Im Wosten

Grenzgänger Hauke Hanstedt kam aus Lüneburg nach Mecklenburg-Vorpommern, fand die Liebe und kehrte wieder zurück, ohne umzuziehen

Manchmal, wenn das Futtergras von der Aue einzufahren ist, die Kinder schlafen und die Großeltern versprochen haben, Wacht zu halten, gehen Stefanie und Hauke Hanstedt abends noch einmal gemeinsam zu ihrem Trecker. Er steigt dann auf den Fahrersitz, sie setzt sich auf den Sozius und drückt die Knie an die Abdeckung der Lenkstange, weil sonst in der Fahrerkabine zu wenig Platz für die Beine bleibt. Stefanie Hanstedt weiß, dass sie nachher im Bett die Druckstelle am Knie spüren wird, doch deswegen würde sie die gemeinsamen Stunden im Widerschein der Traktorlichter niemals aufgeben. „Es ist eine Zeit, in der wir in Ruhe reden können“, sagt die 33 Jahre alte Frau, „auf dem Hof ist ja sonst immer etwas los.“

Es war nicht vorherzusehen, dass Stefanie und Hauke Hanstedt irgendwann zusammen über die nächtlichen Wiesen der Elbtalaue tuckern würden, während hinter ihnen zwei riesige Rundharken das gemähte Gras zu Reihen zusammenführen. Um heute als ganz normales Bauern-Ehepaar abends in einem Traktor über Milchpreise, das Land und die Zukunft der Kinder zu reden, mussten die Hanstedts in den vergangenen 20 Jahren zu Meistern des Grenzgangs werden.

Weder Osten noch Westen

Die Hanstedts leben und arbeiten in Amt Neuhaus, einer so genannten „Einheitsgemeinde“ östlich der Elbe, in der sich acht Einzelgemeinden und mehr als 30 Dörfer zusammengeschlossen haben. Der etwa 240 Quadratkilometer große Flecken gehörte 40 Jahre zur DDR und dann knapp drei Jahre zu Mecklenburg-Vorpommern. Am 1. Oktober 1993 kam er per Staatsvertrag zum Land Niedersachsen. Das war wenige Monate, nachdem sich Hauke aus dem linkselbischen Lüneburg und Stefanie aus dem rechtselbischen Kaarßen zum ersten Mal geküsst hatten. Heute wird Amt Neuhaus vom Landkreis Lüneburg verwaltet. Es ist es das einzige Stück Deutschlands, von dem sich nicht sagen lässt, ob es zum Westen oder zum Osten der Republik gehört – und in dem sich vielleicht gerade deshalb zeigt, wie die oft beklagte deutsch-deutsche Grenze in den Köpfen denn so beschaffen ist.

Der Liebe der Hanstedts jedenfalls stand nicht im Wege, dass Hauke und Stefanie auf unterschiedlichen Seiten der Elbe geboren wurden. Im Gegenteil, als der Jungbauer Hauke 19 und gerade neu in der Gegend war, da kamen die Mädchen aus den umliegenden Dörfern häufiger mit Mopeds auf den Wiesen vorbei, sprangen auf den Traktor auf und wollten ihm bei der Arbeit Gesellschaft leisten. „Am Anfang“, sagt der heute 36 Jahre alte Mann, wenn er von damals erzählt, „am Anfang war ich natürlich ein bisschen spannend: Ein Neuer, aus dem Westen, der auch noch bleiben wollte.“

Hauke Hanstedts Eltern waren 1991 von ihrem angestammten Hof direkt bei Lüneburg fortgezogen, obwohl sie rechts der Elbe niemanden kannten. Sie wollten sich vergrößern, einen Milchvieh-Betrieb gründen und wohl auch von den vergleichsweise hohen Milchquoten profitieren, die die EU Landwirtschaftsbetrieben im Osten zugestand. Und so überquerte die Familie die Elbe, pachtete einige Flächen und bezog ein Rotklinker-Haus hinterm Deich, an der alten Grenze.

Häuser der Freien

Es ist ein Haus, das vielen in der Gegend ähnelt: feuerrote Ziegel, Fachwerk, der Grundriss ein langes Rechteck, in dem Mensch und Vieh früher gemeinsam unter einem riesigen Dach lebten. Regionalwissenschaftler nennen diese Bauten „Niederdeutsche Hallenhäuser“. Sie waren die typischen Häuser der freien Bauern in der preußischen Provinz Hannover, zu der das Amt Neuhaus trotz seiner Lage rechts der Elbe stets gehört hatte. Nur wenige Kilometer östlich gibt es solche Häuser kaum. In Mecklenburg walteten früher Großgrundbesitzer über das Land und bauten ihrem Gesinde Heime, die gerade einmal zum Schlafen und Essen reichten. Dass ein freier Bauer früher dorthin heiratete, anstatt über die Elbe – undenkbar. Und so erwiesen sich damals schon soziale Grenzen als weniger durchlässig als die Elbe, die das Land viel offensichtlicher zu teilen schien.

In der Stube ihres Hauses sitzen die elbüberschreitenden Eheleute Hanstedt nun auf hellgrünen Sesseln und erklären, warum es nach ihrem ersten Treffen im Jahr 1992 dennoch neun Jahre bis zur Hochzeit brauchte. „In den ersten Jahren hausten meine Eltern und ich mehr, als dass wir hier wohnten. Wir schliefen eine Zeit lang auf Matratzen auf dem Boden“, erzählt Hauke Hanstedt. Keine gute Grundlage für eine Ehe mit einer Frau, die nicht einmal aus einer Bauersfamilie stammt. Stefanies Großeltern hatten zwar noch in der Landwirtschaft gearbeitet, die Eltern schafften dann aber den Absprung, die Mutter als Verkäuferin in eine Bäckerei, der Vater als Forstarbeiter in den Wald. Für Stefanie war eine Rückkehr auf den Acker nicht vorgesehen, sie wollte in ein Büro. Kurz nachdem sie Hauke kennengelernt hatte, begann sie eine Ausbildung zur Fachangestellten in einer Rechtsanwaltskanzlei. „Ich wollte in meinem Beruf natürlich auch arbeiten“, sagt sie.

Dabei war Hauke durchaus Stefanies Typ: dunkle Haare, wie sie selbst, fast zwei Meter groß, mit Armen, die einen Menschen mühelos über ein Feld tragen können, dabei mit einem Lächeln, das sanfter kaum sein konnte. Als Stefanie ihn zum ersten Mal sah, jubelte sie ihm zu, obwohl sie ihn gar nicht kannte. Er spielte bei einem Fußballturnier in der Mannschaft ihres Dorfes. In die war er sofort eingetreten, nachdem er am Ostufer der Elbe angekommen war. Ebenso wie in die freiwillige Feuerwehr, „um mich zu integrieren“, wie er sagt. Abends, auf der Party nach dem Turnier, sprach sie dann zum ersten Mal mit dem Mann, der noch fast ein Junge war, aber schon aussah wie das Idealbild eines Bauern aus einer sozialistischen Wandmalerei.

Die Zeit nach der Wende war eine Zeit der Euphorie, der noch nicht ausgeschlossenen Möglichkeiten – für Hauke und Stefanie ebenso wie für ihre Nachbarn. Viele Menschen in den neuen Bundesländern orientierten sich nach Westen, und die Menschen in den alten Hallenhäusern von Amt Neuhaus noch ein bisschen mehr: Sie wollten nach Niedersachen, nicht nur zum Einkaufen, nicht bloß zum Arbeiten. Sie wollten zu Niedersachsen gehören.

Schließlich hatte ihre Verbindung mit Mecklenburg mit einer Lüge begonnen. Die Karte A des Londoner Protokolls vom 12. September 1944 zeigt das Gebiet des heutigen Amt Neuhaus noch als Teil der britischen Zone. Doch für die Briten wäre die Versorgung des Gebiets über den Fluss hinweg teuer geworden. Und so behauptete General Bernard Montgomery einfach, die Brücken seien zerstört, obwohl es auf dieser Höhe der Elbe noch nie eine Brücke gegeben hatte, bloß Fähren. Jedenfalls übernahm die Sowjetunion die Gegend in ihre Zone, quasi als Geschenk. Und die knapp 6.000 Bewohner wurden Bürger der DDR.

Ein Wagnis, das sich auszahlte

Die DDR kollektivierte und modernisierte die Landwirtschaft, baute auf dem Deich einen übermannshohen Zaun und richtete eine Grenz-Sperrzone ein, in die Bewohner und Besucher nur noch mit einem Stempel im Pass oder einem Passierschein durften. Viele zogen weg, einige wurden zwangsweise ins Landesinnere umgesiedelt. Für diejenigen, die blieben, wurde die Elbe unerreichbar.

Dass nun Anfang der Neunziger einer vom anderen Elbufer kam, um freiwillig bei ihnen zu leben, fanden sie schon etwas seltsam. Aber irgendwie tat es ihnen auch gut, vermutet Hauke Hanstedt. Auch wenn die Familie zuvor nie etwas mit Amt Neuhaus zu tun gehabt hatte, schien ihr Umzug doch zu zeigen, dass die alten Verbindungen über den Fluss noch bestanden – und die sollten jetzt dazu beitragen, dass die Gemeinderäte rechts der Elbe gegen den Verbleib bei Mecklenburg-Vorpommern stimmten und nach Niedersachsen wechselten.

Es war ein Wagnis, das sich zunächst auszahlte. Die Bürger von Amt Neuhaus bekamen weiterhin das Geld der Ost-Förderung und hatten zugleich ein relativ finanzstarkes West-Bundesland im Rücken. Alles schien möglich. In der Freude der Vereinigung versprachen die Politiker ausgerechnet, dass sie eine Brücke über die Elbe bauen würden. Schließlich sollten die Neuhauser auch bei Hochwasser und vereistem Fluss ohne Umwege in ihr neues, altes Bundesland kommen.

Wo das Glück zu finden ist

Hauke Hanstedt versprach Stefanie nichts, aber er schrieb Briefe, wenn sie sich ihrer unterschiedlichen Arbeitszeiten wegen nicht sehen konnten. Das ging, sagt er, weil er ein Ziel vor Augen hatte. „Welcher Mann, in dem Alter, weiß schon, worauf er hinarbeitet?“, antwortet Stefanie Hanstedt, wenn man sie fragt, warum sie sich gerade Hauke ausgesucht hat. Viele der Jungs aus der Gegend suchten das Glück in der Ferne, im Westen oder sonstwo. Dagegen hatte Stefanie gar nichts. „Auch ich wäre aus Amt Neuhaus fortgezogen, wenn sich eine Gelegenheit ergeben hätte“, sagt sie. Doch von den anderen unterschied Hauke, dass er das Glück nicht nur suchte, sondern auch zu wissen schien, wo es zu finden war: weder im Westen, noch im Osten, sondern dort, wo Grenzen sich gerade auflösen. Das gefiel Stefanie. Vielleicht half es auch, dass Hauke mit keinem der Mädchen, die ihn auf dem Traktor besuchten, etwas angefangen hatte. In der Silvesternacht 1992 jedenfalls machten die beiden aus der Neujahrs-Umarmung ihren ersten Kuss, seither sind sie zusammen.

Etwas mehr als 15 Kilometer Luftlinie nördlich vom Haus der Hanstedts müht sich dagegen immer noch eine Fähre, das linke mit dem rechten Elbufer zu verbinden, obwohl sie ja seit Jahren durch eine „Brücke der Einheit“ hätte ersetzt werden sollen. Wenn Hauke und Stefanie Hanstedt die Fähre nehmen, sehen sie am Westufer ein orange-leuchtendes X, eine Wegmarke für Schiffe, die in Richtung des Nachbarkreises Lüchow-Dannenberg fahren, dort wo der Salzstock des Castor-Lagers Gorleben in der Erde liegt und die Grünen eine Hochburg haben. Die Überfahrt für eine Kuh kostet 1,50 Euro. Das ist weniger als für ein Auto, aber mehr als für einen Erwachsenen. Für die Hanstedts ist es vor allem ein Ärgernis. Die Fähre macht die Familie nicht arm, aber wenn sie im Winter ausfällt, müssen die Hanstedts 40 Kilometer Umweg fahren, um nach Lüneburg zu kommen. Die Gerichte haben das Planverfahren für die Brücke nach Klagen von Naturschützern wegen Formfehlern gestoppt. Der Landkreis muss jetzt noch einmal neu ansetzen. Das kann Jahre dauern. Und so wird die Elbe bei Amt Neuhaus wohl noch eine Weile eine Grenze zwischen Ost und West bleiben, wie die Hanstedts sie seit 20 Jahren kennen: manchmal anschwellend, selten unüberquerbar, aber immer im Fluss.

http://vg07.met.vgwort.de/na/3bebf0bf8b1749fba94d95d85fc6c579

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17:00 05.10.2010

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