Die können auch anders

Werbekritik Die Piratenpartei hat einen TV-Spot für Senioren produziert. Darin vermeidet sie Wörter, die technisch klingen. Löblich, doch das wäre auch sonst eine schlaue Strategie

Da war es wieder, das Problem der Piratenpartei: Kürzlich stellte Parlamentspräsident Norbert Lammert (CDU) den neuen Auftritt bundestag.de vor – und offenbarte nebenbei, dass er trotz seiner fast vier Jahre dauernden Amtszeit immer noch nicht weiß, wie das elektronische Petitionssystem auf der Webseite funktioniert. Ein-Klick-Meinungsbekundungen seien ja ohnehin nicht repräsentativ für die deutsche Öffentlichkeit, so Lammert.

Aus Sicht der netzaffinen Piratenpartei haben viele Politiker ebenso wie die meisten Wähler wenig Wissen, aber starke Meinungen zu Internetthemen. Doch wie lässt sich jemand überzeugen, der nicht einmal die Grundbegriffe dessen kennt, über das man spricht? In einem eigens produzierten Senioren-TV-Spot zur Bundestagswahl beantworten die Piraten diese Frage ganz souverän: indem man die Begriffe einfach vermeidet. Darin erscheint zum Beispiel ein leicht zersauselter Bartträger mit Namen Roman vor einer grünen Landschaft und sagt, dass er Patente auf Lebewesen unethisch findet. Ebenso wie der ganz und gar unzauselige Bartträger Friedemann, der möchte, dass der Staat für die Bürger da ist „und nicht umgekehrt“. Oder die blonde Doktorandin Theres, die freien Zugang zu Wissen fordert. Zum Schluss gestehen alle: „Ich bin Pirat“, ohne Wörter wie „Computer“, „Internet“ oder „Torrent Tracker“ überhaupt in den Mund genommen zu haben.

Es ist zielgruppengerechte Ansprache mal andersrum: Nicht berufsjugendliche Werber versuchen sich in ein junges Publikum einzufühlen, sondern Angehörige der Internetgeneration möchten ihre Botschaft so erklären, dass sie auch Menschen jenseits der 45 verstehen. Keine schlechte Idee, schließlich stellt diese Alterskohorte das größte Potenzial an möglichen Wählern. Was wahrscheinlich auch der Grund ist, warum der Spot ins Fernsehen kommen wird, obwohl er es nicht rechtzeitig in den Spot-Design-Wettbewerb geschafft hat, den die Partei im Netz ausgeschrieben hatte.

Vielleicht wäre es ja sogar generell eine schlaue Strategie, die Technik-Freak-Sprache in den eigenen Reihen zurückzudrängen. Denn irgendwann schwant selbst einem jüngeren Betrachter: So anders als wir sind die Offline-Opas ja gar nicht.

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