Steffen Kraft
18.09.2011 | 21:40 6

Piraten an Bord

Demokratie siegt Im Wahlkampf hatten die etablierten Parteien oft nur Spott übrig für die Piraten. Das Wahlergebnis zeigt aber: Ihre vermeintliche Naivität ist Grund des Erfolgs

Vor dem Tor musizieren zwei parteitreue Rastas mit Quetschkommoden im strömenden Regen. Als die Meute einfällt, liegen Prinzenrollen und selbstgeschmierte Stullen bereit. Und an der Bar kostet der Aufwärm-Schnaps mit Namen „Parliament“ vier Euro. Man kann der Berliner Piratenpartei nicht vorwerfen, dass sie etwas unversucht gelassen hat, um ihre Anhänger bei Laune zu halten. Und das, obwohl an diesem Sonntag wohl nichts so unnötig erscheint.

Das einzige, worum die Piraten bei ihrer Wahlparty bangen müssen, ist die Frage, ob sie mit ihren 15 Kandidaten auf der Landesliste genügend Menschen aufgestellt haben, um all die Sitze zu besetzen, die sie nun im Abgeordnetenhaus gewonnen haben. Als im Event-Lokal „Ritter Butzke“ die erste Prognose um 18 Uhr klar macht, dass die Internet-Partei etwa neun Prozent geholt hat, recken die meisten der Parteigänger im Jubel meist noch Limo-Flaschen in die Höhe. Bei der ersten Hochrechnung um 18.15 Uhr ist es dann meist schon Bier. Und als die Demoskopen um 18.40 Uhr die Partei von der 10-Prozent-Marke träumen lassen, weiß die Barfrau schon gar nicht mehr, wo sie jetzt noch eine Flasche „Parliament“ findet.

Als das Siegesgeschrei - und das Klingeln in den Ohren der Anwesenden – erst einmal verflogen ist, kommt der Berliner Landesvorsitzende Gerhard Anger zu einer ersten Einschätzung: „Ich sag mal... krass!“ Dann bricht der Jubel erneut los. Im Vergleich zur Bundestagswahl 2009 haben die Piraten die Zahl der Stimmen in Berlin auf etwa 120.000 verdoppelt. Anders als früher überzeugten sie nun nicht vor allem Jungwähler, sondern punkteten auch bei Wählern, die die 30 schon weit überschritten haben.

Die andere Art der Politik

„Eine andere Art der Politik“ versprechen die Piraten den Bürgern. „Wir wollen nicht auf alle Probleme schon Antworten präsentieren, sondern die Menschen bei der Suche nach der besten Lösung beteiligen“, erklärt Bald-Abgeordneter Fabio Reinhardt. Im Wahlkampf hatten Klaus Wowereit und Renate Künast für das inhaltlich dünne Piratenprogramm vor allem Spott übrig. Und hatte Piraten-Spitzenkandidat Andreas Baum nicht wirklich Ignoranz bewiesen, als er den Schuldenstand Berlins im Wahlkampf nicht genauer als mit „viele viele Millionen“ beziffern konnte?

Dabei ist das, was den Berufspolitikern naiv erscheint, in Wahrheit der Grund für den Erfolg der Piraten: Statt politische Kompetenz zu simulieren, demonstrierten sie ihren authentischen Glauben an die Kraft von Transparenz und Demokratie. Während andere Parteien – seit Jahren mit schwindender Überzeugungskraft - vorgeben, die besten Rezepte gegen alle möglichen Probleme zu haben, stellen die Piraten ihre Zweifel aus – gemeinsam mit ihrem Willen, das Wissen der Bürger auch nach der Wahl in ihre Entscheidungen einzubeziehen.

Wer den Kandidaten auf der Wahlparty zuhört, versteht schnell, dass ihre postideologische Offenheit weder beliebig ist, noch ein geringer Anspruch. „Wir werden ständig aus der Fraktion berichten, den Leuten sagen, wie unser Wissensstand ist – und dann beraten, wie wir abstimmen sollen“, sagt etwa Fabio Reinhardt. Ständiges Feedback, Debatten mit der Basis, wer noch keine fertige Meinung hat, wird nicht ausgelacht, sondern bildet sich eine. Es ist der Traum des idealen Diskurses auf der griechischen Agora, umgesetzt mit den Mitteln des Web 2.0.

Piraten-Mitglied Julia Schramm formuliert es so, als sie im Freudentaumel den erfolgreichen Wahlkämpfern gratuliert: „Fangt schon mal an, vor mir zu zittern. Ich bin die Terrorbasis. Ihr werdet uns nicht vergessen.“
 

Kommentare (6)

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Ehemaliger Nutzer 19.09.2011 | 14:00

Die Offenheit ist das Sympathische. Ja.
Mir hat besonders die Offenheit gefallen, zuzugeben, dass man bei vielen Punkten noch bei der Meinungsbildung ist. Was mir auch gefällt, ist die Verbindung von Nahziel und Utopie, wie zum Beispiel Mindestlohn als Nahziel und Bedingungsloses Grundeinkommen als Utopie formuliert wird. Und die Utopie, das Neudenken, das ist der Parteienlandschaft im Moment vor lauter Realpolitik abhanden gekommen. Ich habe die Piraten gewählt, um ihnen die Chance zu geben, es anders zu machen. Vertrauensvorschuß ja, aber ohne hochgesteckte Erwartungen. Denn wer anfängt muss Fehler machen. Vor allem, wenn man einem arroganten machtpolitschen Apparat gegenübersteht. Was ich aber von den Piraten erwarte sind zwei Dinge (weswegen ich auch Bauchweh bei meinem Kreuzchen hatte):
Sie müssen ihr Genderproblem in den Griff kriegen. Einfach zu ehaupten, man sei postgender, ist etwas lasch, wenn dabei herauskommt, dass wieder nur Männer gestalten. Da sollte schon drüber nachgedacht werden, was da in der Struktur falsch läuft. und ich erwarte, dass sich die Partei deutlicher und schneller gegen die rechten Untzerwanderungsversuche zur Wehr setzt. Das ist zwar eher ein Budesproblem, aber hier muss der einzige im Parlament vertretene Verband Flagge zeigen. Damit meine ich auch eine deutliche Position gegenüber der Männer AG mit ihren rechtspopulistischen Inhalten. Das vermisse ich bisher.

Interessant auch, das plötzliche Einschleimen der Grünen am Wahlabend bei den Piraten. Frau Lemke ging er der Berliner Runde soweit zu fordern, Herr Dobrindt möge seinen Platz für die Piraten räumen in der Runde. Nicht, dass ich etwas dagegen gehabt hätte, aber es hat schon überrascht nach dem vorrausgegangenen Kleinreden. Und auch die bewegte Claudia begrüßte sie herzlich "an Bord". Welches Schiff sie wohl gemeint hat?

Ich bin gespannt. Der Weg der Grünen war auch ein Langer. Die Piraten haben die Chance, aus den Fehlern der Grünen zu lernen. Wir werden sehen.

rheinelbe 19.09.2011 | 16:06

Diese Grünen
sind längst keine neue Kraft mehr, sondern in sich verbraucht. Ökologie können mittlerweile auch andere Parteien. Die Grünen sind als Wendehälse und Sofort-Anpasser weithin bekannt und eine Partei der Abgaben, der teuren Bürokratie und Preistreiberei.
Deshalb sind die Piraten als frische und selbstbewusste Kraft, die auch soziale Forderungen stellt (Mindestlohn), viel besser als die alten Grünen.
Symptomatisch ist das Auftreten der Spitzenkanddatin Künast, die sich politisch selbst überschätzt und schwer verhoben hat!
Und reiner Opportunismus reicht nicht für gute Politik...

wwalkie 19.09.2011 | 18:34

Jedenfalls kommen die "Piraten" in den bürgerlichen Medien ziemlich gut weg. Die Väter schauen mit Wohlwollen auf ihre alerten technikfreaklichen Söhne. Töchter sind ja weniger dabei.

Ich formuliere es - einen alten Spruch variierend - einmal so: Wer mit zwanzig kein Pirat ist, wird mit fünfunddreißig kein Kapitän und ist mit fünfzig kein Reeder.

Und so wird der "Traum des idealen Diskurses auf der griechischen Agora" ziemlich vulgärmaterialistisch Wirklichkeit.