Doppelter Affront

Vermummung Eine Burka beleidigt die Männer, ein Burka-Verbot beleidigt alle Bürger

Geht es nach dem Willen des Innenministers, sind Frankreichs Polizisten von nun an Charmeure in Uniform, denen Frauen in Burkas nicht widerstehen dürfen: „Guten Tag, seit Montag gilt das Ganzkörperverschleierungsverbot; wenn Sie den Schleier nicht ausziehen wollen, müssen wir Ihre Identität auf der Wache feststellen. Das kann bis zu vier Stunden dauern und Ihnen 150 Euro Strafe oder einen Kurs in Staatsbürgerkunde einbringen.“ Mit diesen Worten sollen die Beamten laut Dienstanweisung des Ministeriums Burka-Trägerinnen ansprechen. Ziel des französischen Vermummungsverbots sei nicht, den Musliminnen auf der Straße den Schleier vom Gesicht zu reißen, sondern sie im Gespräch oder notfalls mit Druck zu „überzeugen“, ihn abzulegen.

Bewährt sich das Vorgehen in diesem Sinne, wird es zum Vorbild für andere Länder Europas werden – und so wohl auch bald in Deutschland alle beleidigen, die sich nicht als Untertanen, sondern als Bürger des Staats verstehen.

Manche Muslime rechtfertigen das Tragen von Kopftüchern oder weiter reichenden Schleiern, indem sie einfach auf ihr Verständnis des Koran verweisen. Sie kennzeichnen ihre Position damit als rational nicht weiter begründbares Dogma. Ein stärkeres Argument haben dagegen jene Muslime, die die Vorteile der vermeintlich gottgegebenen Kleiderordnung darstellen wollen. Schließlich schütze sich eine Frau, die ihre Schönheit in der Öffentlichkeit verberge, vor den wolllüstigen Blicken, Gedanken und Taten der Männer. So gesehen nehme ein Schleier der Frau nicht die Würde, sondern bewahre sie geradezu.

Erstaunliche Stille

Es ist erstaunlich, dass viele Männer auf dieses Argument in der Debatte um Burka, Niqab und Kopftuch kaum reagieren. Erstaunlich, weil eine verschleierte Frau Männer offenbar auf die Stufe geiler Böcke stellt, die ihren Trieben ausge­liefert sind. Skandalös ist jedoch, wenn sich statt Widerrede gegen diesen Affront die Forderung erhebt, der Staat müsse endlich etwas gegen diese verschleierten Musliminnen tun. Ganz zu schweigen von dem Umstand, dass auch Frauen sich nicht automatisch einem Mann hingeben, nur weil er sie ansieht.

Einige Frauenrechtlerinnen führen zu Recht an, dass der Schleier ein Herrschaftsinstrument ist, ein Symbol der Unterdrückung und der Versuch, Frauen in der Öffentlichkeit unsichtbar zu machen. Und die Männer? Sie plädieren wahlweise für einen Kampf oder den Dialog von Kulturen, jammern über ein angebliches Diktat der politischen Korrektheit und räsonieren, ob der Islam nun historisch zu Deutschland gehört oder das Land bald abschafft. Solche Debatten haben es an sich, kaum letztgültig entscheidbar zu sein. Für die Beteiligten bieten sie aber den Vorteil, dass sie sich ohne diejenigen führen lassen, um die es geht: die verschleierten Frauen.

Der Gesprächsleitfaden des französischen Innenministers beweist: Ein Burkaverbot überträgt die Pflicht zum Streit mit diesen Fundamentalistinnen auf Beamte. Wer ein solches Verbot fordert, anstatt sich offen gegen die Beleidigung zu wenden, die der religiöse Schleier für Frauen wie Männer bedeutet, behauptet also auch: Die Bürger können ihr nicht erfolgreich selbst widersprechen – in ihren Medien, ihren Schulen, auf ihren Straßen. Das aber ist keine minder schwere Beleidigung für die Angehörigen einer Gesellschaft, die sich selbst als aufgeklärt versteht. Wenn das Beispiel Frankreichs also etwas zeigt, dann dies: Burka, Niqab oder Kopftuch zu tragen ist ebenso falsch wie sie zu verbieten – beides ist schrecklich unhöflich.

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