst so klandestine Organisationen wie amerikanische Geheimdienste zwang, relevante Dienstleistungen outzusourcen. Snowden war ja genau einer dieser externen Geheimdienstleister, er gehörte bekanntermaßen niemals der NSA selbst an, sondern arbeitete für eine, äh, "Technologieberatungsfirma" mit dem schönen Namen Booz Allen Hamilton.

Stross - offenbar ein ganz verstockter Linker, pfui Teufel - freut sich nun diebisch, dass die konsequente Durchsetzung neo-liberaler Denke (“They’ll give you a laptop and tell you to hot-desk or work at home so that they can save money on office floorspace and furniture.”) auch in der Geheimdienstbranche offenbar die mehr als unerwünschte Nebenwirkung hatte, dasss "externe" Zuarbeiter wie Snowden keinen Kadavergehorsam gegenüber ihrem Auftraggeber mehr entwickelten, wie er für Geheimdienstler alter Schule noch obligatorisch war (außer, sie waren Doppelagenten, hehe). Logisch - er ist (bzw. war) weder Soldat noch Beamter, sondern eine Zivilperson, ein Dienstleister: extern, aber (notgedrungen) eingeweiht.

Objektive Ironie: Reagan, Thatcher und (ein bisschen) auch Kohl, sicherlich aber Westerwelle murmelten ihr Mantra von der Privatisierung staatlicher Dienste, um "die Wirtschaft" zu stärken und das "freie" Unternehmertum, letztlich also das "freie Individuum". Sie haben ihr Ziel erreicht. Das "freie Individuum" ist da.

Es heißt: Edward Snowden.

08:43 18.08.2013
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Geschrieben von

Stefan Hetzel

Bürger, Publizist, Komponist (autonom, aber vernetzt)
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Stefan Hetzel

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