Die digitale Transformation gestalten

Soziale Digitalisierung Die Digitalisierung ist nicht etwas rein Technisches, sondern ein ökonomischer Prozess, den es sozial und gesamtgesellschaftlich zu gestalten gilt
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Die digitale Transformation gestalten
Digitalisierung, Apps, Vernetzung, Smartphones. All das bringt große Fragen mit sich, die das Alltagsleben hintergründig mitbestimmen

Foto: Chris J Ratcliffe/AFP/Getty Images

Es ist ein Thema, das trotz seiner elementaren Bedeutung für unser aller Leben, jahrelang ein stiefmütterliches Dasein fristete: Die Rede ist von der Digitalisierung. Freilich hört man immer wieder, dass man die Digitalisierung endlich anpacken müsse, um „Deutschland zukunftsfähig zu machen“. Doch in den meisten Fällen wird die Digitalisierung nicht in ihrer vollen Bedeutung erfasst und zumeist mit dem bloßen Breitbandausbau gleichgesetzt.

Das ist zweifelsohne ein Aspekt der Digitalisierung und natürlich bildet er einen Bestandteil, doch er ist mitnichten das Mammutprojekt – auch wenn man das vermuten mag – an der Digitalisierung. Das eigentliche Großprojekt wird ihre konkrete Ausgestaltung sein. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um die Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen und werden. So wie einst die Industrialisierung, stellt uns nun die Digitalisierung vor neue soziale Fragen. Was macht sie mit uns als Menschen und was macht sie aus unserer Gesellschaft?

Noch fehlt es vielen Bürgerinnen und Bürgern an der Sensibilisierung für dieses Thema. Das mag auch daran liegen, dass es die Parteien bisher nicht vermochten, ein Zukunftsbild der Digitalisierung zu zeichnen, das eingängig Problemfelder beleuchtet. Wichtig ist mir, an dieser Stelle zu betonen, dass die Digitalisierung zweifelsohne eine Vielzahl an Vorteilen mit sich bringt. Doch gleichzeitig ist es wichtig, Problemfelder zu identifizieren.

Die Digitalisierung hat längst Einzug in unser Leben gehalten

Die Digitalisierung hat längst Einzug in unser Leben gehalten. Es gibt fast keine Gegenstände, die nicht schon das Wort smart vor sich hertragen: Telefone, Kühlschränke, Waschmaschinen, Thermostate, Autos, Fitnessarmbänder. Die Liste ließe sich problemlos fortsetzen.

Doch was uns heute noch das Leben erleichtern kann, könnte morgen schon seine Wirkung umkehren. Mit jeder Nutzung dieser Geräte sammeln sie auch unsere Daten. Vielen mag das im ersten Moment egal sein, doch wenn diese Daten genutzt werden, um eine Konditionierung der Kundin oder den Kunden, also Ihnen, herbeizuführen, dann kann aus dem Segen ein Fluch werden.

Werden wir konkreter: Wenn heute die ersten Krankenkassen beginnen, ihren Kundinnen und Kunden Fitnessbänder zu kofinanzieren, dann verfolgen sie damit nicht uneigennützige Ziele. Was im ersten Moment wie eine Win-Win-Situation wirkt, („Endlich! Ein Fitnesstracker.“), könnte später zur Falle werden. Da wo der Hausarzt die Daten des Trackers auslesen und auswerten kann, werden aufwendigere, langwierigere Messungen obsolet. Das ist ein klarer Vorteil. Auch wenn es darum geht, dass ein Fitnessband zum Lebensretter werden kann, sollte der Träger gerade zum Notfall werden, so ist auch dies ein klarer Vorteil.

Wenn allerdings die Daten, und das ist zu erwarten, durch Krankenkassen gesammelt, ausgewertet und zur Tarifindividualisierung genutzt werden, so wird der anfängliche Bonus zum Malus. Das Auswerten solcher Daten ebnet den weiteren Weg zum Scoring von Patientinnen und Patienten. Doch es geht nicht nur um die Individualisierung, sondern um sozialen Zusammenhalt. Gerade arme Menschen in strukturschwachen Regionen sind häufiger krank und sterben früher als Menschen mit durchschnittlichem und höherem Einkommen – zu diesem Ergebnis kam eine Studie des Robert-Koch-Institutes im Auftrag der Bundesregierung aus dem Jahre 2015.

Bei Geld hört doch die Freundschaft auf, oder?

Natürlich bleibt es die vornehmliche Aufgabe der Politik dafür zu sorgen, dass sich die Gesundheitsversorgung und das Lohnniveau in Sachsen-Anhalt verbessern, um diese Schere zu schließen. Doch gleichzeitig muss sie darauf achten, dass die Digitalisierung diese traurige Tatsache nicht weiter verschärft und institutionalisiert. Die soziale Digitalisierung, die ich meine, achtet darauf, dass Geringverdienende keinen höheren Beitrag an die Krankenkasse zahlen müssen als Besserverdienende, nur weil sie im individualisierten Scoring schlechter abschneiden.

Doch nicht nur im Gesundheitswesen, auch im Banken- und Kreditwesen könnten sich Veränderungen einstellen.

Aktuell gibt es zahlreiche Banking-Apps, die anbieten, dass man alles bequem von unterwegs aus managen könne – und das völlig ohne Kosten. Da muss man skeptisch werden und darf vor allen Dingen nicht am falschen Ende im App- oder Play-Store sparen. Irgendein Geschäftsmodell müssen diese Apps haben, um rentabel zu sein. „Jede Rechnung erzählt eine Geschichte“, sagte mir mal ein alter Ausbilder. Wenn dem so ist, dann erzählen wir dem App-Unternehmen unser ganzes Leben. Wir erlauben einem Unternehmen, das vielleicht nicht mal unsere Bank ist, unsere Kontoumsätze auszuwerten, um diese dann als Datensatz an Dritte zu verkaufen. Bei Geld hört doch die Freundschaft auf, oder?

„Sorry Leute, in dieser Welt sind wir die Produkte und nicht die Konsumenten!“

Apropos Freundschaft. Schon im Jahre 2012 wollte die Schufa auf die Facebook-Daten von Verbraucherinnen und Verbrauchern zugreifen, um ein individualisiertes Scoring durchzuführen. Aufgrund des Widerstandes aus Politik und von Datenschützern wurde dieses Vorhaben seinerzeit eingestampft. Es zeigt aber die Stoßrichtung der Entwicklung, die die Kreditvergabepraxis in Zukunft nehmen wird, wenn nicht klare Grenzen gesetzt werden. Wenn das Onlineverhalten in die Kreditvergabe einfließt, dann bedeuten „falsche“ Freunde auf Facebook, „dubiose“ Postings mit unsicherer Rechtschreibung und „falsch“ gelikte Seiten dicke Minuspunkte. Wer glaubt, soziale Medien seien der Ort für das „neue Private“, wird enttäuscht. Die Geschäftsgrundlage dieser Medien bilden unsere Daten, die sie an andere Unternehmen verkaufen. Sorry Leute, in dieser Welt sind wir die Produkte und nicht die Konsumenten!

Wie sich die Arbeit im Zuge der Digitalisierung ändern wird

Auch die Arbeitswelt wird sich durch die Digitalisierung weiter verändern. Dabei spreche ich nicht vom Scannen alter Aktenordner im Büro, sondern von der weiteren Abhängigkeit von Apps. Hinter dem, was wir alltäglich „Apps“ nennen, stecken natürlich Unternehmen. Ein Beispiel bietet hier das Unternehmen Uber. Mit Uber kann jeder Mensch mit Auto und Führerschein schnell zum Taxifahrer werden. So weit, so spannend. Doch was ist eigentlich mit den Menschen, die mehr oder minder über solche Apps ihr Dasein fristen? Wie sind sie sozialversichert und zahlen sie Steuern? Was im ersten Moment nach ungeliebten, bürokratischen Pflichten klingt, bildet nicht weniger als die eigene soziale Absicherung, die sonst über die Arbeitgeber – in diesem Fall das klassische Taxiunternehmen – vorgenommen wird.

Das Problem hierbei ist, dass reguläre Unternehmen, die im besten Falle sozialversicherungspflichtige Tätigkeiten mit sich bringen, durch die Dienstleistungen dieser Apps verdrängt werden, da sie nur eine Plattform für Selbstständige zur Verfügung stellt. Dass die Fahrer, die mit dieser App Geld verdienen, oft Selbständigkeitsstatus haben sollten, wissen sie jedoch selten oder wollen es nicht wissen. Das macht sich spätestens bei den Ansprüchen auf die Sozialversicherungsansprüche bemerkbar.

Die Politik muss Spielregeln setzen

Ein weiteres Problem ist, dass über die Unternehmen, die solche Apps auf den Markt bringen, der wirtschaftliche Mittelstand unserer Gesellschaft in Zugzwang gerät. Das kann natürlich positive Auswirkungen auf den Markt und die Preisentwicklung haben. Doch es herrscht keine Waffengleichheit der Unternehmen, wenn ein Unternehmen qua Geschäftsmodell auf Scheinselbstständigkeiten setzt. Soll ein Markt funktionieren, so braucht er klare Regeln, die für alle gelten: Für Unternehmen, für Arbeitnehmer, für Verbraucher. Wenn die Politik hier keine Spielregeln setzt, die für alle gelten, vergrößert sich die soziale Ungleichheit und die Ungerechtigkeit, die am Ende negative Folgen für den Mittelstand hat und die Arbeitnehmer trifft.

Ganz unabhängig davon wird die Digitalisierung auch zur Rationalisierung von Arbeitsplätzen führen. Die Frage ist dann: Entstehen diese an anderer Stelle neu oder müssen wir beginnen, uns Gedanken darüber zu machen, was unsere Definition von Arbeit ist (Erwerbsarbeit versus Ehrenamt) und wie unsere Gesellschaft in Zukunft mit „weniger Erwerbsarbeit“ umgehen wird.

Warum wir das wahre Interesse sozialer Medien verkennen

Doch nicht nur in den eigenen Lebensbereichen wie Gesundheit, Arbeit oder Geld hält die Digitalisierung Einzug. Auch unsere Gesellschaft unterliegt ihrem Einfluss. Das lässt sich für Viele von uns am spürbarsten in den sozialen Medien wahrnehmen und fängt bei uns selbst an.

Im Glauben daran, soziale Medien wären der digitale Ort für das „neue Private“, in dem wir zeitökonomisch rationalisiert agieren könnten, um unsere Freunde und Bekanntschaften zu verwalten, bewerten und uns mit ihnen austauschen, verkennen wir das wahre Geschäftsinteresse solcher Plattformen. Wir verkennen es, weil uns Algorithmen eine Welt vorgaukeln, die so nicht existent ist.

Man kennt das: Man sucht im Onlinehandel nach einem Produkt und bekommt die Empfehlung „Wer sich für dieses Produkt interessiert, interessierte sich auch für…“ gleich mitgeliefert. Ebenso läuft es bei den Musikstreaming-Diensten. Wer heute Mumford and Sons hört, bekommt morgen die Mighty Oaks vorgeschlagen. Das gleiche Muster findet sich in sozialen Medien. Wem die Seite mit den „lustigen Katzenbabys“ gefällt, dem werden weitere Seiten solcher Art vorgeschlagen. Im ersten Moment scheint dies unproblematisch. Doch wohin führt uns dieser Algorithmus-gesteuerte Like-Mechanismus als Gesellschaft?

Betrachten wir die Digitalisierung als intensivierendes Instrument der Marktwirtschaft, so müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass die Rolle des Individuums als Bestandteil von „Zielgruppen“ immer zentraler wird. Da es sich bei Facebook nicht um ein Geschenk von Mark Zuckerberg an die Menschheit handelt, sondern um ein Unternehmen mit Geschäftsinteressen, bilden unsere Daten dessen Geschäftsgrundlage. Auf diesen Informationen bauen soziale Medien eine individuelle Realität (in diesem Falle eine Timeline) auf, die wir „liken“ beziehungsweise „kaufen“ sollen, in dem wir weiter mit ihr interagieren.

"Unsere Wahrnehmung dessen, was wahr ist, ist das Produkt eines Geschäftsmodells."

Online können wir Nachrichten, die uns nicht gefallen, besser verdrängen, wenn wir dauerhaft nicht mit ihnen interagieren und sie somit langsam aus unserer Wahrnehmung verschwinden. Während mich so zum Beispiel der Seetod von Flüchtenden über soziale Medien nicht erreichen wird, werde ich bei MDR AKTUELL darüber informiert: ob ich das will oder nicht.

Unsere Wahrnehmung dessen, was wahr ist, ist in sozialen Medien also kein Abbild der Realität, wie wir sie tagtäglich auf den Straßen Sachsen-Anhalts oder Deutschlands wahrnehmen können. Vielmehr ist sie das Produkt eines Geschäftsmodells, das unsere Daten zur Individualisierung nutzt und damit die gesamte Gesellschaft verändert. Denn wenn die Nutzerinnen und Nutzer sozialer Medien nicht verstehen, dass ihre Timeline von einem Algorithmus zusammengesetzt wird, der den Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie folgt, dann werden sie nicht verstehen, dass ihre Wahrnehmung, die folglich zu deren Realität und Normalität wird, durch wirtschaftliche Interessen verfälscht wird. Auch hier lässt sich trauriger Weise konstatieren, dass wir das Produkt sind.

Eine Herausforderung für unsere Gesellschaft

Für unsere Gesellschaft ist dies eine Herausforderung. Denn wenn wir nur noch das wahrnehmen, was in unseren Filterblasen und Echokammern passiert, was verbindet uns dann gesamtgesellschaftlich? Wollen wir einen Wirtschaftspakt oder den Gesellschaftsvertrag als Wirklichkeitsbezug und Grundlage unseres sozialen Handels? Darüber müssen sich Politik und Gesellschaft klar werden.

15:36 14.11.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Krabbes

Politisch. Interessiert. twitter: @stefankrabbes
Stefan Krabbes

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