Steffen Kraft
18.08.2011 | 10:30 11

Offener Streit um Offenheit

Whistleblower Der Rauswurf von Daniel Domscheit-Berg schadet dem Ansehen des CCC – und gefährdet Openleaks. Jetzt wollen die Aktivisten ihre Schlüssel zu den Wikileaks-Daten vernichten

Wer in den vergangenen Tagen bei Daniel Domscheit-Berg anrief, hatte Glück, wenn der Mitgründer von Openleaks überhaupt ans Telefon ging. Selbst Anfang der Woche noch packte der lieber im brandenburgischen Finowfurt Zelte zusammen, als auf die Fundamentalkritik zu reagieren, die der Hacker-Verein Chaos Computer Club (CCC) per Spiegel-Interview und Pressemitteilung an seiner Whistleblower-Plattform und ihm persönlich geübt hatte.

Womöglich war es für Daniel Domscheit-Berg persönlich besser so. Vielleicht aber war es auch besser für sein Projekt Openleaks. Denn was sich die Aktivisten beim Zeltepacken ausdachten, soll nun den Konflikt beenden, der seit dem Ausstieg von Domscheit-Berg bei Wikileaks immer wieder aufflammte und spätestens seit vergangener Woche auch die Zukunft von Openleaks bedroht. – Doch von Anfang an.

Es ist eine kleine Bombe, die CCC-Vorstand Andy Müller-Maguhn da am Sonntag Vormittag zündet, als er eine Pressemitteilung an die Deutsche Presseagentur und dann am Nachmittag noch persönlich an den IT-Journalisten Detlef Borchers schickt. Sie enthält einen Entschluss, den es in der Geschichte des Hacker-Clubs zuvor erst ein einziges Mal gegeben hat und den das CCC-Vorstandsgremium am Samstag in einer abendlichen ad hoc-Sitzung gefällt hat: Der Vorstand des CCC hat Daniel Domscheit-Berg aus dem Club ausgeschlossen, „weil er das Ansehen des Vereins geschädigt hat“. Domscheit-Bergs Vergehen sei, dass er auf dem großen Hackertreffen des Clubs in Finowfurt den Eindruck erweckt habe, „die Veranstaltung des diesjährigen Chaos Communication Camp oder dessen Teilnehmer bzw. die Mitglieder des CCC hätten es Übernommen“ (sic), seine Whistleblower-Plattform Openleaks einer Art Sicherheitsüberprüfung zu unterziehen.

Aufstand gegen den Vorstand

Schon die Ankündigung auf dem Camp, Openleaks einem öffentlichen Härtetest auszusetzen, sei „unverschämt“, sagt Andy Müller-Maguhn zeitgleich dem Spiegel. Schließlich sei der CCC kein TÜV. Dem Freitag mailt Müller-Maguhn: „Er hat ja den ‚Test‘ als solchen in seinem Beitrag angekündigt und die Pressewirkung zumindest billigend in Kauf genommen.“

Die wahre Ursache für den Ausschluss dürfte das allerdings nicht sein. Zwar hat Domscheit-Berg in der Tat in Finowfurt angekündigt, erstmals die Einreichplattform von Openleaks für einen Härtetest online zu stellen. Hoffnung auf einen Test durch den CCC erwähnte er dabei allerdings nicht. „Wir rufen Hacker und Benutzer allgemein – aber vor allem im Rahmen des Chaos Communication Camps – zu einem Test unseres Systems auf, natürlich auch in punkto Sicherheit. Wir hoffen, dass wir durch diesen Stresstest ein paar Einsichten gewinnen, wie wir das System noch sicherer machen können – oder im Idealfall die Rückmeldung bekommen: Openleaks ist so sicher, dass es selbst nach fünf Tagen Dauerbeschuss noch seine Dokumente bewahrt“, sagte er in einem Interview mit dem Freitag, der zusammen mit der Verbraucherorganisation Foodwatch, der taz sowie der dänischen Tageszeitung Information und der portugiesischen Wochenzeitung Expresso den Test als Partner begleitet.

Nun wird der Vorstand innerhalb des CCC heftig kritisiert. So zum Beispiel, dass Domscheit-Berg vor seiner Exkommunizierung keine Gelegenheit gegeben wurde, Stellung zu nehmen oder dem vermeintlich erweckten Eindruck selbst öffentlich entgegenzutreten. Das schreibt die Satzung des CCC zwar nicht vor, doch wenn „man sich schon zu so einem Schritt entschließt (und schon das halte ich für einen Fehler), hätte man zumindest Daniel Gelegenheit geben müssen, von sich aus die Mitgliedschaft niederzulegen. So zivilisiert sind wir ja wohl!“, fordert etwa das szenebekannte CCC-Mitglied Felix von Leitner in seinem Blog.

Die Sprecher des Clubs wollen sich zu dem Thema öffentlich nicht äußern. „Es gibt derzeit keine offizielle Stellungnahme des CCC zum Ausschluss von Daniel Domscheit-Berg und Openleaks. Keiner der CCC-Sprecher antwortet im Moment auf Fragen zu diesen Themen, weil die interne Debatte über den Entschluss des Vorstands noch läuft“, sagt Constanze Kurz. Lediglich Frank Rieger wird auf der Webseite netzpolitik.org deutlicher: „ ,Dieser Rausschmiss jedoch ist verfrüht, unangemessen und zutiefst emotional statt wohlüberlegt rational.‘ trifft meine persönliche Meinung präzise.“ Auch Andy Müller-Maguhn bestätigt: Die CCC-Sprecher sagen nichts, weil „sie den Beschluss persönlich nicht mittragen und kommunizieren wollen.“

„Massives Sicherheitsleck“

Wie CCC-Mitglieder bestätigen, dürfte der wahre Grund für den Rausschmiss ein Konflikt um unveröffentlichte Whistleblower-Dokumente sein, die Domscheit-Berg und andere Wikileaks-Aussteiger von Assanges Plattform mitgenommen haben und seither zurückhalten – „bis Wikileaks plausibel macht, dass es die darin genannten Personen schützt“, wie Domscheit-Berg sagt. In diesem Streit hatte Müller-Maguhn laut eigener Aussage in den vergangenen Monaten versucht, „zu vermitteln“.

Inzwischen sei er aber zur Einschätzung gekommen, das Domscheit-Berg „sehr flexibel mit den Fakten umgeht und für mich nicht vertrauenswürdig ist“. So habe der beispielsweise im Freitag behauptet, Openleaks habe keinen Zugriff auf den Klartext der Einreichungen, die die ehemaligen Wikileaks-Aktivisten bei ihrem Weggang mitgenommen haben. Das sei unwahr. Außerdem bringe Domscheit-Berg immer wieder neue Argumente vor, warum er die Daten nicht herausgebe.

Auf Nachfrage bestätigt Domscheit-Berg, die entsprechende Formulierung im Freitag-Interview sei unpräzise und ihm bei der Autorisierung „durchgerutscht“. In der Tat hätten einige der Aktivisten theoretisch Zugriff auf die Daten, allerdings werde Openleaks die Daten nicht nutzen. Das wollten die Aktivisten auch öffentlich demonstrieren – und nun alle bei Openleaks vorhandenen elektronischen Schlüssel zu dem Datenschatz in den nächsten Tagen „endgültig vernichten“. Da solche Schlüssel allerdings beliebig oft kopiert werden können, lässt sich die Zerstörung aller Schlüssel nicht beweisen. Er überlege daher, eine eidesstattliche Versicherung abzugeben, sagte Domscheit-Berg: „Versprechen will ich das aber noch nicht. Dafür muss ich zuerst mit einem Anwalt sprechen.“

Andy Müller-Maguhn jedenfalls hätten die Openleaks-Aktivisten schon vor Monaten gesagt, dass sie ihn nicht länger als Vermittler akzeptierten. Der Grund: „Wir hatten ihm ja ein Teil der Daten gegeben, das Wikileaks-Archiv nämlich. Danach kam es zu einem massiven Sicherheitsleck, das Unbeteiligte gefährdet“, sagt Domscheit-Berg. Andy Müller-Maguhn wollte sich zu diesem Vorwurf bis zum Ende der „internen Abstimmung“ im CCC nicht äußern.

Kommentare (11)

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sachichma 18.08.2011 | 13:19

Das einfachste wäre doch wenn Domscheit-Berg die anderen die unveröffentlichten Whistleblower-Dokumente, die sie von der Wikileaks Plattform mitgenommen haben und seither zurückhalten, wieder an Wikileaks zurück geben.

Das willkürliche, eigenmächtige "Mitnehmen Zurückhalten" ist dem Vertrauen, welches notwendig wäre Openleaks überhaupt Informationen bereitzustellen, sicher nicht förderlich, sondern hat einen ähnlich merkwürdigen Beigeschmack wie die beabsichtigte Kommerzialisierung von Informationen indem Medien für eine Gebühr der Zugang zu den Informationen von Whistleblower-Dokumenten gegeben werden soll.

Am Beispiel von Bradley Mannings können wir sehen das sich bei solchen Querelen letztlich derjeninge, der/die Information liefert sich schnell in einem Status von rechtlichem Limbo befinden könnte. Aber vielleicht ist genau dies das Problem all dieser Whistleblowerplattformen das sie mit Offenheit jonglieren können, aber behaupten es zu sein. Eigentlich schade, aber gut für freie Journalisten die es verstehen sich das Vertrauen von Informanten zu erhalten und nicht gleich für ein mickeriges Honorar aus jeder Mücke einen Elefanten machen.
Keep going Steffen!

Fred Thiele 18.08.2011 | 16:24

Das Hauptproblem besteht in einer klassischen Zwickmühle und es ist dabei eigentlich unerheblich, ob die Freigabe der "zugeflüsterten" Informationen diktatorisch oder demokratisch gegeben wird. Der Knackpunkt ist der Quellennachweis. Technisch gesehen wird aus den reinen Daten erst dann eine Information, wenn sie entsprechend interpretiert werden können. Eine Interpretation im Sinne einer Bestätigung ihres Wahrheitsgehaltes kann aber, so drängt sich der wissenschaftliche Gedanke auf, eine Information nur dann gegeben sein, wenn ihre Quelle transparent ist und nachvollziehbar ist. Diese Nachvollziehbarkeit ist ja im eigentlichen Sinne in der Wissenschaft durch etwa den Nachbau eines Versuchsaufbaus zur Bestätigung der Ergebnisse oder, anderes Beispiel, durch die Bestätigung einer mathematischen Beweisführung durch weitere Wissenschaftler zu erbringen. Ohne einen Quellennachweis ist die Information, die Wikileaks, Openleaks oder andere uns "weismachen" wollen genauso wenig wert, wie eine gute Konspirationstheorie. Mit Quellennachweis allerdings gefährdet man Leib und Leben der "Flüsterer", die die Informationen weitergegeben haben.

Die Informationen, die Bradley Manning weitergegeben hat, wären allerdings auch ohne die Kenntnis seiner Person "beweiskräftig" genug gewesen. Ich denke da im Speziellen an die sadistischen Kommentare der Aufnahmen der Apache-Kampfhubschrauberbesatzung, die eine Gruppe von Leuten, darunter Journalisten, zusammenschießen. Ich kenne die Umstände nicht, unter denen Bradley Manning als der Whistleblower erkannt wurde und nun als Verräter in seinem Land der "Mutigen" und "Freien" behandelt wird. Ihm gehörte eigentlich ein Denkmal gesetzt.

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shalako 18.08.2011 | 18:19

"Der Rauswurf von Daniel Domscheit-Berg schadet dem Ansehen des CCC – und gefährdet Openleaks."

Genau die Gründe, die zum Ausschluss Daniel Domscheit-Bergs aus dem CCC geführt haben, sind es, die das hochsensible Projekt Openleaks gefährden.

Absolute Vertrauenswürdigkeit und Geradlinigkeit sind unabdinbare Vorausetzungen für den Leiter eines derartigen Projektes. Und eben diese Eigenschaften scheinen bei DD-B irreversibel geschädigt.