Kämpferinnen

PARADOX Frauen mit der Kalaschnikow in traditionell patriarchalischen Gesellschaften

Sie sind mir bis heute ein Rätsel geblieben, obwohl einige inzwischen meine Freundinnen sind. Während es in Deutschland zur modischen Frage wurde, ob Frauen in der Bundeswehr mit der Waffe kämpfen sollten - mal mit Blick auf notwendige Konsequenz feministischer Politik gefordert, mal mit dem Chic der virilen Rolle kokettierend gewünscht -, haben Fatma, Abeba, Almaz und viele andere Jahre ihres Lebens im Schützengraben der eritreischen Sahel-Berge verbracht, ohne je von Feminismus gehört zu haben.

Manche, wie die damals 15-jährige Fatma Homed, waren zwangsrekrutiert worden. Fatma wollte zu Hause, bei ihrer Mutter bleiben, Ziegen hüten und bald heiraten. Sie wollte auf keinen Fall kämpfen. Aber sie wurde nach kurzem Training an die Front gestellt. "Als es dann losging, und ich zum ersten Mal im Kampf war, hatte ich zuerst Angst. Aber als dann die Äthiopier auf uns geschossen haben, überall um mich herum zischten Schüsse, schlugen Granaten ein, da hab' ich gefühlt: Das sind meine Feinde. Als ich gesehen habe, wie meine Kameraden verletzt und getötet wurden, da wollte ich plötzlich zurückschießen. Und vor allem wollte ich unbedingt diesen Krieg gewinnen, damit ich zurück zu meiner Familie gehen könnte. Das war mein Hauptwunsch." Was Fatma beschreibt, ist Kämpfen aus Notwehr, ums Überleben.

Fatma wurde im Krieg querschnittsgelähmt, ebenso wie Abeba Tkua, 1960 geboren. Für Abeba war es "normal, auch zu kämpfen, wenn um mich herum gekämpft wird. Ich war in meinen Gedanken und Gefühlen ganz mit dem Wunsch beschäftigt, zu beweisen, dass ich auch wirklich so stark und tapfer bin wie die Männer. Zu gefährlichen Aktionen haben sich die Älteren oft freiwillig gemeldet. Das war ansteckend, wir wollten auch so werden wie sie." Abeba trug die Verletzten von der Front. Über den ersten, der starb, während sie ihn schleppte, sagte sie: "Ich hatte ihn nicht gekannt, aber ich wollte ihn unbedingt rächen, wollte weiterkämpfen, damit sein Ziel erreicht würde, damit er nicht umsonst gestorben wäre. Auch später haben mich die Toten mehr angefeuert als die Lebenden."

Jede der Frauen hat ihre eigene Geschichte, der Vater der einen wurde von Äthiopiern ins Gefängnis geworfen, die Cousine der anderen vergewaltigt und massakriert, eine war Zeugin, wie die Menschen im Nachbardorf in die Kirche gesperrt und mit dieser angezündet wurden und verbrannten. Anders als die Männer berichteten alle freiwilligen eritreischen Kämpferinnen, die ich 1994/95 interviewt und 1998 wieder besucht habe, von Gewalttaten in ihrem persönlichen Umfeld, die es für sie zwingend machten, selbst zu kämpfen. Frauen, die sich, weil sie Frauen sind, nur Unterordnung fügen sollten, agierten plötzlich entgegengesetzt zur Rolle, für die sie individuell erzogen waren, aber konform mit ihrer Gesellschaft.

Die Zeit in der Armee hat sie so verändert, dass die meisten heute kaum mehr in der traditionellen Gesellschaft leben können. Die, die es versuchen, ecken überall an und fühlen sich selbst wund: "Dafür haben wir nicht gekämpft." Sie haben ein anderes Bild von Weiblichkeit nicht nur konstruiert, sondern gelebt. Sie sind stolz - und die personifizierte Friedfertigkeit. 1998 sagte Almaz, heute Lehrerin, resigniert: "Ein anderes, gleichberechtigteres Frauenbild haben wir nicht dauerhaft etablieren können, denn die große Zivilgesellschaft kann man nicht über die kleine Armee verändern."

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