Was will die feministische Pornographie?

Pornographie Feministische Filmemacher*innen erobern mit der Pornographie ein echtes Männer-Genre. Doch keine Angst, liebe Männer, eure Sexfilme werden vor allem eins: besser.
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Wenn es nach Alice Schwarzer und anderen 80er Jahre Feministinnen geht, ist die Sache klar: Pornographie ist böse. Punkt. Aus. Vorbei. Im Jahr 1987 veröffentlichte die Zeitschrift EMMA einen Gesetzesentwurf, der Pornographie bundesweit verbieten sollte. In dem Vorschlag, der es - glücklicherweise - nie zur Abstimmung in den Bundestag geschafft hat, heißt es unter anderem: „Pornographie ist mehr als eine Phantasie oder Idee, sie ist Realität. Pornographie ist Teil der sexuellen Gewalt – eben jener Gewalt, die Frauen aufgrund ihres Geschlechts die Menschenwürde abspricht und ihre Gleichberechtigung verhindert.“ Schon das Wort Pornographie war vielen Feminist*innen lange Zeit ein Dorn im Auge - bedeutet es wörtlich übersetzt doch so viel wie „von Huren schreibend“.

Porno Porno, but different

Ein Porno ist ein Porno ist ein Porno. Doch ganz so einfach, wie Teile der Frauenbewegung den Pornofilm in den 80ern dargestellt haben, ist es nicht. Wie jedes andere Filmgenre, ist die Pornographie vielfältig, mit vielen schwarzen Schafen auf der einen Seite, aber eben auch sehr fortschrittlichen, feministischen Projekten und Visionären auf der anderen: Erika Lust, Petra Joy, Annie M. Sprinkle, Jennifer Lyon Bell, Tim Stüttgen, Paul Beatriz Preciado - um nur einige Namen von ambitionierten Regisseur*innen und Aktivist*innen zu nennen, die versuchen den Sexfilm explizit feministisch zu denken und neue Blickwinkel abseits einer heteronormativen Ordnung zu erforschen. Grundsätzlich liegt Alice Schwarzer mit ihrer Kritik ja nicht falsch: In aller Regel ist Pornographie von Männern für Männer gemacht. Frauen spielen als Zielgruppe so gut wie keine Rolle und werden in den meisten Produktionen als bloße Sex- und Lustobjekte dargestellt. Für weibliche Sexualität ist im herkömmlichen Porno kein Platz. Das alles sind Tatsachen, die man offen ansprechen und kritisieren darf, die man aber, wie die o.g. Personen in ihren Arbeiten eindrücklich beweisen, auch ändern kann.

Was will die feministische Pornographie?

Es ist nicht einfach, die Ziele des feministischen Pornos in wenigen Sätzen zusammenzufassen. Zu unterschiedlich sind die verschiedenen Strömungen, zu vielseitig die filmischen Arbeiten. Doch in einem dürften sich alle feministischen Pornofilm-Regisseur*innen einig sein: In erster Linie geht es darum, neue Bilder aus der Sicht eines (primär) weiblichen Publikums zu produzieren und deutlich zu machen: Weibliche Sexualität matters. Daneben versuchen viele Aktivist*innen auf die politische Dimension des Sexfilms hinzuweisen: Wenn die zweite Frauenbewegung in den 1970er Jahren gezeigt hat, dass das Private immer politisch ist, so muss nun hinzugefügt werden, auch das Sexuelle und seine Darstellungen immer politische Aussagen sind: Sex gibt es nicht getrennt von der Welt - das Allerpersönlichste ist das Allerpolitischste. Oder wie Preciado es in ihrem Buch „Testo Junkie“ formuliert: „Ich muss euch (...) nicht daran erinnern, dass das Gebiet des Sex (eures Sex) weder (euer) individueller Körper ist, noch (eure) sogenannte Privatsphäre, denn Sex kann politischer Regulation genau so wenig entkommen wie der häusliche Bereich insgesamt.“

Sex mit Kontext

Erika Lust, feministische Filmemacherin aus Barcelona, ist davon überzeugt, dass sich viele Menschen (ja, auch wir Männer) im Porno nach einem Kontext und einer Rahmenhandlung sehnen: „Ich glaube, die Frau – und übrigens auch immer mehr Männer – möchte wissen, wer die Figuren in den Filmen sind und warum sie gerade zusammen im Bett oder sonstwo liegen. Wir sehnen uns nach Kontext. Es ist ein simples Prinzip: Wird nichts der Fantasie überlassen, entsteht keine Erotik.“ Ein Porno kann sehr viel mehr sein, als stumpfes Ficken und Dialoge auf „Warum liegt hier Stroh“-Niveau. Das Stichwort lautet: Authentizität. Laute Fake-Orgasmen sind im feministischen Porno Tabu. Der Sex soll möglichst echt, natürlich und unverstellt gezeigt werden. In ihren Filmen erzählt Erika Lust daher häufig Geschichten aus dem echten Leben: Mitglieder ihrer Website XConfessions können Sex-Fantasien und Erlebnisse anonym einsenden. Jeden Monat wählt die Regisseurin, deren Team hinter der Kamera übrigens ausschließlich aus Frauen besteht, aus den Einsendungen die besten Geschichten aus und setzt diese anschließend in Kurzfilmen um.

Eingebetteter Medieninhalt

Was wir Männer von feministischen Pornos lernen können

Das Vorurteil, feministische Pornos seien lediglich Soft-Pornos (ein bisschen Rosamunde-Pilcher-Story mit Ausziehen), ist ganz und gar nicht zutreffend. Feministische Pornographie ist mindestens genauso sexuell, erotisch und lustvoll wie andere Porno-Produktionen. Aber: Sie ist ehrlicher als jeder Mainstream-Porno. Sie zeigt, dass es in Sachen Sex mehr geben kann, als bloßes Rein-Raus. Sie zeigt, dass es Männer gibt, die Frauen ficken und dass es Frauen gibt, die Männer ficken. Sie zeigt, dass es kein starkes Geschlecht gibt. Für uns Männer kann der feministische Porno daher eine Chance sein, sich frei zu machen, von starren Normen und übertriebenen Macho-Männlichkeitsschemata. Wie schrieb einst Herbert Marcuse: „Die Befreiung der Frau wird ein schmerzhafter Prozess sein; aber sie wird ein notwendiger, ein entscheidender Schritt sein auf dem Weg zu einer besseren Gesellschaft für Männer und Frauen.“

20:42 15.10.2017
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