Krankheit des liberalen Kämpferinnengeists

Feminismus Endometriose ist noch immer zu wenig erforscht und bekannt. Die Erkrankten werden mit ihrem Leid oft alleine gelassen: Der perfekte Nährboden für neoliberalen Feminismus
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Das Leid durch Endometriose – perfekt für Instagram inszeniert
Das Leid durch Endometriose – perfekt für Instagram inszeniert

Foto: Zakaria Abdelkafi/AFP via Getty Images

In Deutschland erkranken jährlich circa 40.000 Menschen an Endometriose, einer chronischen Krankheit, die oftmals mit sehr starken Menstruationsbeschwerden und psychischem Leidensdruck einhergeht. Da die Beschwerden von vielen Ärztinnen und Ärzten nicht ernst genommen oder als "normale Regelschmerzen" abgetan werden, herrscht gesellschaftlich kaum Bewusstsein für das chronische Leid erkrankter Personen: Es dauert durchschnittlich etwa sechs bis zehn Jahre bis die Krankheit diagnostiziert wird und sogar in speziellen Endometriosepraxen werden Patient:innen oft belächelt oder weggeschickt.

Dieses Phänomen, das fehlende Bewusstsein, führt dazu, dass sich eine Sparte des feministischen Kampfes auftut, die genau das - und im Grunde auch nicht viel mehr- fordert: Repräsentation. Und sich damit perfekt in das Wesen des liberalen Feminismus einfügt. Martina Liel zitiert in ihrem Buch „Endometriose und Psyche“ eine Studie der Fachzeitschrift „Geburtshilfe und Frauenheilkunde“ laut welcher "Endometriosepatient:innen oft mehr psychischem Leid ausgesetzt sind als Krebs- und Rheumapatientinnen." Umso absurder klingen die Selbstbezeichnungen der Frauen (ich beziehe hier nichtbinäre Personen mit ein): Sie bezeichnen sich als Endobabes und Endoschwestern, eine euphemistische Bezeichnung sondergleichen, wenn man im Vergleich Begriffe wie „Krebsschwestern“ und „Rheumababes“ in den Raum wirft.

Sucht man auf Instagram nach „Endometriose“ finden sich 457 Tausend Beitrage, 17k sind mit dem Hashtag "endometriosekämpferinnen" verlinkt. Der erste Account, der mir vorgeschlagen wird, heißt "endoloewin", der Verweis also auf ein starkes, kämpferisches Wesen. Der nächste Beitrag, präsentiert die für Instagram typischen pastellfarbenen Slides, die jedes psychische Phänomen auf profan-simplifizierende Weise erklärbar machen wollen, etwa: "7 signs somoeone is suicidal" und verkündet: "Hey Endosister, you're stronger than you think you are." Weiter geht es mit dem esoterisch anmutenden Spruch: „Du bist in deinem Leben genau da, wo du gerade sein sollst.“ Eine totale Relativierung des Leids der erkrankten Personen, unter dem Deckmantel der „awareness“ für die Thematik. Häufig geht die Glorifizierung der eigenen Stärke mit einem raschen Lippenbekenntnis einher, dass es ja selbstredend nicht schlimm sei "auch mal Schwäche zu zeigen und hoffnungslos zu sein“, aber es muss schließlich auch wieder vorwärts gehen.

Es ist ein überaus normaler und nicht zu verurteilender Abwehrmechanismus sich auf körpereigene Stärken und Abwehrkräfte von Leid zu berufen, der einen sinnvollen Selbstschutz leidender Menschen darstellen kann. Weiter: Das Frauen im Empfinden ihrer Schmerzen stigmatisiert und weniger ernst genommen werden, ist ein strukturelles Problem, das sich ändern muss. Es handelt sich hierbei um das sogenannte Yentl-Syndrom: Eine ursprüngliche aus dem Bereich der Kardiologie stammende Beobachtung, dass Frauen mit chronischen Schmerzen weniger häufig ernst genommen werden und somit öfter an Herzinfarkten sterben als Männer, denen eine umfangreichere Präventivbehandlung zugesagt wird.

Und auch Endometriose wird im Großen und Ganzen leider von einer Stigmatisierung weiblichen Leids, hinzu einer Krankheit des liberalen Kämpferinnengeist stilisiert, deren Vertreter:innen wenig konkrete Forderungen stellen. Wie oben bereits beschrieben, die Endometriosekämpferinnen beschwören stets, man solle sich Zeit für sich, den eigenen Körper und die eigenen Bedürfnisse nehmen, verweisen an dieser Stelle in unzähligen Podcasts und Wohlfühlvideos selten auf die gegebene Umstände einer Leistungsgesellschaft, die diesen Rückzug für viele Personengruppen nicht möglich machen. Im Endometriose-Podcast "Endopower" – der Name spricht für sich – argumentieren die Podcasterinnen, dass es "typisch für Endomädels [sei], sich keine Zeit für sich zu nehmen und das Gefühl zu haben, schnell wieder auf den Arbeitsplatz zurück kehren zu müssen.“ Es ist mir neu, dass neoliberale Sozialisierung ein Symptom einer gynäkologischen Krankheit ist. Vielmehr erlebe ich diesen Druck gleichermaßen bei erkälteten Menschen in meinem Umfeld, die sich nicht erlauben (können) am Arbeitsplatz zu fehlen und sich auch krank auf die Arbeit schleppen. Diese kämpferische Umgangsart mit der Krankheit passt also, ob die Endometriosekämpfer:innen wollen oder nicht, in den neoliberale Duktus des Durchbeißen und Hocharbeiten. Im Kampf gegen Endometriose schaffen sie Bewusstsein für ihr Leid: Ihr Chef weiß jetzt, dass gebärmutterschleimhautähnliches Gewebe an Stellen wächst, wo es nicht sein sollte, aber das stecken die Endometrioselöwinnen weg. Der Endopowerpodcast konstatiert in der 12. Folge "Karriere trotz Endometriose", dass sich "Karrierevorstellungen von Endobabes nach der Diagnose anpassen". Indem sich „das Endobabe“ in Form des Podcasts selbstständig macht, das eigene Leid kapitalisiert, wird die Krankheit also zum eigenen Erfolg.

Ein weiteres prominentes Beispiel des liberalen Feminismus ist die Influencerin und Unternehmerin Diana zur Löwen. Erst kürzlich postete die 26-jährige ein Video, in dem sie sich darüber freut, dass Frankreichs Präsident Emmanuel Macron Ziele nennt, um die Diagnose und Behandlung von Endometriose zu erleichtern: Er fordert eine Sensibilisierung der Pfleger:innen, will mehr Geld in die Forschung stecken. Tatsächlich sagt er: „Ce n'est pas un problème de femmes, c'est un problème de société“ (Das ist kein Frauenproblem, das ist ein Gesellschaftsproblem). Auch wenn man sich fragt, was ein sogenanntes Frauenproblem sein soll, und sicherlich nicht von „Männerproblemen“ die Rede gewesen wäre, ist vielleicht etwas dran an Macrons Aussage. Endometriose ist ein gesellschaftliches Problem, wird jedoch nicht als solches gehandhabt. Das Private ist noch nicht politisch. Wenn das Private tabuisiert, stigmatisiert und missachtet wird, rettet sich die Erkrankte auf die Individualebene und diese wird zum Nährboden des liberalen Feminismus. Jede Person geht anders mit einer chronischen Krankheit um und ich möchte betonen; jede Form ist legitim. Ich schreibe Kommentare über eine, aus linker Sicht, vielleicht noch nicht ganz geglückte Politisierung.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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