Neuer Kopf braucht neuen Bauch

SCHRÖDER Die Nation bekam, was sie wollte - die autoritäre Pose

Nachdem Napoleon die Flucht von Elba geglückt war, überschlugen sich die Machtworte fürchtenden Bulletinschreiber umso mehr in Ehrerbietung, je näher der frühere Kaiser Paris rückte. Die französische Revolution lag erst 25 Jahre zurück, die Republik währte kurz, die Bereitschaft, sich Machtworten zu fügen, hatte man noch in Fleisch und Blut. 200 Jahre später und nach etlichen demokratischen Experimenten sonnte sich freiwillig ein Kanzler in Positano, und bereits eine Woche vor seiner geplanten Rückkehr brach in Berlin eine Hysterie aus: Politiker und Journalisten verlangten nach einem Machtwort. Bedenkenswert. Der Herbeigeflehte schließlich sprach das Erwünschte keinesfalls Auge in Auge, sondern er bürstete die Diskussionsbeiträge andersdenkender Genossen über Mittelsmänner der schreibenden Zunft als »unerfreuliches Sommertheater« ab, was - nicht sehr demokratisch - heißt: Ihr seid irrelevant. Die Nation bekam, was sie wollte: die autoritäre Pose. Konfrontiert mit seinem Hauptwidersacher Reinhard Klimmt wirkte die Inkarnation der Macht am Montag dann jedoch wieder sehr auf Normalmaß gestutzt. Schröders Strategie, den Saarländer so an die Wand zu drängen, daß er nur kapitulieren oder den nächsten Schritt der Eskalation, die Stimmverweigerung im Bundesrat, ankündigen konnte, war wie so oft nicht an Konsens, sondern an der Behauptung von Dominanz orientiert.

Ein starker Mann, der sich von Luft ernährt: Ende Juli meinten 36 Prozent der Wähler, Schröder strahle Zuversicht und Erfolg aus, aber nur 18 Prozent gaben ihm auch eine Zukunft (Allensbach). Beliebtheit ist das einzige Pfund, mit dem der Kanzler wuchern kann. Schröder wird, auch weil er ausschließlich von den Themen und Projekten seiner scheinbar doch so grauen Ministermäuse lebt, zunehmend in seiner Existenz als Darsteller eines Politikers wahrgenommen, politisch als Leichtgewicht. Fatal, denn eins hat jeder Kanzler: die Macht, Weichen falsch zu stellen. Ein Jahr nach dem Regierungswechsel spürt die SPD-Basis, daß ihre Vorstellung von Mitte nicht mit der Schröders übereinstimmt. Reale Mitte der Gesellschaft sind die mittlere Generation, Berufstätige, Eltern und die überwiegende Mehrheit der BürgerInnen im Osten - sie sind gewohnt oder sogar angewiesen auf einen sozialen Staat. Schröders virtuelle Mitte sind flexible, gut verdienende Singles oder Paare. Aber die wählen Grüne, FDP und CDU/CSU. Das schnieke Schröder/Blair-Papier mag von Henkel Co. geordert sein, aber im Lebensmittelregal für SPD-Wähler ist es unverkäuflich, um mal Schröders Terminologie zu verwenden.

Der neue SPD-Vorsitzende war nach dem Rücktritt Oskar Lafontaines die erstbeste Notlösung. Aus der Sicht der SPD wurde ihr ein neuer Kopf verpflanzt, aus der Sicht des neuen Kopfs scheint nun eine Ganzkörperverpflanzung notwendig. Der Kopf hat kein Gefühl für diesen alten Bauch, kein Gespür dafür, ihn zu pflegen und zu ernähren. Als Franz Müntefering nach den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern ermutigte, die Zusammenarbeit mit der PDS im Osten allgemein auf Länderebene denkbar zu machen, war das nicht nur im Hinblick auf die Bundesratsmehrheit klug, sondern vor allem ein gesellschaftlich zupackender Versuch, die alte Volkspartei in der Mitte der Gesellschaft des vereinigten Deutschlands zu verwurzeln. Für die SPD wäre das ein nahrhafterer Weg gewesen als die Novel-Food-Diät eines neuen am Schröder/Blair-Papier orientierten Programms. Ob für die SPD Müntefering nicht der geeignetere Vorsitzende wäre als er selbst, könnte sich Schröder noch fragen, bevor es andere tun.

Die anstehenden Landtags- und Kommunalwahlen, vor allem aber die Landtagswahl in NRW im Mai 2000 werden mit der Entscheidung über Schröders Geistesverwandten Wolfgang Clement auch zu Stunden der Wahrheit für den Kanzler und SPD-Vorsitzenden. Die Gewerkschaften, die für Lafontaine/Schröder Wahlkampf gemacht hatten, wenden sich vom übriggebliebenen Schröder ab. Der Boden, auf dem er geht, wird dünn. Er weiß das, sonst würde der Triumphator des Trios nun nicht ausgerechnet den von ihm verachteten Scharping protegieren und versuchen, die unbedeutenden stromlinienförmigen jungen Abgeordneten mittels Karriereaussicht - Hans Martin Bury! - in sein Lager zu kaufen.

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