Frankfurt brennt? Nicht da, wo ich war.

Blockupy Zur EZB-Eröffnung in Frankfurt war ich in einer Protest-Gruppe, die keine Autos angezündet hat. Ein Bericht, in dem keine Steine fliegen, sondern Knüppel schwingen.
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Es fühlt sich an wie eine Invasion. In einer Kolonne aus drei Reisebussen und einem Mini-Van drängeln wir uns durch die Straßen von Frankfurt. Es ist 7 Uhr, der 18. März 2015: Heute wird das neue Gebäude der EZB eröffnet. Ich befinde mich in einem der Busse, zusammen mit anderen Demonstranten: Viele gehören zu verschiedenen Linksbündnissen, die zum Beispiel Nazi-Demonstrationen blockieren, Info-Veranstaltungen zur Griechenland-Krise veranstalten oder mit Plakat-Aktionen auf soziale Ungerechtigkeit aufmerksam machen. Die meisten sind in ihren 20ern, einige sind 18, 19, machen gerade Abitur - aber sie wissen besser über die großen politischen Entscheidungen Bescheid als so mancher Erwachsener. Sie reden über den Israel-Konflikt, die Euro-Krise und die Agenda 2010 von Gerhard Schröder. Als ich so alt war, habe ich mich nachts mit Freunden auf dem Spielplatz der Dorf-Grundschule getroffen und Wodka-Flaschen geleert. Konflikte gab es nur, wenn der Alkohol zur neige ging. Krisen wurden durch Finger-in-Hals-stecken gelöst. Agenda 2010? Schröder? Ich kannte nur Gorbatschow und Lemon.

Die einen bezeichnen Israel als “faschistischen Staat”, andere würden nicht so weit gehen; einige fordern die Weltrevolution, andere die Anarchie. Ich werde als “Reformist” abgestempelt, weil ich das System nicht abschaffen, sondern verändern möchte, keinen Klassenkampf fordere, sondern einen Wechsel der Regierungsparteien. In erster Linie bin ich also Demokrat. Für viele meiner Mitstreiter ist das zu rechts.

Die Busse halten an, irgendwo in Frankfurt, ich habe keine Ahnung, wo ich bin. Aus den Fahrzeugen vor uns strömen Leute auf die Straße. Auch wir machen uns bereit. Vorhin haben wir noch Twitter gecheckt und davon gelesen, dass einige “Bullen-Autos brennen”. Einige klatschen über die Nachricht, freuen sich, sind laut. Aber in den Gesichtern der meisten, der Leisen, sehe ich ausdruckslose Nachdenklichkeit - so habe ich wohl auch geschaut. Später spreche ich mit einigen Demonstranten über die angezündeten Autos und die eingeworfenen Scheiben: Die meisten lehnen die Randale ab, können aber nachvollziehen, warum in einigen solche Wut gegen das System gährt.

- Keine Idee, wo ich bin -

Wir sammeln uns auf der Straße. Bei der Abfahrt haben wir “Bezugsgruppen” aus vier bis fünf Personen gebildet: Falls man sich verliert, ruft man den Namen seiner Gruppe und versucht sich wiederzufinden. Wir heißen “Aquarium”, eine andere “Trotzki”. Dann geht es los.

Die Menschenmasse, die eben noch dreieinhalb Busse vollgemacht hat, marschiert durch die Straßen von Frankfurt, ich weiß immer noch nicht, wohin; ein Hubschrauber taucht über unseren Köpfen auf, ein Stinkefinger geht neben mir in die Höhe. Wir legen einen Sprint hin, dann wieder gehen, dann wieder sprinten. Schließlich sehe ich weit vorne mehere Polizei-Autos auf der Straße stehen, sieben oder zehn Stück. Davor stehen Polizisten in ihrer schwarzen, gepolsterten Montur und Helm in einer Reihe. Eine Blockade.

Meine Mitstreiter ganz vorne - so erfahre ich nachher genauer - bleiben aber nicht stehen, sondern sprinten los, versuchen zwischen die Polizisten zu kommen, eine kleine Schneise zu bilden, um dann mit der Masse der Demonstranten hinter ihnen, also mir eingeschlossen, hindurchzufließen. Die Polizisten sind der Staudamm, wir sind das Wasser. Es braucht nur einen Riss, der Druck erledigt den Rest. Aber es gibt keinen Riss. Sondern Pfefferspray und Knüppel.

Ein Mann mit Megafon ruft, die Bezugsgruppen sollten ihre Verletzten zu ihm schicken, und alle anwesenden “Sanis” sollten ebenfalls dorthin kommen. Menschen hocken auf dem Boden mit roten Augen, die Sanis spülen sie mit Wasser aus.

- Stundenlanges Starren -

Ein Polizist in blauer, leicht gepanzerter Weste ergreift ebenfalls ein Megafon, erklärt in ruhiger Stimme: “Sie können hier gerne bleiben und demonstrieren, doch bitte halten Sie den Sicherheitsabstand ein.” Eine Reihe aus Demonstranten spannt vor der Polizei-Blockade ein Transparent auf und blickt den Beamten in die Augen. Die Beamten gucken zurück. Keiner rührt sich. Minutenlang. Stundenlang. Stehen. Starren. Stehen. Starren. https://motzmeyer.files.wordpress.com/2015/03/dsc03462_pixel.jpg?w=640

Ab und an gibt es Wachwechsel, ein Trupp Polizisten zieht ab, ein neuer bezieht Stellung; ein Demonstrant muss sich eine Zigarette drehen und bittet jemand anderen das Transparent zu halten. Ein paar Leute haben tragbare Lautsprecher mitgebracht und spielen Reggae- und Rock-Musik. Andere werfen einen Volleyball hin und her. Die Polizisten sehen genervt aus. Ein Gesang ertönt: ”Wir haben Spaß - ihr habt Bereitschaft!”

Am häufigsten aber singen wir: “A - Anti - Antikapitalista.” - “Auf die - Internationale Solidarität.” - “Brecht - die Macht - der Banken und Konzerne.” - “What solution? Revolution!” Plötzlich ein Ruf mit dem Megafon: “Kessel! Kessel!” Unsere Protest-Blockade reicht nicht bis zum anderen Ende der zweispurigen Straße, die in der Mitte durch ein Grünstreifen getrennt wird. Auf der unbewachten Seite haben sich ein paar Polizisten vorbeigemogelt und sich unter die Demonstranten gestellt. Ein paar meiner Mitstreiter glauben, die Beamten wollen einen Kreis um uns bilden und uns den Rückzug abschneiden. Uns einkesseln. Der Polizist mit dem Megafon ergreift das Wort: “Keine Sorge, wir wollen Ihnen nichts tun. Wir postieren uns nur gerade neu. Haben Sie keine Angst.” Neu postieren? Inmitten der Demonstranten? Vier grimmig dreinblickende Beamten hatten sich Rücken an Rücken genau auf die Straße gestellt, ihre Hand bereits an den Knüppeln. Ich frage mich: Wozu? Diese vier waren - wie mir Demonstranten erklärten - BFE-Einheiten. Die härtesten der Harten. Wenn die Polizei wirklich deeskalierend wirken möchte, warum stellen sie dann vier gepanzerte Legionäre inmitten von hunderten Galliern? Und warum kommen immer mehr von denen nach und stellen sich unter die Demonstranten? Im Bus meinte noch jemand zu mir: “Wenn die Autos brennen, können die Bullen alles rechtfertigen.”

- Keine brennenden Autos, keine Steine, keine Medien -

Auch wenn hier bei unserem Protest keine Autos brennen und keine Steine geschmissen werden: In den Medien wird es nur darum gehen, dass irgendwo in Frankfurt irgendeinde Gruppe Polizeiautos angezündet hat. Das sind die besten Bilder. Jeder Knüppelschlag, jeder Pfefferspray-Einsatz geschah dann aus Notwehr, auch wenn zwischen den brennenden Autos und unserem Protest mehrere Kilometer liegen. Feuer, vermummte Gestalten, Steine - das sind Bilder, das sind Geschichten. Für die taktischen Finessen ist da kein Platz. Sie sind zu subtil, zu unscheinbar. Während der Sprecher mit dem Mega-Fon die gemäßigten Demonstranten wie mich beruhigt, postieren sich schwer gepanzerte Beamte in der Nähe von aggresiveren Protestlern. Es riecht nach Provokation. Und sie wirkt. https://motzmeyer.files.wordpress.com/2015/03/dsc03454_pixel.jpg?w=640 https://motzmeyer.files.wordpress.com/2015/03/dsc03455_pixel.jpg?w=640

Ein Demonstrant brüllt in sein Mega-Fon: “Die Polizei spricht davon, dass wir hier ungestört bleiben dürfen, aber sie schicken ihre Leute genau in unsere Demonstration. Das dürfen sie nicht. Das ist nicht erlaubt. Das ist unsere Straße.” Dann brüllt er: “Wessen Straße?” - “Unsere Straße”, antwortet die Menge. “Wessen Straße?” - “Unsere Straße!” Und dann setzt die Menge an: “Haut ab! Haut ab! Haut ab! Haut ab!” Die Demonstranten bilden einen Pulk aus Menschen vor den Polizisten, treten nahe an sie heran, ganz nahe, mehr nicht. Die Beamten weichen einen Schritt zurück, und noch einen. Und noch einen. Dann machen sie kehrt und gehen hintereinander durch eine Gasse von Demonstranten, die ihnen “Haut ab! Haut ab!” entgegenschreit.

Einer der Demonstranten ganz vorne - so erzählt mir jemand später - wirft einem Polizisten die Wörter “Verpiss dich du Hurensohn” an den Kopf. Dieser schlägt daraufhin mit dem Knüppel zu, ein Kollege versprüht Pfefferspray. Unter den lauten Rufen der Protestler ziehen sich die Beamten jedoch schließlich zurück. Die Straße gehört uns. https://motzmeyer.files.wordpress.com/2015/03/dsc03456_pixel.jpg?w=640

Und so beginnt das Warten. Stundenlang harren wir an diesem Ort aus, während Demonstranten mit Mega-Fon uns immer wieder versichern, dass wir hier “genau richtig stehen”. Die Brücke, die sich hinter den Polizisten erstreckt, führt zur Tiefragarage der neuen Europäischen Zentralbank. Mit unserer Blockade stoppen wir den Zugang und binden gleichzeitig Polizei-Trupps an uns, die nicht anderswo eingesetzt werden können.

- Koordination und Strategie bei "Blockupy" -

Die “Blockupy”-Bewegung ist kein loser Zusammenschluss von Demonstranten, die irgendwo durch Frankfurt laufen. Eine Zentrale gibt den einzelnen Demo-Trupps vor, wo sie wann zu stehen haben, es gibt Karten, Sanitäter, Info-Punkte und eine Nummer, die man anrufen kann, wenn man in Gewahrsahm gerät. Ich habe sie mit Edding auf meinen Arm geschrieben, denn falls ich festgesetzt werden sollte, wird mir als erstes mein Handy abgenommen.

Nach rund drei Stunden ziehen wir ab, gehen am Flussufer entlang und sehen, wie ein Hubschrauber vor der EZB auf der anderen Seite landet. Irgendjemand mit einem Megafon sagt, darin befinde sich Draghi. Ich erkenne nichts. https://motzmeyer.files.wordpress.com/2015/03/dsc03465.jpg?w=640 https://motzmeyer.files.wordpress.com/2015/03/dsc03466.jpg?w=640

Wir gehen weiter und versuchen über andere Brücken in die Innenstadt zu gehen, doch auch hier wartet die Polizei. Dann teilt sich der Zug in Kleingruppen auf. Ich gehe mit meinen Bezugsgruppen zur sogenannten “Volxküche” rund ums Frankfurter Theater: Dort gibt es etwas Warmes zu essen und Kaffee - auf solidarische Spenden weisen kleine Schüsseln mit Geld hin, aber keiner sagt etwas, wenn man nichts gibt. Wir ruhen uns aus, genießen wie viele andere die Sonne. Es wirkt wie eine Mischung aus Feldlager und Mensa unter freiem Himmel, ohne Stühle oder Tische.

- Darum sind wir hier -

Schließlich gehen wir zur offiziellen Kundgebung auf dem Römerplatz und nehmen am großen Demonstrationszug teil, der in den Medien total untergegangen ist. Inmitten von 17.000 bis 20.000 Menschen marschieren wir im Schatten der Bankentürme durch die Straßen von Frankfurt und rufen “Brecht - die Macht - der Banken und Konzerne”. https://motzmeyer.files.wordpress.com/2015/03/dsc03482.jpg?w=640

Das ist es, warum wir hier sind: Es geht nicht nur um die EZB-Beteiligung an der Troika, durch die Griechenland und andere europäische Länder zum Kürzen und Sparen verdonnert wurden. Es geht darum, dass die reichsten ein Prozent der Welt mehr Vermögen besitzen als die restlichen 99, dass in Deutschland das reichste ein Prozent 36 Prozent des gesamten Vermögens der Bundesrepublik besitzt, dass Banken so groß geworden sind, dass sie von den Staaten gerettet werden mussten und jetzt trotzdem fast genauso weitermachen dürfen wie bisher. Es geht darum, die, die wenig besitzen, aber viele sind, gegen die zu unterstützen, die viel besitzen, aber wenige sind. Schließlich sollte nicht der Geldschein über Politik entscheiden, sondern der Wahlschein. Um nichts anderes geht es in Frankfurt. So sehr man die Randale auch verteufeln mag, sollte man das nicht vergessen.

www.steffenDmeyer.eu

11:56 25.03.2015
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Geschrieben von

SteffenDMeyer

Europa-Typ.
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