Ist das schon Paranoia?

Alltagskommentar In Berlin hat die Polizei heimlich Handy-Daten eines halben Stadtviertels ausgewertet. Unser Autor wohnt dort. Wie fühlt es sich an, wenn das eigene Handy überwacht wird?

Zuerst habe ich mich damit beruhigt, dass ich am 24. Oktober 2009 gegen 4 Uhr früh bestimmt geschlafen habe. Das könnte ich vor Gericht zwar nicht beschwören, aber wenn meine damals wenige Monate alte Tochter nicht unheimlichen Hunger oder unheimliche Langeweile hatte, war ich zu dieser Zeit froh über jede Minute Schlaf, die ich während der Nacht bekam.

Mach dir keinen Kopf, dachte ich auch dann noch, als mir klar wurde, dass der Staatsschutz nicht nur in dieser Nacht, sondern über Monate die Daten der Handymasten rund um meine Wohnung in Berlin-Friedrichshain überwacht hatte. So geht es aus Unterlagen hervor, die netzpolitik.org zugespielt bekommen und ins Netz gestellt hat. Mit den Handydaten wollten die Ermittler jenen Heinis auf die Spur kommen, die in meiner Gegend immer mal wieder einen Mercedes, BMW oder Audi abfackeln – und deretwegen meine Schwiegereltern selbst ihren Toyota mit Hybrid-Antrieb lieber in einer Tiefgarage abstellen, wenn sie zu Besuch kommen.

Wer steht auf der Liste?

4,2 Millionen Datensätze hat die Berliner Polizei laut eigener Aussage ingesamt erhoben. 960 Telefonnummern erschienen ihr dabei so verdächtig, dass sie die Namen der jeweiligen Handy­besitzer ermittelten. Ob mein Name auch auf der Liste steht, weiß ich nicht. Von den Betroffenen wurde bisher niemand über die Aktion informiert, sagen die Behörden. 1,7 Millionen Datensätze sind immer noch gespeichert. Beunruhigt muss angeblich trotzdem niemand sein, die Auswertung habe bisher in keinem Fall zu einem Tatverdächtigen geführt.

Du weißt ja, dass du es nicht gewesen bist, sage ich mir. Die haben auch keine Gespräche abgehört, sondern nur gecheckt, wer mit wem telefoniert hat. Hör endlich auf, dir Gedanken zu machen! So rede ich mit mir.

Aber es wirkt nicht.

Nichts zu verbergen?

Mensch, ich wohne da. Ich arbeite als Journalist. Ich habe ein Handy. Manchmal schreibe ich über Whistleblower. Ich versuche, Arbeit und Beruf zu trennen, aber ich telefoniere nicht nur im Büro. Wenn ich vor Gericht geladen werde, müsste ich laut Gesetz als Journalist nicht verraten, wer mich anruft. Manchmal weiß ich das auch gar nicht. Ich kenne nicht jeden, der meine Nummer hat. Genauso wie einer meiner Nachbarn übrigens, der ist Anwalt. Wir finden das richtig so.

Du hast doch nichts zu verbergen?, höre ich eine leise Stimme in meinem Kopf fragen. Ich will instinktiv nicken. Dann höre ich mich plötzlich flüstern: Doch.

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14:50 25.01.2012

Ausgabe 42/2021

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