„Fair gehandelte Osterhasen retten nicht die Welt - aber verbessern sie“

Im Gespräch Warum Transfair-Entwicklungsexperte Martin Schüller lieber Rohrzucker aus Übersee kauft, anstatt Rübenzucker vom Feld nebenan

Der Freitag: Ist es jetzt schon verwerflich, ganz normalen Weißzucker aus Deutschland zu kaufen?


Martin Schüller: Nein, jemand der „deutschen Weißzucker“ kauft, ist kein böser Mensch. Aber sein Einkauf verbessert nicht die Lebensbedingungen der Bauern in den Ländern des Südens, und er trägt auch nicht zum Umweltschutz bei – es sei denn, er kauft Bio-Rüben­zucker. Die Ökobilanz von in Deutschland angebautem Rübenzucker ist meist schlechter als die von importiertem Rohrzucker.

Aber Überseezucker wird um die halbe Welt geschippert. Es heißt doch, lange Transportwege versauen die Klimabilanz.


Das ist ein gern gebrauchtes Totschlagargument, die Fakten sehen oft anders aus. Der transportbedingte Klimagas-Ausstoß liegt im einstelligen Prozentbereich der Gesamtemissionen. Konventionelle Zuckerrüben benötigen relativ viel mineralischen Stickstoffdünger. Als Faustregel gilt, dass man den Energiegehalt von vier Litern Erdöl benötigt, um nur ein Kilo dieses Düngers herzustellen. In der Gesamtbilanz fällt der Seetransport da­gegen kaum ins Gewicht. Zudem wächst Zuckerrohr das ganze Jahr und ist physiologisch effizienter als die Zuckerrübe: Aus einer Rübe erhalten Sie nur drei Viertel des Ertrags wie aus Zuckerrohr.

Das bedeutet: Rohrzucker ist gut, Rübenzucker schlecht?


Die Realität ist nicht so einfach: Konventionell produzierter Rohrzucker – zum Beispiel aus Brasilien, dem weltgrößten Zuckerproduzenten – ist entwicklungspolitisch auch nicht gut. Im Nordosten Brasiliens etwa wird in Plantagen-Monokulturen auf ehemaligen Küsten-Urwaldflächen agroindustriell Zuckerrohr produziert. Seit Jahrhunderten wird dort unter quasi-feudalen Strukturen und härtesten Bedingungen die Bevölkerung aus­gebeutet. Die Arbeiter bekommen Hungerlöhne, Arbeitsrecht und Arbeitsschutz sind oft noch Fremdwörter, es gibt immer noch Fälle von sklavenähnlicher Arbeit. Vor der Ernte werden die Felder abgefackelt. Dann liegen wochenlang schwarze Rauchschwaden über der Gegend, die Leute bekommen Atemwegskrankheiten, besonders die Kinder. Hinzu kommt, dass auf manchen Plantagen auch mit Hühnergülle aus der Massentierhaltung gedüngt wird. Die stinkt bestialisch, belastet die Gewässer, ist hygienisch fragwürdig und bedeutet oft, dass Regenwald vernichtet wurde. Die Hühner werden ja mit Soja gefüttert, und wo der wächst, war früher meist Regenwald.

Was schlagen Sie also vor?


Wer beim Einkauf nicht Teufel gegen Belzebub tauschen will, muss zumindest zwischen fairem und ausbeuterischem Zucker sowie zwischen Bio- und konventionellem Anbau unterscheiden.

Wie will der faire Handel die grundsätzlichen Wirtschaftsbedingungen ändern?


Der Zuckerpreis ist in vielen so genannten Entwicklungsländern staatlich kontrolliert. Das bedeutet, die Bauern liefern an eine Zuckermühle, die vom Staat her verpflichtet ist, allen Produzenten den gleichen Preis pro Tonne zu zahlen – ob Fair­trade oder nicht. Fairtrade kann diesen Bauern also nicht – wie zum Beispiel beim Kaffee oder bei Kakao – einen Mindestpreis garantieren. Wir zahlen jedoch für jede Tonne fair produzierten Zuckers eine Prämie von 60 US-Dollar, bei Bio- Zucker sind es 80 US-Dollar.

Was geschieht mit dem Geld?


Wie die Bauern die Prämien verwenden, entscheiden sie selbst. Fairtrade macht keine Vorgaben. Die Kooperativen investieren etwa in Gesundheitszentren oder Schulen. Manche planen den Bau einer eigenen Zuckermühle, um sich unabhängig zu machen.

Und diese Entscheidungen kommen immer demo­kratisch zustande?


Jedenfalls kann niemand Fair­trade-zertifiziert werden, der nicht die Sozialstandards einhält – und die erfordern zwingend demokratische Entscheidungsprozesse und starke Mitspracherechte.

Es reicht also, wenn die Verbraucher einfach nur noch fair gehandelte Osterhasen, Schokoeier und Zuckerwürfel kaufen?


Damit retten wir nicht die Welt, aber wir verbessern sie ein wenig. Wer mehr will, muss die Praktiken des Welthandels, der Rohstoff- und Agroindustrie insgesamt in Frage stellen.

Reicht es dafür aus, korrekt einzukaufen?


Ich sehe den fairen Handel hier in einer Vorreiterrolle.

Wie das?


Nehmen Sie zum Beispiel das öffentliche Beschaffungs­wesen, also all die Dinge, die Kommunen einkaufen. Seit 2009 erlaubt die EU, dass bei öffentlichen Ausschreibungen nicht nur der Preis, sondern auch soziale und ökologische Kriterien eine Rolle spielen dürfen. Und nun können sich Kommunen bei uns um den Titel „Fairtrade Town“ bewerben. Dafür müssen sie verschiedene Kriterien erfüllen und sich bemühen, ihr Beschaffungswesen fairer zu machen. Bisher tragen fast 40 Kommunen den Titel, zum Beispiel Dortmund, Hannover und Frankfurt am Main. Mehr als 100 Kommunen arbeiten noch daran. Und jetzt stellen Sie sich mal einen Anbieter vor, dem ein solcher Groß­abnehmer sagt: Deinen Zucker wollen wir nur, wenn Du nachweist, dass er fair produziert wurde. Selbst wenn das nur ein Bruchteil aller Städte macht, steigt der Druck auf Handel und Industrie. Denn es gefährdet die Reputation der Unternehmen. Niemand möchte mit Kinderarbeit oder Ausbeutung in Verbindung gebracht werden. So überträgt sich das von der lokalen auf höhere Ebenen – und dann gibt es vielleicht einmal fair gehandelten Kaffee in allen Bundesbehörden ...

Das wird aber nichts daran ändern, dass die meisten Produkte auch in Zukunft konventionell erzeugt werden.


Stimmt, die Welthandelsregeln müssen insgesamt an Nach­haltigkeitsgrundsätzen ausgerichtet werden. Warum sollte es aber nicht möglich sein, für faire oder nachhaltige Waren geringere Zölle zu erheben als für konventionelle? Damit könnten wir den Absatz von fair produzierten Lebensmitteln jedenfalls steigern.

Martin Schüller, Jahrgang 1964, ist Referent für Entwicklungspolitik des Fairtrade-Siegelanbieters Transfair. Von 2005 bis 2008 koordinierte der Agraringenieur das ländliche Entwicklungsprogramm des Deutschen Entwicklungsdienstes im Nordosten Brasiliens

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15:30 20.04.2011

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