Es lebe die Projektion

Landtagswahlen Die Debatte um frühe Twitter-Wahlprognosen zeigt: Offenbar nehmen viele Medien den Dienst schon so ernst, dass sie ihre Pflicht vergessen: Kritisch hinsehen etwa

Die Idee hinter dem Gesetz ist ja sympathisch: Um die Bürger in ihrer Wahlentscheidung nicht zu verunsichern, dürfen Ergebnisse von Umfragen, die am Tag der Wahl gemacht werden, erst veröffentlicht werden, wenn die Wahllokale schließen. Ansonsten könnten die Bürger ja auf die Idee kommen, ihr Kreuz nicht bei der Partei zu machen, deren Inhalte sie unterstützen.

Sondern bei einem möglichen Koalitionspartner, der an der Fünf-Prozent-Hürde zu scheitern droht. Oder dort, wo die Nachbarn es auch gesetzt haben. Oder gar nicht, weil die eigene Partei ja angeblich ohnehin schon gewonnen hat. Oder eben keine Chance mehr. Oder im Eifer des Gefechts bei einer Partei, die es schafft, aufgrund der Zahlen einen spontanen Wahl-Flashmob für sich zu mobilisieren.

Vor all solchen Gedanken möchten die meisten deutschen Wahlgesetze die Deutschen beschützen. Was nicht mehr funktioniert, wenn ein paar indiskrete Spezis mit Insiderwissen die Prognosen schon mal vorab twittern - wie angeblich am Sonntag geschehen, an dem schon gegen halb fünf erste Zahlen im Netz kursierten. Die Landeswahlleiterin in Sachsen hat angekündigt, die Sache zu prüfen.

Nun ist allerdings alles andere als klar, ob es sich wirklich um einen "Sauerei" handelt, wie SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz den Vorgang bezeichnet. Denn wer genauer hinsieht, entdeckt vor allem eine Diskrepanz zwischen der Lautstärke der Diskussion und der Datenlage.

Denn das einzige Argument für ein Informationsleck lautet, dass die Twitter-Prognosen bis auf ein paar Prozentpunkte den 18-Uhr-Prognosen der Demoskopen ähnelten. Die gleiche Beobachtung macht allerdings auch, wer die über Twitter gelaufenen Zahlen zum Beispiel mit denen der schon am 21. August veröffentlichten Projektion der Forschungsgruppe Wahlen vergleicht.

Die größte Abweichung ergibt sich noch beim Ergebnis der Linken im Saarland: Hier klaffen Twitter-Prognose und Projektion um vier Prozentpunkte auseinander. Ansonsten ergeben sich Abweichungen von gerade mal ein bis zwei Prozent. Ein Erfolg für die Demoskopen, gewiss. Aber ein Twitter-Skandal?

Manche Journalisten betonen gelegentlich, dass ungeprüfte Informationen unzuverlässig sind. Wer das über Daten aus der Sphäre des Internets sagt, zieht sich inzwischen nicht selten den Vorwurf zu, er würde die Netznutzer nicht ernst nehmen. Bei einigen Medienvertretern zeigt dieser Vorwurf offenbar schon Wirkung. Ist ja auch praktisch, dann muss man nicht mehr recherchieren.

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13:00 31.08.2009

Ausgabe 39/2020

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