Neues von Tom

Freundschaft Von einem Baumhaus und wie Bastian zu einem Bruder kam.
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Seit meinem Unfall (Tom mit den roten Haaren) waren Tom und ich die besten Freunde. Und auch einige Jungs, die in unserer Nachbarschaft wohnten, suchten nun seine Nähe. Schließlich war er groß und stark und versprach so Schutz für uns Schwächere. Wir gründeten so etwas wie eine Bande. Tom sollte eigentlich Vorsitzender werden, aber er wollte nicht, also leitete ich die Gruppe.

Als erstes plante ich den Bau unserer Unterkunft. Es sollte ein Baumhaus werden. Standort war eine alte Kastanie im Wald hinter unserem Haus. Der Waldbesitzer, mit meinen Eltern befreundet, gab uns die Genehmigung unter der Bedingung, dass wir ansonsten keine Schäden anrichteten. Als Nächstes brauchten wir Material. Peter, ein kleiner blonder Junge und Sohn eines Bauunternehmers, besorgte uns, was wir brauchten. Hammer, Nägel und vor allem Bretter. Peters und mein Vater kamen dann an einem Samstag und halfen uns, das Haus zu bauen. Wir wurden nicht ganz fertig, aber am darauffolgenden Samstag konnten wir Richtfest feiern. Meine Eltern spendeten noch die Strickleiter und Toms Mutter ein Picknick für alle. Sogar der Waldbesitzer kam, um das Baumhaus zu bewundern, das wirklich schön geworden war. Nach und nach brachten wir ein paar Stühle nach oben und sogar einen kleinen Tisch. Unsere Bande hielt sich sehr gerne dort oben auf und viele andere Kinder waren echt neidisch auf uns.

Eines Abends sah ich Tom, wie er, beladen mit einem Rucksack, an unserem Haus vorbei in den Wald ging. Es war schon spät und ich durfte eigentlich nicht mehr ‘raus, aber ich war zu neugierig, also schlich ich Tom hinterher. Er war, wie erwartet, im Baumhaus. Von weitem schon konnte ich den Lichtschein seiner Taschenlampe sehen. Als ich näher kam hörte ich jedoch ungewöhnliche Geräusche. Tom weinte. Ich war sehr erschrocken, denn ich hatte Tom noch nie weinen sehen. Vorsichtig kletterte ich die Leiter hoch und setzte mich Tom gegenüber. Er schluchzte noch immer und eine ganze Weile sprachen wir kein Wort. Dann sah Tom auf. Selbst beim schwachen Schein der Taschenlampe konnte ich seine traurigen Augen erkennen und ich spürte seine Verzweiflung fast körperlich. „Mama ist gestorben.“, sagte er nur. Und fing wieder an zu weinen. Diesmal so, dass es ihn schüttelte. Ich war sehr erschrocken. Denn, obgleich noch ein kleiner Junge, wusste ich, dass das für Tom fatal war. Denn er lebte allein mit seiner Mutter. Sein Vater war schon vor Jahren gestorben. Was sollte denn jetzt nur werden? Ungefragt, als hätte er meine Gedanken gelesen, sagte er „Ich soll ins Heim.“ Was? Nein, das durfte nicht sein. Entschlossen stand ich auf und nahm Toms Hand. Widerwillig folgte er mir zu unserem Haus und wir gingen direkt ins Wohnzimmer, wo meine Eltern noch beim Fernsehen saßen. „Papa, Mama, Tom braucht unsere Hilfe!“, sagte ich mit aller Entschlossenheit, zu der ein neunjähriger Junge fähig ist. Meine Eltern waren zunächst verärgert, weil ich einfach nach draußen geschlichen war, aber als sie hörten, um was es ging, verflog der Ärger. Mama, immer praktisch, ging nach oben, um für Tom die Schlafcouch zu richten, mein Vater nahm das Telefon und obwohl es schon spät war, erreichte er offensichtlich, was er wollte. Denn er kam mit einem zufriedenen Lächeln wieder zurück zu uns ins Wohnzimmer. Tom ging es sehr schlecht. Er zitterte am ganzen Körper und sagte kein Wort. Meine Mutter nahm ihn in den Arm, führte ihn nach oben und brachte ihn zu Bett. Ich blieb unten. Als Tom eingeschlafen war, kam auch meine Mutter wieder zu uns. Ernst sah mein Vater mich an und ich fühlte mich plötzlich richtig erwachsen. „Das hast Du gut gemacht, Bastian!“ Ich wurde ganz rot vor Stolz. Und meine Mutter sagte, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt, „Tom wird bei uns bleiben, wenn er das will.“ Damit war das beschlossene Sache. Ich ging nun ebenfalls ins Bett. Zum Glück hatten wir Ferien und konnten ausschlafen. Am nächsten Morgen fragte ich Tom dann, ob er mein Bruder werden wollte. Ihm bliebt zunächst der Mund offen stehen und verlegen schaute er abwechselnd zu Papa und Mama, als beide lächelten und nickten, strahlte er plötzlich und nickte heftig.

So kam Tom also zu uns.

12:58 07.08.2012
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Geschrieben von

S. Steinebach

„Ich bin wie ich bin. Die einen kennen mich, die anderen können mich.“ Konrad Adenauer
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S. Steinebach

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