Bitte mit Gefühl!

Porträt Henning Scherf war als Bremer Bürgermeister ein Harmoniekünstler. Nun bewertet er in einer Casting-Show das Talent von Nachwuchspolitikern. Was ist sein Erfolgsrezept?

Bremen, auf der Wohnzimmercouch von Henning Scherf. Links an der Wand hängen Bilder der Kinder und Enkel. Rechts hängt Kunst. Es muss schnell gehen. Seit 2005 ist Scherf nicht mehr Bürgermeister von Bremen, sein Terminkalender aber ist immer noch voll. In ihm steht, dass Scherf in einer Stunde in den Zug zu einem Vortrag in Münster steigen muss. Zum Gespräch bringt er eine Kerze aus der Küche mit.

Einen Moment, ich muss noch eben ein Kerzchen anzünden (

Der Freitag: Das ist nett.

So, jetzt können wir loslegen!

Sie sehen ja immer noch so zufrieden aus

Ich bin auch zufrieden, voll und ganz. Warum nicht?

Früher hatte man den Eindruck, dass die Politik Sie glücklich macht.

Wer in der Politik glücklich werden will, der hat es schwer. Man muss viel mehr arbeiten als die meisten Leute wissen, man muss Stress aushalten, eine kritische Öffentlichkeit, die nicht mit einem einverstanden ist.

 

Zu der Casting-Show „Ich kann Kanzler“ kommen Leute, die in die Politik wollen. Sie werden Ihnen als Jurymitglied abraten?

Na, abraten würde ich nicht. Wir brauchen ja Leute. Es ist eine Bedrohung für die Demokratie, dass die allermeisten sich bloß in die Zuschauerloge setzen und sagen: Na, lass die anderen mal. Es stimmt, Politik ist Arbeit, aber ich möchte sie auch entmythologisieren, will zeigen, was an Bodenständigem zu ihr gehört.

Wer sich beworben hat, musste einen Fragebogen ausfüllen. Wollen Sie ein paar Fragen davon beantworten?

Die kenne ich noch gar nicht.

Umso besser. Erste Frage: Welche Idee haben Sie für Deutschland?

 

Sollen wir eine andere Frage beantworten?

Ich bastele ja. Da muss was von Zukunft stehen, von Internationalität, von Fairness, von Solidarität, von Respekt. Da muss ganz viel Hoffnung auf Gestaltbarkeit drin stecken. Das alles in einen Satz zu packen, ist nicht ganz einfach.

Sehen Sie hier einen Ausschnitt aus dem kanadischen Vorbild der Show "Ich kann Kanzler"

Zweite Frage: Was reizt sie an der Politik?

Sie haben das denkbar größte Publikum. Sie versuchen, zu kommunizieren, sich durchzusetzen und dann die Entscheidung wieder zu vermitteln. Das ist eine große Aufgabe. In der Regel konzentrieren sich Menschen mit Verantwortung sonst ja auf Teilöffentlichkeiten.

Dritte Frage: Benennen Sie einen Fürsprecher, der selbst engagiert ist und Sie für den Job empfiehlt.

 

Nelson Mandela wahrscheinlich. Den kenne ich schon lange und schätze ihn sehr. Wir haben uns Anfang der achtziger Jahre im ­

Sie sagten, dass Sie den politischen Alltag entmythologisieren wollen. Geben Sie mal ein paar Tipps: Ist es für einen Politiker zum Beispiel von Vorteil, wenn er singen kann?

Ich selbst singe unter der Dusche. Am liebsten Arien. Aber im Chor ist es viel schöner. Das ist nicht nur für Politiker gut, sondern für alle Menschen, die schwierige Entscheidung treffen. Wenn die mal unterbrechen und sagen: Jetzt füge ich mich in eine Gruppe ein, die etwas Gemeinsames äußert. Das tut der Seele und dem Körper gut. Man atmet viel besser, Sie haben keine gequälte Stimme mehr.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie nicht genau wissen, ob Ihr Wandel vom linken zum gemäßigten Sozialdemokraten eine Entwicklung war oder eine Art der Resignation. Kennen Sie die Antwort inzwischen?

Ich hoffe, dass ich durch Erfahrung klüger geworden bin. Je älter ich wurde, desto neugieriger bin ich jedenfalls geworden.

Ist es ein Vor- oder Nachteil, wenn man als Politiker in einer WG wohnt?

Ich empfand unsere Hausgemeinschaft immer als großes Glück. Wenn Sie jeden Tag 12 bis 16 Stunden reden müssen, dann ist es wunderbar, wenn sie zu Hause einfach mal zuhören können.

Sie frühstücken jeden Samstag mit Ihren Nachbarn. Dabei haben Sie nie über Politik gesprochen?

Wir haben die Politik nicht konsequent rausgehalten, aber für mich gab es keinen Legitimationsstress.

Raten Sie einem Nachwuchspolitiker, „Das Kapital“ zu lesen?

Marx hat schreckliches Deutsch geschrieben. Fürchterlich lange Sätze und dann diese verballhornten Fremdwörter. Die Texte sind so spröde, da ist die Bibel ja ein Unterhaltungsbuch dagegen. Aber intellektuell ist es natürlich ein großes Stück politischer Ökonomie. Wer die verstehen will, der kann daran nicht vorbei... (

Ich habe aber noch einige Fragen.

Dann kommen Sie mit. Wir reden im Zug weiter.

Henning Scherf bläst die Kerze aus, steht auf, wirft seinen Mantel über und ist schon auf dem Weg zum Bahnhof. Seine Schritte sind groß. Es ist nicht einfach, mit dem 71 Jahre alten Mann Schritt zu halten. Henning Scherf ist aktiver Ruderer und fährt Radrennen. Der Zug steht am Bahnsteig. Scherf springt hinein und setzt sich in ein Abteil.

Ist „Ich kann Kanzler“ ein politisches Pendant zur Casting-Show „Deutschland sucht den Superstar“?

 

Mir sagen viele: Jetzt machst du den Dieter Bohlen für das ZDF. Ich werde dann immer ganz unleidlich. Ich möchte nicht, dass wir Menschen entmutigen, wie das angeblich bei Castings sein muss – so ein hirnverbrannter Unsinn: die Leute niederzumachen, zum Vergnügen anderer.

 

Als Bürgermeister waren Sie für Ihre Umarmungen bekannt. Kann man Wärme lernen?

 

Sagen wir so: Es ist keine Sache der Gene. Es ist davon beeinflusst, wie die Eltern und Geschwister mit einem umgegangen sind. Es ist eine besondere Form der Kommunikation, die man sich erarbeitet. Da gibt es Vorbilder.

 

Welche hatten Sie?

Das habe ich von meinem Vater. Der ist immer auf die Leute zugegangen und hat sie berührt. Als Kinder haben wir uns darüber noch lustig gemacht.

Es scheint ein großes Bedürfnis nach authentischen Politikern zu geben. Warum gibt es so wenige?

Das können Sie schlecht schauspielern. Authentizität müssen Sie sich erarbeiten. Dass Sie Ihre Stimmlage treffen, dass Sie privat nicht anders reden als in der Öffentlichkeit.

 

Wie haben Sie das gemacht?

Ich habe ja als Jugendlicher gestottert. Ich konnte damals kaum meinen Namen aussprechen. Wahrscheinlich war das eine wichtige Erfahrung, dass die Stimme eben nicht einfach da ist. Dass ich heute meine Reden frei halte, ist eine Folge davon.

Wie sind Sie denn aus dem Stottern herausgekommen?

Mit einer Therapie, und ich habe die Schule gewechselt. Dann war die Pubertät nicht mehr so heftig. Ich bin rausgewachsen.

Das Stottern kam nie wieder?

Wenn ich Menschen treffe, die selber stottern, muss ich aufpassen. Das überträgt sich so, dass ich plötzlich wieder alle Nöte von früher bei mir habe. Da verstumme ich lieber. Es ist eine Empfindlichkeit, die ich bis heute habe.

Ist das ein Geheimnis von politischem Erfolg: Dass man die eigenen Schwächen zu Stärken ummünzt?

Wenn mir Leute begegnen, die sagen ‚Ich habe immer alles richtig gemacht in meinem Leben‘, dann denke ich: Oh Gott, die retuschieren ihre Niederlagen. Das sollte man nicht. Die eigenen Fehler sind die größten Erkenntnisquellen überhaupt.

In Ihrem Buch schreiben Sie sehr offen vom Tod Ihrer Mutter. Sie waren gerade auf einem Juso-Kongress, als sie starb. Im Krankenhaus. Allein.

Ja, das ist eine Not, die ich mit mir herumtrage. Ich habe es als persönliches Versagen erlebt.

Was ist damals geschehen?

Meine Mutter hatte mehrere Wochen auf der Intensivstation gelegen und die Ärzte wussten nicht, wann sie stirbt. Natürlich habe ich gehofft, dass ich sie noch lebend wiedersehe. Aber genau da ist es passiert. Das ist bitter.

Können Sie sich an den Moment erinnern, als Sie nach der Rückfahrt aus dem Zug ausgestiegen sind?

Wir waren ja sechs Geschwister. Und bei meinem Vater war die Beerdigung nicht gut organisiert gewesen. Bei meiner Mutter habe ich deshalb gesagt: ‚Das mache ich.‘ Und so habe ich mich sofort vor Ort um alles gekümmert. Meine Mutter sollte in der Kirche aufgebahrt werden. Das Beerdigungsinstitut wollte das nicht. Die hatten da so eine Garage gebaut, wo die Leute entsorgt wurden. Aber ich habe gesagt: ‚Das werdet ihr machen.‘ Dann musste sich einer um den Nachlass kümmern, die Wohnung auflösen, die Geschwister fragen, was sie haben wollen, entscheiden, was weggeschmissen wird. Das habe alles ich gemacht.

Anstrengend.

Es ist eine Lebenshilfe. Es ist viel Arbeit, ja, aber es ist auch eine Form von Abschied nehmen.

Und seitdem denken Sie, Politik darf nie wichtiger werden als mein Leben?

Der Tod meiner Mutter war nicht die Ursache. Das war eher meine Frau. Mit 17 Jahren haben wir uns kennengelernt. Mit 22 waren wir verheiratet. Mit Kind. Und meine Frau hat immer strikt darauf bestanden, dass die Kinder aus der Politik herausgehalten werden.

Sie selbst sehen das nicht so eng?

Nein, ich finde die alle so toll, dass ich sie am liebsten täglich auf dem Titelblatt sehen will.

Nächstes Jahr feiern Sie Goldene Hochzeit. Auch die von Ihnen geführten Koalitionen waren für ihre Harmonie bekannt. Kann man etwas von der Liebe für die Politik lernen?

Oh, die Liebe ist komplizierter. Am Ende müssen beide Seiten gut aussehen. Eine Koalition muss nur bis zur nächsten Wahl halten. Bei einer Ehe hingegen weiß man ja nie, wann sie zu Ende ist.

Sie und ihre Frau hatten vor einigen Jahren einen Autounfall.

Das war im März 2000. Wir fuhren mit einem Mietwagen nach Bremerhaven. Die Autobahn war vereist und ich bin vom Gas gegangen. Aber weil das ein Auto mit Automatikgetriebe war, hatte das eine Bremswirkung. So sind wir in den Graben geschlittert.

Waren Sie verletzt?

Mir ist nicht viel geschehen. Aber Luise hatte einen Rückgrat- und einen Beckenbruch. Schwerste Verletzungen. Ich hatte schreckliche Angst.

Manche Menschen ändern nach solchen Erfahrungen ihr Leben. Haben Sie darüber nachgedacht?

Ich weiß, was sie meinen. Es gibt Menschen, die haben einen Schlaganfall und leben danach gesünder als je zuvor. Aber wir haben im Grunde immer noch die gleichen Aufgaben und Rollen, die wir zuvor auch hatten. Der Unfall war ein schreckliches Erlebnis, aber kein Schuss vor den Bug. Vielleicht ein gutes Zeichen, dass man sein Leben nicht ganz verkehrt führt.

Die Sendung "Ich kann Kanzler" und ihr Vorbild aus Kanada

Mit der politischen Talentshow Ich kann Kanzler will das ZDF gegen die Politikverdrossenheit vorgehen. Das Konzept: Junge Bewerber werben in der Sendung für ihre Projekte und Ideen und zeigen nebenbei, was es nach Angaben der Programm-Macher braucht, um Mehrheiten zu gewinnen: Kreativität, Charisma, Humor, Schlagfertigkeit. Bewertet werden die Auftritte von den Jurymitgliedern Anke Engelke, Günther Jauch und Henning Scherf. Den Gewinner bestimmen die TV-Zuschauer schließlich per TED-Abstimmung. Er erhält ein Kanzler-Monatsgehalt und ein Praktikum im Zentrum der Macht in Berlin, wie es beim Sender heißt.

Mehr als 2.500 Bewerber haben sich laut ZDF auf kanzler.zdf.de beworben, davon qualifizierten sich 40 für die Vorrunde.

Die Vorentscheidung von Ich kann Kanzler strahlt das ZDF am Donnerstag, den 18. Juni um 21 Uhr aus, außerdem eine ungekürzte Fassung mit allen Kandidaten der Vorrunde um o.30 Uhr. Das Finale geht am 19. Juni um 21.15 Uhr live aus Berlin auf Sendung.

Das Sendeformat ist keine Erfindung des ZDF, sondern stammt aus Kanada. Dort wurde The Next Great Prime Minister erstmals 2005 und seither jährlich ausgestrahlt. Anders als in der deutschen Version werden die Bewerber hierbei meist von vier ehemaligen Premierministern des Landes beurteilt. Den Gewinnern winken hohe Geldpreise, nicht selten werden sie nach Ausstrahlung der Sendung von Parteien als mögliche Kandidaten umworben.

Die Sendung entwickelte sich aus einem Essay-Wettbewerb, den der Autozuliefer und jetzige Opel-Miteigentümer Magna International im Jahr 1995 ausgelobt hatte. Studenten sollten Essays mit 2.500 Wörtern zu der Frage einreichen, was sie tun würden, wenn sie bei der nächsten Wahl zum Premierminister gewählt würden.

05:00 10.06.2009

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