Das Ende einer Reise

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Groß und sachlich kalt steht das Gebäude vor mir. In einem dieser unendlich scheinenden Räume dort schlägt ein großes Herz. Ein liebevolles Herz. Zwei faltige Hände, die so vieles konnten, als Du noch bei uns warst. Sie gaben Zärtlichkeit und konnten auch böse Knuffe verteilen, wenn die Rasselbande mal wieder nicht spurte. Sie strickten, häkelten und nähten, zauberten feine Gerichte, die ein Kind glücklich machten. Deine Reise war nie leicht, denn Du warst ein Kriegskind. Deine Jugend wurde begleitet von Bomben, Feuer, Sterben und Tod. Und Du liebtest Deine Stadt. Als alles in Trümmern lag, hat es Dir fast das Herz gebrochen. Es wurde alles wieder aufgebaut, so nach und nach, aber es war doch nicht mehr Deine Stadt, die war verloren für Dich. Darum fiel es Dir auch leicht, Deinem Mann in eine andere Stadt zu folgen. Es waren keine einfachen Jahre damals. Ihr hattet nicht viel und Deine größte Leistung war es wohl, aus diesem Wenigen das Beste zu machen. Du wolltest immer verreisen. Vielleicht eine Kreuzfahrt oder nach Amerika oder in die Karibik. Auf jeden Fall in die Sonne. Stattdessen habt ihr ein Haus gebaut, um etwas für später zu haben. Und das weiteste Reiseziel war der Rheinfall von Schaffhausen. Wieder war keine Zeit und kein Geld für anderes da.

Über all dem bist Du alt geworden und krank, sehr krank. Jetzt hättest Du Geld genug gehabt, denn das Haus wurde verkauft, weil es Euch zu groß war, aber an Reisen war nicht mehr zu denken. Also bist Du in Deiner Phantasie überall hingefahren. Hast Dich von Kellnern auf der Queen Mary bedienen lassen oder im Liegestuhl am karibischen Strand gelegen. Und dann bist Du irgendwann einfach dort geblieben, am Strand, am Meer. Was hier geblieben ist, ist Deine äußere Hülle, in der Dein starkes Herz noch immer schlägt. Meine Brust wird ganz eng, als ich die langen Korridore hinunter gehe. Jeder Schritt schmerzt fast körperlich. Aber heute wird es sein. Heute endet Deine lange Reise und ich werde bei Dir sein. Als die Maschine still wird, sehe ich Dich vor mir. Dort am Strand, im Liegestuhl, braungebrannt und gesund.

Du bist angekommen.

zeitverdichtet

11:43 19.06.2012
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Geschrieben von

S. Steinebach

„Ich bin wie ich bin. Die einen kennen mich, die anderen können mich.“ Konrad Adenauer
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S. Steinebach

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