Steffen Kraft
03.08.2010 | 15:11 15

Wikileaks-Sprecher Daniel Schmitt über mysteriöse Insurance-Datei

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Steffen Kraft

Kurz bevor ein Vertrauter von Wikileaks-Kopf Julian Assange bei der Einreise von US-Behörden durchsucht und vernommen wurde, haben die Aktivisten auf ihrer Homepage eine verschlüsselte Datei mit dem Namen Insurance.aes256 veröffentlicht.

Seitdem schießen die Gerüchte ins Kraut, ob die Macher damit den amerikanischen Behörden nahe legen wollen, die Wikileaks-Aktivisten in Ruhe zu lassen und ansonsten mit der Veröffentlichung des Verschlüsselungs-Codes drohen:

Zeit Online: Wikileaks droht mit mehr

Handelsblatt: Rätselraten um Wikileaks-Datei

Wired: Wikileaks posts myterious "Insurance File"

Da manchmal schon einfaches Nachfragen hilft, habe ich gerade bei Wikileaks-Sprecher Daniel Schmitt angerufen und ihn gefragt, ob die Datei bisher unveröffentlichte Daten enthält.

Die Antwort: "Das weiß ich nicht. Ich habe sie nicht hochgestellt. Allerdings haben wir das Verfahren schon in der Vergangenheit angewandt, um löschsichere Backups zu erstellen. Wir wollen sichergehen, dass bestimmte Daten für die Öffentlichkeit zugänglich bleiben."

Weil Schmitt zurzeit im Zug sitzt (Funklöcher) sagte er mir zu, dass er sich so bald wie möglich per Mail mit einem Update meldet, ob die Insurance-Datei nun neue Daten enthält oder nicht.

Alle Updates werden natürlich in diesem Blog veröffentlicht.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (15)

Streifzug 03.08.2010 | 17:42

Insurance - Versicherung

Einfach, aber wirkungsvoll.
Funktioniert in beide Richtungen.
Anonym.

Zukunft:
Jeder kann alle noch so geheimen Geheimnisse ans Tagslicht zerren, verbreiten, der demokratischen Öffentlichkeit präsentieren.

Angstschweiß auf der Stirn bestimmter Personenkreise.

Wie war das noch mal mit der Spenderliste von Onkel Kohl?
Geheime Verträge zur Privatisierung öffentlicher Güter?
Stategiepapiere zur Manipulation der Öffentlichkeit im Zuge der Bankenkrise?
...
Ach, wie ist das schön ;)

Steffen Kraft 03.08.2010 | 20:00

Ja, die Diskussion nimmt an Schärfe zu.

Allerdings erscheint es mir unwahrscheinlich, dass es sich bei der Datei wirklich um eine Versicherung gegen Behördenübergriffe handeln kann. Der Grund: Ich würde den amerikanischen Nachrichtendiensten zutrauen, die Verschlüsselung zu knacken - und den Inhalt zur Kenntnis zu nehmen.

Wenn die Datei dann nichts enthält, was (1) die aktuelle US-Regierung massiv belastet, (2) ohne Unschuldige zu gefährden, ist die Datei als Rückversicherung nichts mehr wert. Und wenn sie beide Bedingungen erfüllt, müsste sich Wikileaks die Frage gefallen lassen, warum sie die Datei nicht schon früher veröffentlicht haben.

goch 03.08.2010 | 20:42

Mir erscheint es schon logisch, dass wenn diese Datei Unschuldige gefährden würde, man damit droht, wenn man selbst bedroht wird, diese zu veröffentlichen. Das finde ich schon einen wirksamen Schutz gegen staatliche Wilkür.
Ansonsten , es gibt Verschlüsselungen, die erst nach Jahren geknackt werden können, weil es einfach soviel Zeit braucht bei der Rechenkapazität heutiger Rechner.

GeroSteiner 03.08.2010 | 21:12

Spannend.

Das Größte wäre es, wenn Wikileaks weitere Dokumente veröffentlicht, die die einzige Verschwörungstheorie über die Vorgänge um den 11. September 2001 zu dem macht, was sie von Anfang an war. Ein Possenspiel, um die Freiheitsrechte vieler unter dem Begriff des permanenten Ausnahmezustands durch den Terrorismus zu beschneiden. Der Anlass für mindestens zwei Kriege. Zwei Flugzuge und drei Gebäude, die in freiem Fall zusammenstürzen - die Angst, dieses Mysterium zu lüften, muss für die Verantwortlichen unvorstellbar groß sein.

Wir können nicht wirklich ermessen, welches Risiko Assange mit seinem Tun eingeht. Sein bester und vermutlich einzig wirksamer Schutz ist die Öffentlichkeit. Er selbst, sein Team und seine Mission haben meine größte Hochachtung. Vor soviel Mut kann ich mich nur verneigen.

Steffen Kraft 04.08.2010 | 12:16

@goch: Stimmt, wenn die Verschlüsselung derart hoch ist, dass selbst der potenteste Nachrichtendienst der Welt sie nicht knacken kann, verfängt mein Argument natürlich nicht.

Falls aber doch, dann würde ihr Argument bedeuten, dass das Leben unschuldiger Unbeteiligter als weniger wertvoll erachtet wird als das der Wikileaks-Aktivisten. Das einzige, was für diese Wertung sprechen könnte wäre die These, dass die Verfechter der guten Sache eher am Leben bleiben sollen, um eben diese Sache weitertreiben zu können. Würden die Wikileaks-Leute sich aber diese These zu eigen machen, wäre das der Moment, in dem ihr gut gemeintes Engagment in die Menschenverachtung kippt. Eine solche Haltung will ich den Aktivisten aber nicht unterstellen.

@Joachim Petrick: Löschen geht nicht, selbst wenn die Verschlüsselung geknackt wird. Dafür hat Wikileaks die Datei ja öffentlich ins Internet gestellt. Seither ist sie von tausenden Nutzern auf ihre eigenen Festplatten heruntergeladen worden - wie sollen Behörden die alle löschen?

ebertus 04.08.2010 | 14:24

Was man darüber hinaus ebenfalls sehr spannend finden könnte, mit heute vielleicht kaum denkbaren Konsequenzen behaftet daher kommt, ist die Co-Finanzierung von Wikileaks via Flattr.

eu.techcrunch.com/2010/08/02/wikileaks-will-fund-itself%20via-flattr-pirate-bay-founders-startup/

Hier kommt relativ schnell eine aktuell und stetig wachsende Gemeinde von Nutzern alternativer Bezahlmodelle für Internetangebote in die Sympathisantenecke, muss einfachstenfalls mit der investigativen Ausforschung bezüglich ihres Medienkonsums rechnen.

Synergieeffekte ähnlich derer, die ein Medienkonsum via Kindle, IPad etc. zwangsläufig mit sich bringt. Die rein betriebswirtschaftlich orientierte Auswertungsmöglichkeit für zielgruppengerichtete Werbung ist nur die Spitze des BigBrother-Eisberges; darunter geht es schon mal existentiell zu.

"Wer nicht für uns ist...", wer gar "Terroristen" finanziert...

Insgesamt spannend natürlich, aber "irgendwie" gruselig zugleich!

goch 04.08.2010 | 18:24

Gut, was der Inhalt der Datei ist, ist Spekulation. Und Unschuldige zu gefährden, ist sicherlich nicht in Ordnung.
Denkbar wäre aber auch , dass Personen benannt würden, denen politische Verantwortung oder illegale Aktionen bzw. deren Genehmigung nachgewiesen werden könnte, Inhalt der Datei sind. Das dies eine Klagewelle für Wikileaks nach sich ziehen würde, würden diese erst bei einer persönlichen Bedrohung in Kauf nehmen.