Die Tränen des Betrachters

Voyeurismus Erstmals haben Fahnder einen Sexualstraftäter gefangen, indem sie bearbeitete Kinderpornos verbreiteten. Auch wenn dieser Erfolg erleichtert: Er erzeugt Unbehagen

Ein mutmaßlicher Sexualstraftäter, der sich und seine Opfer auf Video aufnimmt, wird mit Hilfe eben dieser Videoschnippsel in die Ecke gedrängt, so dass er sich selbst stellt. Kann sich ein Verdächtiger, dessen Taten derart eindeutig dokumentiert sind, darüber beschweren, dass die Polizei sein Gesicht (und Körper) während der Fahndung im Internet und Fernsehen massenhaft verbreitet? Nein. Dennoch bleibt für den Betrachter dieser "multimedialen Fahndungsplakate" ein Unbehagen. Und das erscheint durchaus berechtigt.

Es war eine Premiere in der deutschen Kriminalgeschichte: Erstmals haben Fahnder selbst Kinderpornos verbreitet, um den Täter zu fangen. Selbstverständlich haben sie zuvor die Opfer aus den Filmen herausretuschiert, den Ton heruntergeregelt und nur typische Ansichten des Täters sowie seines Umfelds ausgewählt.

Zum Gefühl der Erleichterung ob des raschen Fahndungserfolgs gesellt sich ein anderes hinzu und ist daher besonders schwierig einzuordnen: nämlich, dass die Fahndung die Grenze zum Voyeurismus überschritten hat. Dass mehr Bilder und Filme veröffentlicht wurden als zur Identifizierung nötig.

Der Täter beim Sex, beim Saufen in der Pose des Prolls, in seinem Schlaf- und Wohnzimmer – Bilder, die beim Betrachten einen eigentümlichen Sog entwickeln. Er speist sich aus der Tatsache, dass sie dem Betrachter ermöglichen, dem Missbrauch beizuwohnen, ohne sich selbst moralisch zu beflecken.

Ohnehin bergen die Bilder für Polizei und zukünftige Opfer eine strategische Gefahr: Sie signalisieren den Kinderporno-Produzenten, dass sie ihre Filme künftig besser vor weißen Laken drehen sollten. Zu vermeiden sind jedenfalls Hintergründe, aus denen sich Rückschlüsse ziehen lassen.

Für die meisten Betrachter befriedigen die Bilder jedenfalls auch die Lust am Zusehen. Dies ließe sich aushalten, wenn eine Verbreitung in diesem Ausmaß für die Fahndung unvermeidlich erschiene. So aber schleichen sich die Bilder in die Köpfe und verbreiten dort einen Schrecken, der sich auch durch Internetsperren nicht eindämmen lassen wird: den Horror der Erkenntnis, dass solche Bilder auch diejenigen erreichen, die versuchen wegzusehen.

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