Löschen: unmöglich

Datenschutz Der mutmaßliche Schüler-VZ-Datendieb hat sich in der Untersuchungshaft erhängt. Sein Tod ist der Kontrapunkt zu einer Reihe von Datenskandalen der vergangenen Tage

Nun ist der Erste tot: Der 20 Jahre alte Programmierer, der mutmaßlich die Betreiber der Netzwerk-Seite Schüler-VZ mit gehackten Daten erpressen wollte, hat sich in der Untersuchungshaft offenbar selbst umgebracht. Darüber, warum sich der Mann zu diesem Schritt entschloss, ist wenig bekannt. Sicher ist, dass der Datenskandal bei Schüler-VZ größer war, als es noch bei seiner Festnahme erschien: Trotz aller Dementis der Betreiber waren nicht nur für andere Mitglieder einsehbare Daten, sondern auch als privat gekennzeichnete Informationen wie das Geburtsdatum und das Geschlecht nicht vor Datendieben sicher.

Der Tod markiert den traurigen Kontrapunkt einer Reihe von Datenschutz-Pannen und -Skandalen in den vergangenen Tagen. Neben Schüler-VZ machten die Postbank, der Buchhändler Libri und die Bundesarbeitsagentur negative Schlagzeilen. Die Postbank erlaubte ihren freien Beratern den Zugriff auf alle möglichen Kundendaten – zusammen mit der Anweisung, den Betroffenen davon lieber nichts zu erzählen. Bei Libri ließen sich die Rechnungen von tausenden Bestellern übers Netz abrufen. Und ein neues Computersystem der Arbeitsagentur bezeichnete der Datenschutzbeauftragte Thilo Weichert als „Katastrophe“, weil sich darin bundesweit Informationen zu Suchtkrankheiten, Einkommen und Familien von Arbeitssuchenden abrufen lassen.

Die Reihe von Skandalen ist eine dieser seltsamen Ereignis-Häufungen, die sich zuweilen in den Medien ereignen und die nach einer Erklärung rufen. Erklärungsbedürftig ist dabei wohl weniger die Frage, warum es gerade jetzt so viele Pannen gibt. Denn Datenlecks gab es früher schon, allerdings trafen sie außerhalb von Fachkreisen auf wenig Interesse. Dieser Mangel war nicht ganz so unvernünftig, wie er zunächst erscheint. Denn in der Zeit von Papierakten und unvernetzen Datenbanken war die Tragweite einer Panne meist ab- und die Konsequenzen eingrenzbar.

Die Tatsache, dass die Pannen nun einer breiten Öffentlichkeit bekannt werden, zeigt jedoch, dass in den Köpfen von Bloggern, Lesern und anderen Medienmachern etwas entsteht, was vielen Verantwortlichen in Unternehmen und der Arbeitsagentur offenbar abgeht: ein Gefühl dafür, welche Macht Informationen verleihen.

Unkontrollierbare Folgen

Denn inzwischen sind die Folgen von Datenlecks kaum mehr rückgängig zu machen. Anders als früher lassen sich elektronische Informationen, wenn sie einmal öffentlich geworden sind, mühelos übers Netz verschicken, kopieren und an zahllosen Orten speichern. Löschen: unmöglich. Meist bleibt nur die Möglichkeit, die betroffenen Informationen im Nachhinein zu ändern und die geklauten Daten auf diese Weise nutzlos zu machen. Das mag bei Kreditkarten oder Bankkonten noch mit einigem Aufwand und Risiko funktionieren, bei Informationen zu persönlichen Interessen oder Eckpunkten des Lebenslaufs jedoch nicht mehr.

Die Entscheidung, wieviel ein Einzelner von sich preisgibt, ist auch immer eine Frage der sozialen Kosten, die er oder sie für diese Entscheidung zu bezahlen hat. Und die Kosten der Enthaltsamkeit sind teilweise heute schon so hoch, dass sie viele nicht mehr tragen wollen. So kann sich etwa kaum ein Schüler mehr Schüler-Vz entziehen, wenn er nicht als Außenseiter gelten will. Bloß zu fordern, die Bürger sollten bei der Weitergabe ihrer Daten Vorsicht walten lassen, greift insofern zu kurz.

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