Stolz als letztes Bollwerk

Rassismus in der Sprache Ist es rechtfertigbar, wenn Begriffe wie "Mohr" oder "Neger" für die Bezeichnung afrikanischer Völkergruppen verwendet werden? Ich meine nein und argumentiere weshalb.
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Neulich bin ich auf einer lokalen Facebook-Gruppe auf einen Beitrag gestoßen der ein Foto einer örtlichen Apotheke zeigt: „Mohren Apotheke“. Ob der Name dieser Apotheke irgendwann als rassistisch gilt war die Frage. – „Mohr“ lässt sich bis ins griechische „moros“ zurückverfolgen, was „töricht“ oder „dumm“ bedeutet, wovon sich auch das englische „moron“, „Idiot“, abgeleitet hat. Im Lateinischen „maurus“ bedeutet es „schwarz“, „dunkel“, „afrikanisch“. Daraus ist das altdeutsche Wort „mor“ bzw. das mittelhochdeutschen „Mohr“ entstanden und galt lange als Bezeichnung für eben jene Menschengruppe. Daraus abgeleitet gab es auch einige Produkte wie „Mohrenkopf“ oder „Negerkuss“ und sind heute unter diesen Namen zunehmend seltener anzutreffen. – Zurück zum Facebook-Beitrag. Es kommt gerade in dieser Zeit recht komisch vor, wenn sich ein Nutzer – zumindest zwischen den Zeilen – über den sprachlichen/kulturellen Zerfall beschwert und diese Diskussion ausgerechnet mit einem Wort für eine dunkelhäutige Menschengruppe beginnt, anstatt über Böll, Brecht und dergleichen zu diskutieren. Kommt da Nostalgie auf?

Menschen, die Bezeichnungen wie „Neger“ verfechten, verweisen oft auf die lateinische Bedeutung „niger“ was übersetzt „schwarz“ bedeutet. Schaut man sich aber die Zeiten an, in denen solche Bezeichnungen verwendet wurden, dann wurden diese Begriffe nie neutral verwendet, sondern wurden stets mit der allgemeinen Anschauung, dass die weiße der dunklen Rasse überlegen sei, ausgesprochen. Es waren Zeiten, in denen Schwarze in Zoos zur Schau gestellt wurden, Zeiten, in denen sie als Sklaven gehalten wurden und keine Rechte besaßen. „Mohr“ und „Neger“ sind Begriffe, die von jenen dunklen Zeiten nicht getrennt werden können. – Es braucht aber einen Einschnitt zu diesen Zeiten, eine Distanzierung, die zum Ausdruck bringt, dass diese Zeiten schrecklich und auf keinen Fall wiederholt werden dürfen! Genau von diesem Einschnitt distanzieren sich jedoch einige Menschen mit der oben erwähnten fadenscheinigen Begründung der ursprünglichen Wortbedeutung und lassen dabei den historischen Kontext vollkommen außen vor.

Rassismus war keine Erfindung der Nationalsozialisten, sondern lange davor eine menschenverachtende Weltanschauung, die vor keiner Schicht Halt gemacht hat. So haben die Gebrüder Grimm antijüdische Klischees in ihren Märchen eingebaut und in seinem letzten Brief des Aufklärers und Reformators Martin Luther an seine Frau schrieb er: „Wenn die Hauptsachen geschlichtet sind [die Streitigkeiten unter den Grafen von Mansfeld], so muss ich mich daran legen, die Juden zu vertreiben. Graf Albrecht ist ihnen feind und hat sie schon preisgegeben, aber niemand tut ihnen noch etwas“. – „Niemand tut ihnen noch etwas“ war seine Beschwerde!

Der jahrhundertelange Antisemitismus war der Grundstein für ihre massenhafte Vernichtung während der NS-Zeit. – Zu einer Zeit, in der es schon längst die Schulpflicht gab, die Medizin etliche Fortschritte gemacht hat, Straßenbahnen und Autos die Stadt prägten, Fabriken massenweise Güter produzierten, Eisenbahnen fuhren und Flugzeuge längst den Himmel erobert haben.

Wer glaubt, dass Ähnliches nicht nochmals passieren kann, der redet auch die etlichen Anschläge auf die Flüchtlingsheime klein. Der Grundstein ist da, die Anschläge sind da und es gilt mehr denn je die Anfänge zu wehren!

Sprache formt unser Denken und somit unsere Welt. Wer auf Begriffe wie „Mohr“ oder „Neger“ für eine ethnische Zuordnung besteht, wird aus ihnen nichts Gutes formen können. Es sind Menschen die die deutsche Wiedervereinigung oder die Aufnahme deutscher Vertriebener rechtfertigen können, weil es sich um „ethnisch Deutsche“ handelte. Menschen, denen im Leben oftmals nichts mehr geblieben ist als Stolz, stolz ein Deutscher zu sein. Dieser Stolz zeigt sich in ihrer Sprache, ihrer Abwehrhaltung Begriffe wie „Neger“ oder „Mohr“ nicht mehr zu verwenden, um ihre Haltung, der angeblichen rassischen Überlegenheit, weiterhin zum Ausdruck bringen zu können.

Es kommt nicht von ungefähr, dass der CSU-Politiker Joachim Herrmann Roberto Blanco einen „wunderbaren Neger“ nannte. So zeigte sich seine Partei in der Vergangenheit stets ausländerfeindlich und hetzte jüngst gegen Flüchtlinge. Die Entschuldigung Herrmanns, dass er den Neger-Begriff eigentlich nie verwendet und ihn lediglich zitierte, wirkt dabei unglaubwürdig. Würde er die rechtspopulistische Haltung seiner Partei nicht teilen, hätte er ihn nie in den Mund genommen.

Was Rechtspopulisten verteidigen ist nicht die deutsche Kultur mit ihren Werten, im Gegenteil, sie tragen mehr als jede andere Menschengruppe zu ihrem Verfall bei wie die deutsche Geschichte auf erschreckende Weise zeigt. Was sie verteidigen ist ein Konstrukt das sie davon abhält, sich mit sich selbst auseinander zu setzen. Wie schnell dieser jedoch zu Fall kommen kann zeigt sich, sobald ein paar Ausländer hinzustoßen. Ihr Stolz ist ihr letztes Bollwerk und sie fürchten sich vor dem Tag, an dem dieser zu Sturz gebracht wird, weil sich dieser als Seifenblase entpuppt, da ganz normale Menschen, über denen sie sich zuvor erhoben haben, allein vom Grundgesetz und von sogenannten „Gutmenschen“ auf Augenhöhe behandelt werden, sie fast die gleichen Rechte haben und schlimmer noch, evtl. studieren und gute, angesehene Arbeit verrichten werden.

http://diepresse.com/home/panorama/integration/741984/Wie-rassistisch-der-Begriff-Mohr-wirklich-ist

14:57 06.10.2015
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Geschrieben von

Stefano Di Martino

Informatik-Student im Master
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