Steffen Kraft
19.07.2010 | 13:05 2

"Wir müssen das Wachstum bewältigen"

Im Gespräch Wikileaks-Sprecher Daniel Schmitt über die künftigen Herausforderungen für das Projekt, Wachstumsschmerzen und warum die Plattform bald auch Gehälter zahlen muss

Der Freitag: Es war monatelang nicht möglich, auf

Daniel Schmitt:

Ja.

Und ich muss nicht fürchten, dass ich entdeckt werde, wenn ich dort ein geheimes Dokument verschicke?

Nein. Die Verschlüsselung funktioniert wieder, genauso wie vorher. Und wir sind im Moment sogar etwas besser gestellt als zuvor, weil wir nicht mehr bei einem amerikanischen Provider sind, sondern hier in Europa. Das ist aus meiner Sicht schon ein Unterschied: Der Zugang von Geheimdiensten zu Providern ist in Amerika definitv direkter als in Belgien.

Stichwort USA. Wikileaks hat laut Julian Assange dem Soldaten Bradley M., der angeblich geheime Dokumente weitergegeben haben soll, drei Anwälte besorgt. Hat das US-Militär ihnen inzwischen Zugang zu ihrem Mandanten gewährt?

Nein, da habe ich nichts gehört.

Das ist ja eine Herausforderung, auf die Wikileaks eine grundsätzliche Antwort braucht: Wie gehen Sie mit Menschen um, die angeklagt werden, weil sie angeblich etwas auf Wikileaks veröffentlicht haben?

Der aktuelle Fall ist ja nicht der erste. In der Vergangenheit gab es schon einige Fälle, die allerdings weniger Aufsehen erregt haben. Wir versuchen auf jeden Fall, diesen Menschen zu helfen so weit wir können, so auch diesmal. Im Moment lernen wir sehr viel, wie wir schneller und effizienter reagieren können. Da können wir sicher auch in Zukunft noch einiges besser machen. Wir arbeiten ja mit vielen Juristen zusammen und haben auch zahlreiche Angebote von Anwälten, die ohne Honorar arbeiten würden. Im Moment ist das trotzdem ein bisschen schwierig, weil sich der aktuelle Fall im Umfeld des amerikanischen Militärrechts bewegt und wir spezialisierte Anwälte benötigen. Da können sie keine Zivilrechtler hinschicken.

Werden Teile der Spenden an Wikileaks nun für die Verteidigung von Bradley M. fließen?

Aus meiner Sicht spricht überhaupt nichts dagegen. Wir müssen nur die Frage beantworten: Wieviel können wir von dem, was wir haben, für die Verteidigung aufwenden? So weit ich es verstanden habe, geht es den Anwälten darum, dass selbst ein lang dauerndes Verfahren abgedeckt wäre, dass also nicht zwischendrin das Geld ausgeht. Ich habe allerdings noch keine Rechnungen gesehen.

Bisher gilt die Ansage, dass Wikileaks jeden unterstützt, der Probleme bekommt, weil er ihnen etwas rüberwachsen lassen hat. Wird Wikileaks diese Zusage überhaupt einlösen können?

Für uns stellt sich im Moment bei allem die Frage, ob wir unsere Arbeit finanziell und personell durchalten können. Wir werden natürlich alles geben, um das Versprechen einzulösen. Aber ich habe keine Ahnung, wie unsere Spendensituation in einem halben Jahr aussieht, insofern ist das eine rein hypothetische Frage. Wenn unser Geld verbraucht ist, und niemand spendet etwas nach, sähe das natürlich schlecht aus. Aber damit rechne ich nicht.

Dann zum Thema Geld. Für den Teil der Spenden, der bei der Wau-Holland-Stiftung eingeht, ist inzwischen etwas klarer wie sie verwendet werden. Wie sieht es mit den anderen Konten aus? Wird Wikileaks veröffentlichen, wie diese Spenden ausgegeben und kontrolliert werden?

Davon gehe ich aus. Wir haben ja zum Beispiel in Australien noch eine Non-Profit-Gesellschaft, die extra dafür gegründet wurde. Ich weiß nicht genau, wie groß der Anteil unserer Spenden ist, die nicht bei der Wau-Holland-Stiftung eingehen, habe aber das Gefühl, dass der mit Abstand größte Teil zu Wau Holland geht.

Was sind die größten Herausforderungen für Wikileaks in der nächsten Zeit?

Unsere größte Aufgabe ist sicher, das Wachstum zu bewältigen.

Was bedeutet das?

Wir bräuchten zum Beispiel viel mehr Leute, die sich mit der Presse auseinandersetzen, die Interviews geben können. Wir sind noch in einem Stadium, in dem wir die ganze Zeit priorisieren müssen, für was wir eigentlich Zeit aufwenden. Es gibt viele Anfragen von Menschen aus allen möglichen Ländern, die uns unterstützen wollen. Auch darum muss sich jemand kümmern. Doch jemanden für dieses Projekt anzulernen ist auch nicht trivial. Wir haben eben bisher kein mittleres Managment, also bisher zu wenig Leute, die weitere Helfer koordinieren können.

Haben Sie Angst, dass Wikileaks durch Geheimdienste infiltriert werden könnte, wenn jetzt so viele neue Leute hinzukommen müssen?

Da mache ich mir wenig Sorgen. Wir haben ja gute Strukturen, um so etwas zu vermeiden. Selbst wenn der eine oder andere Geheimdienst einen Versuch starten würde, kann da nicht allzu viel schief gehen. Der Quellenschutz beispielsweise ist ja weitgehend ein technischer Vorgang, der unabhängig von menschlichen Eingriffen läuft. Außerdem versuchen wir, die Aufgaben möglichst klar zu verteilen und damit zu vermeiden, dass einer zu viele Dinge anstellen kann.

Gehört eine Diskussion über Personalkosten auch zu den Aufgaben von Wikileaks in den kommenden Monaten?

Die gehört sicher dazu. In diesem Sinn war auch der Titel der letzten Geschichte im Freitag nicht ganz so geschickt. Er klang so, als würden wir nie ein Gehalt bekommen. Ganz sicher müssen wir irgendwann anfangen, einigen Leuten Geld zu bezahlen. Diejenigen, die Vollzeit für Wikileaks arbeiten, müssen ja auch ihre Lebenshaltungskosten decken. Von dem was zum Beispiel ich gespart hatte ist jetzt jedenfalls nichts mehr übrig. Wenn ich keine Leute in meinem Umfeld hätte, die mich unterstützen, hätte ich schon länger ein Problem. In den nächsten Monaten werden wir anfangen müssen, auch etwas Geld an Leute auszuschütten.

Wird es eine öffentliche Diskussion über die Auszahlung von Gehältern geben?

Wir werden bestimmt offenlegen, um welche Summen es sich handelt. Ich glaube aber nicht, dass wir eine Twitter-Diskussion starten werden, damit die Leute abstimmen können, was sie denn für angemessen halten. Von den Leuten, die da Geld beziehen würden, ist ohnehin keiner scharf darauf, reich zu werden. Uns geht es nur darum, dass wir unsere Lebenshaltungskosten decken können.

Haben Sie eine Zahl im Kopf, in welchem Rahmen sich das bewegen wird?

Wir haben bis jetzt so 1500 bis 2500 Euro besprochen. Allerdings sind das nur Überlegungen, ganz informell. Daher würde ich nicht so gerne später auf diese Zahl festgenagelt werden. Es ist ja auch eine Frage, wo die Leute sitzen und wie die Lebenshaltungskosten dort sind.

Wieviele Leute werden denn überhaupt Gehalt beziehen?

Das hängt davon ab, wie stark wir wachsen. Und natürlich auch davon, wieviele dieser Leute überhaupt Geld von der Wau Holland-Stiftung beziehen können. Sobald jemand ein Gehalt bezieht, sind Name und Anschrift ja zumindest dem Finanzamt bekannt.

Wikileaks hat ja einen Aufruf gestartet, dass sich Unterstützerkreise bilden sollen. Wie geht es da jetzt weiter?

Für Deutschland zumindest bin ich relativ sicher, dass wir eine eigene Stiftung gründen werden. Aus meiner Sicht wäre es ideal, wenn wir in vielen Ländern eigene Organisationen hätten, die die Arbeit an Wikileaks unterstützten - und zwar so breit wie möglich. Dort könnten dann Leute an der Technik arbeiten, aber auch Leute, die Material journalistisch aufbereiten. Vielleicht geht das langfristig auch mit der Wau-Holland-Stiftung, ich weiß aber nicht, ob deren Stiftungsziele das alles abdecken.

Wann werden sie wieder Dokumente auf ihrer Webseite veröffentlichen?

So bald wie möglich. Uns fehlen noch ein paar Server und auch unsere Publikationskette muss noch aufgebaut werden. Wir arbeiten aber mit Hochdruck daran, es ist die Baustelle, die als nächstes fertig werden sollte. In den nächsten Wochen wird es sicher schon einzelne Publikationen geben bis dann das System so funktioniert wie wir uns das vorstellen.

Der Text ist ein gekürztes und in eine lesbare Form gebrachtes Transkript des Telefoninterviews mit Daniel Schmitt vom 19. Juli 2010.

Kommentare (2)