Freies Sparen für freie Bürger

Klimaschutz Unser Verhalten gegenüber der Klimakrise zeigt, dass unser Selbstverständnis für Bürgerinnen und Bürger eines freien Landes nicht mehr zeitgemäß ist.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Luisa Neubauer sieht das so: Wenn man die Klimakatastrophe verhindern will – und das muss man wollen, wenn man deren Tragweite begriffen hat – dann muss man die Politik zum Handeln bewegen. Dann muss man muss auf die Straße, muss man die richtigen Kreuze machen, muss man sich politisch engagieren. Und es ist auch völlig legitim, dass Luisa Neubauer das so sieht: Schließlich hat der Druck, den unter anderem sie und die „Fridays“ aufgebaut haben, schon viel (wenn auch leider nicht genug) bewegt. Auf der politischen Ebene werden nun mal die wichtigen Entscheidungen getroffen. Die Politik kann Kohlekraftwerke stilllegen – oder auch in Betrieb gehen lassen, wie völlig unverständlicher Weise noch 2020 in Datteln geschehen. Das können einzelne Bürgerinnen und Bürger nicht.

Es macht einen Unterschied

Und trotzdem ist noch eine andere Sichtweise legitim – und für uns als Gesellschaft wichtig. Diese Sichtweise basiert auf der Einsicht, dass die Umwelt- und Klimaprobleme dieser Welt nicht nur auf politisches Handeln zurückzuführen sind, sondern ganz wesentlich vom kollektiven Handeln verursacht werden. Von unserem gemeinsamen Handeln also. Schauen wir uns etwa den Verkehrssektor an – ein Sektor, wo die Emissionen nach wie vor steigen. Das liegt auch daran, dass immer mehr und immer größere Autos über die Straßen fahren. Von uns gefahren werden. Und dass (ohne Corona) immer mehr Billigflieger durch die Welt jetten. Dass wir immer mehr durch die Welt jetten. Der Verkehr, das sind im Wesentlichen wir. Und es macht einen Unterschied, ob wir mit dem dicken SUV fahren, weil wir vielleicht unsere mitfahrenden Kinder vor Verkehrsgefahren schützen möchten (die insbesondere von genau diesen Fahrzeugen ausgehen), oder ob wir mit Bahn oder Rad fahren, weil wir unsere Kinder vor den Gefahren eines unkontrollierbaren Klimakollapses schützen möchten. Es macht einen Unterschied – wir müssen nur begreifen, dass unser Handeln Teil eines kollektiven Handelns ist. Und dass es auf dieses kollektive Handeln ankommt.

Weil es bequem ist

Der Verkehr ist bei weitem nicht das einzige Beispiel. Datteln IV läuft nicht nur, weil die Politik das ermöglicht hat, sondern auch, weil klimaschädlicher Kohlestrom abgenommen wird. Von uns abgenommen wird. Und dies häufig genug schlicht aus Bequemlichkeit, denn ein aktueller Ökostromtarif muss gar nicht teurer sein als ein uralter „Graustrom“-Tarif. Ernährung ist auch so ein Fall: Dass der nur noch als wahnsinnig zu bezeichnende Konsum an Billigfleisch nicht so weiter geht, weiß im Grunde jeder. Er ist schlecht für die Tiere, schlecht für die Umwelt und auch schlecht für die Menschen. Und trotzdem geht er weiter – weil Billigfleisch gekauft wird. Von uns gekauft wird.
Offenbar sind wir nicht bereit, Verhaltensweisen zu übernehmen, die wir zwar als richtig erkannt haben, die aber noch nicht gesetzlich verankert sind. Warum wollen wir uns vorschreiben lassen, was wir einfach selbst machen können? Warum wälzen wir die gesamte Verantwortung auf Politik und Wirtschaft ab? Der Grund ist banal: Weil das bequem ist. Wir müssen nicht über unser Verhalten nachdenken, nee, ist ja alles erlaubt, und überhaupt, unser kleiner Beitrag ändert ja eh nix. Die da oben müssen sich kümmern.

Die Zeit drängt

Bei allen Überlegungen zum Klimawandel wird eine Einsicht immer wichtiger: Die Zeit drängt. Und sie drängt inzwischen extrem: Uns bleiben nur wenige Jahre, um den Temperaturanstieg auf 2,5 Grad Celsius zu begrenzen und den Klimawandel auf einem beherrschbaren Niveau zu halten.
Politik ist langsam. Erstens, weil sie hierzulande auf rechtstaatlichen Prinzipien basiert, die ihre Zeit brauchen. Zweitens weil wir uns eben nicht alle, wie Luisa Neubauer es sich wünscht, klimapolitisch engagieren und durch Druck das Handeln beschleunigen. Und so dauert es Jahre, Kohlekraftwerke abzuschalten – obwohl sie uns alle gefährden. Unseren eigenen Haushalt auf Ökostrom umzustellen braucht hingegen nur wenige Klicks. Vegetarische und vegane Lebensmittel gibt es in jedem Supermarkt und sie sind häufig umweltfreundlicher, gesünder und auch billiger als tierische Lebensmittel. Den Schaden, den die Flugreise in den Sommerurlaub verursacht, kann man berechnen und zu moderaten Kosten kompensieren. Und das Fahrrad steht immer vor der Tür und wartet darauf, das Auto möglichst oft zu ersetzen. Viele Verbraucherportale erklären kostenlos, was wir alles machen können, viele Infos gibt es direkt im Netz. Wir können handeln und wir können schnell sein.

Unsere Verantwortung in Bezug auf den Klimawandel mag klein erscheinen. Aber sie ist da und wir müssen ihr nachkommen. Wir müssen unser Verhalten ändern und, ganz wichtig, auch unser Selbstverständnis. Beides muss zeitgemäß werden. Wir sind keine Untertanen mehr, wir sind mündige Bürgerinnen und Bürger eines freien Landes. Und dieser Status ist nicht ohne Verantwortung zu haben. Das müssen wir endlich akzeptieren – und auch so handeln.

17:47 09.01.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentarfunktion deaktiviert

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert. Deshalb können Sie das Eingabefeld für Kommentare nicht sehen.

Kommentare