Corona, die Moral und mein Fahrlehrer

Coronakrise Wollen wir nun etwa auch in Zukunft versuchen, alles richtig zu machen? Wir müssen reden!
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Was bei der Corona-Krise unter anderem irritieren mag: Man kriegt hier den Eindruck, dass sich Politik und Gesellschaft wirklich mal konsequent um ein Problem kümmern. Bei allen berechtigten Kontroversen rund um die konkreten Maßnahmen – wir versuchen hier gerade, etwas richtig zu machen. Und das ist sonst eigentlich nicht so unser Stil. Nicht in der Konsequenz jedenfalls. Luftverschmutzung, Verkehrstote, multiresistente Keime, Hunger und Kriege auf der ganzen Welt und nicht zu vergessen die drohende Klimakatastrophe: Den Eindruck, dass wir drängende Probleme konsequent angehen, hat man nicht oft.

Was mein Fahrlehrer gesagt hat

Ich sitze in der Fahrschule, mein sehr engagierter Fahrschullehrer macht eine Theoriestunde Exkurs über die Straßenverkehrsordnung – „nicht prüfungsrelevant, aber äußerst wichtig!“ Er redet zunächst in lange Teenager-Gesichter, aber kann dann tatsächlich rüberbringen, dass die Straßenverkehrsordnung wie kaum ein anderes Regelwerk unser Miteinander und unsere gemeinsame Sicherheit organisiert. Die Stunde endet mit dem eindringlichen Appell, dass alle Autofahrerinnen und Autofahrer die Straßenverkehrsordnung doch bitte mindestens einmal im Monat in die Hand nehmen und ihr Wissen auffrischen sollen. Es klingt wirklich einleuchtend. Trotzdem ist allen sofort klar: Das macht kein Mensch. Und dieses Verhalten kann man verallgemeinern: Wir machen ganz viele Dinge nicht, die eigentlich gut und richtig wären. Und das ist der Eindruck, den ich habe, seit ich vor gut 25 Jahren meinen Führerschein gemacht habe: Wir mogeln uns durch. Unser Zusammenleben basiert weitgehend darauf, dass wir viele Dinge einfach nicht machen, obwohl sie gut und richtig wären. Die Ausnahme, die wir heute bei der Corona-Krise erleben, bestätigt diese Regel: Kaum versuchen wir als Gesellschaft einmal, etwas richtig zu machen, schon funktioniert von Wirtschaft über Kultur bis zum Sozialleben kein Bereich unseres Zusammenlebens mehr uneingeschränkt.

Über was wir reden müssen

Was wollen wir künftig machen mit Dingen, die gut und richtig sind? Auf was wollen wir reagieren und wie? Was sind wir bereit, dafür aufzubringen? Und auf was wollen wir auch in Zukunft nicht reagieren? Bei allem Respekt vor der Tatsache, dass sich in den vergangenen Monaten duzende Menschen an dem Vergleich zwischen Corona und einer Grippe die Finger verbrannt haben: Warum haben wir in der Grippewelle 2017/2018 nicht mal in Erwägung gezogen, vergleichbare Maßnahmen wie in der heutigen Corona-Krise zu ergreifen, obwohl dadurch sicherlich ein Großteil der 25.000 Todesfälle hätte verhindert werden können? Eine gesamtgesellschaftliche Debatte über einen moralischen Rahmen, der ein angemessenes Reagieren auf verschiedene Bedrohungen und Krisen umreißt und uns als Handlungsleitlinie dienen kann, erscheint mir unausweichlich. Mit so einer Debatte können wir auch „Corona-Skeptiker“ wieder ins gesellschaftliche Boot holen (sofern sie rationalen Argumenten zugänglich sind). Dann ist die Frage nach den Corona-Maßnahmen nämlich nicht länger auf die Extrempositionen alles machen vs. nichts machen eingeengt, sondern auf die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen aufgefächert. Denn die Verhältnismäßigkeit ist es, worüber wir reden müssen und worüber wir auch etwas vereinbaren sollten.
Eine wichtige Leitlinie für die Verhältnismäßigkeit in der Corona-Krise ist bisher: Das Gesundheitssystem darf nicht überlastet werden. So weit, so nachvollziehbar. Aus ethisch-moralischer Sicht ist es aber kaum tragfähig, das Hinnehmen von Todesfällen und das Einschränken von Grundrechten an den Ausgaben festzumachen, die wir als Volkswirtschaft bereit sind, in unser Gesundheitssystem zu stecken. Außerdem kann dies auch keine Orientierung für weitere Krisen bieten, da wir zunehmend mit globalen Zusammenhängen konfrontiert sind, über die ein Blick auf die Auslastung des örtlichen Krankenhauses keine Aussagen erlaubt.

Was wir haben – und was nicht

Einige englischsprachige Gesellschaften antworten auf moralische Fragen traditionell utilitaristisch. Die und die Kosten sind wir bereit, in einer Pandemie pro Menschenleben zu zahlen oder die und die Kollateralschäden nehmen wir beim Klimawandel in Kauf und so weiter. Ein solches Aufrechnen entspricht nicht unserer Denktradition – ganz abgesehen davon, dass dies spätestens dann ganz schön zynisch daherkommt, wenn Menschenleben auf der Rechnung erscheinen.
Viele klassische Ethikkonzepten sind in unserer Zeit leider Totalausfälle, da sie sich auf ein unmittelbares Gegenüber beziehen und so der räumlichen und zeitlichen Tragweite unseres modernen technischen Handelns nicht gerecht werden. Auch die Gesinnungsethik von Immanuel Kants kategorischem Imperativ erfasst beispielsweise die Dimension des Klimawandels nicht, dessen Auswirkungen sehr viele Menschen und insbesondere auch künftige Generationen betreffen.
In dem großartigen Baukasten, den uns 2.500 Jahre Philosophiegeschichte bereitstellt, werden wir aber sicherlich viele hilfreiche Versatzstücke für unsere neue moralische Konstruktion finden. Dass wir gemeinsam etwas Neues entwickeln und nicht einfach auf etwas Verstaubtes zurückgreifen sollten, erscheint mir sinnvoll: Lasst uns zusammen eine Position diskutieren und formulieren, die künftig transparent und für alle nachvollziehbar politische Entscheidungen in bestimmten Situationen ermöglicht. Und am besten noch weitergehend: die künftig politisches Handeln juristisch einforderbar macht – so, wie es für einen Rechtstaat angemessen ist.

Um was wir nicht drum herumkommen

Eine solche verbindliche und rechtlich wasserdichte Handlungsmaxime mag als hehres wie schwer erreichbares Ziel anmuten. Diskutieren sollten wir trotzdem drüber, da es neben dem verhältnismäßigen Umgang mit Krisensituationen auch noch gesellschaftlichen Frieden sichern könnte.
Ein paar Sachen sollten wir aber schon beachten, bevor diese Diskussion überhaupt erst eröffnet ist: Etwa, dass weitreichende Einschnitte in die Grundrechte nicht per Verordnung, sondern von den Parlamenten beschlossen werden sollten. Dass Entscheidungen immer auf Basis von wissenschaftlichen Fakten getroffen werden sollten. Und dass Vertreter der Zivilgesellschaft stärker in die Krisenbewältigung einbezogen werden sollten, da sie die jeweilige Entscheidungssituation um wichtige Perspektiven ergänzen. So vertreten Fridays for Future beispielsweise advokatisch die berechtigten Interessen künftiger Generationen in der Klimakrise.
Ein zentraler Punkt, der einigen wehtun dürfte: Wir werden nicht drum herumkommen, künftig Krisen auf den Ebenen zu begegnen, auf denen sie sich ereignen. Von Finanzkrise über Flüchtlingskrise bis zu Klimakrise: Hier muss international reagiert werden mit Institutionen, die das Mandat und die Möglichkeit dazu haben. Ja, das bedeutet Einschnitte in die nationalstaatlichen Befugnisse. Mit nationalen Egoismen kommt man in heutigen Krisensituationen in vielfacher Hinsicht nicht weiter – häufig erscheinen diese sogar als Ursache der Krisen.
Eines steht jedenfalls fest: Wir können nicht ewig so unreflektiert wichtige Dinge einfach nicht machen und nicht mal in gebührendem Maße darüber diskutieren. Und diese Erkenntnis sollten wir so schnell wie irgendwie möglich verinnerlichen, denn bei den uns bevorstehenden Krisen – insbesondere bei der Klimakrise – wird sich ein weiteres Durchmogeln wie bisher bitter rächen.

12:29 28.12.2020
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