Jörg Tauss macht sich ein Bild

Datenschutz Zur Demo "Freiheit statt Angst" kamen nicht ganz so viele Menschen wie im vergangenen Jahr. Sind Datenspeicherung und der Schutz der Privatsphäre zu abstrakte Themen?

Er will aus dem Licht, schließlich soll das Ergebnis stimmen. Und so stellt er sich etwas abseits und sucht im Schatten Schutz vor der Sonne, die den Kontrast seines Fotohandys verschlimmert. Er hat ein Bild der Flaggen seiner Mitstreiter geschossen, die an diesem Septembersamstag zur Demonstration "Freiheit statt Angst" auf den Berliner Potsdamer Platz gekommen sind. "Ein herrliches Fahnenmeer!", sagt der Mann. Das wolle er schnell noch einmal auf dem Bildschirm betrachten, bevor er es mit dem Netz-Nachrichtendienst Twitter ins Internet verschickt. Doch dazu kommt es zunächst nicht.

Denn der Mann wird von sechs Jungs umringt, die ausweislich ihrer T-Shirts der Piratenpartei angehören, oder zumindest deren Jugendorganisation. „Hi Jörg“, sagt einer. Es klingt locker, aber auch ein wenig überrascht. Jörg Tauss ist also doch gekommen. Der ehemalige SPD-Abgeordnete, der jetzt die Piratenpartei unterstützt, hat sich auf den Weg zur Datenschutz-Demo gemacht, obwohl er zuvor nicht auf der Unterstützerliste stand. „Ach, ich hab' im Moment so viel um die Ohren“, sagt Tauss. Eine Klage wegen der Beschaffung von Kinderpornos beispielsweise - was für die Piratenpartei ein PR-Desaster ist, die Jungs am Potsdamer Platz allerdings nicht zu störend scheint. Wenn der Mann in bügelfreiem Hemd, Wrangler-Jeans und Turnschuhen redet, lauschen sie jedenfalls mit nur etwas unsicher grinsenden Gesichtern.

Keine Wahlveranstaltung

Vielleicht ist dies der Moment, in dem sich der Blick wirklich einmal von Jörg Tauss abwenden sollte, der Moment, in dem er aus dem Licht der Öffentlichkeit heraustreten müsste, wenn die Sache keinen Schaden nehmen soll. Denn die Demonstration "Freiheit statt Angst" ist ja keine Wahlveranstaltung, auch wenn Grüne, FDP, Linke und Piraten mit jeweils einem Wagen plus Gefolgschaft vorgefahren sind. Es geht um die Freiheit des Einzelnen, um den Schutz seiner Privatsphäre und die Sorge vor einem Staat, der möglichst viele Chancen nützen will, um den Datenspuren seiner Bürger zu folgen. Um Gefahren also, die alles andere als leicht zu vermitteln sind.

Laut Polizei hat die Sorge in diesem Jahr 10.000 Menschen auf die Straße getrieben, die Veranstalter sprechen von 20.000 - was immer noch weniger wäre als im vergangenen Jahr. Wer unter den Demoteilnehmern herumfragt, ob sie selbst schon einmal Probleme wegen ihrer Daten bekommen hätten, sieht schüttelnde Köpfe. „Ich selbst noch nicht“, „Nein“, „Na ja, es gab da mal so Werbeanrufe“, lauten meist die Antworten. Eine Schülerin mit grauem Palästinenser-Tuch sagt: „Es ist eher das Gefühl, ständig überwacht zu werden.“

Und so scheint es fast, als hätten die Datenschützer trotz allen Rummels wegen Internet-Sperren, Vorratsdatenspeichern und biometrischem Pass immer noch das gleiche strategische Problem wie Innenminister Wolfgang Schäuble: Sie müssen eine abstrakte Gefahr konkret erscheinen lassen, um die Menschen von der Dringlichkeit ihres Anliegens zu überzeugen.

Jörg Tauss aber hat im Moment andere Probleme. „Schauen Sie mal, ist das nicht großartig“, sagt er, als die sechs Jungs fort sind. Der kleine Bildschirm seines Fotohandys hat einen Sprung abbekommen, aber noch geht er. Das Bild, das darauf zu sehen ist, zeigt zwar eher einen großen See als ein Meer aus Fahnen, aber das macht Tauss nichts. Ein paar Mal noch drückt er auf den Touchscreen. Dann geht das Bild, das er der Welt gerne zeigen möchte, ab ins Internet.

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