Als die Schafe beschlossen, für immer den

Wölfen zu entkommen "Die Wölfe fressen dieses Jahr viermal mehr Schafe als sonst", blökte das oberste Gesundheitsschaf aufgeregt.
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Wir müssen etwas dagegen tun blökte es einstimmig von den Medien- und Politikschafen zurück. Das fand allgemeine Anerkennung, auch wenn es seit Jahrtausenden kaum etwas gab, was Schafe gegen Wölfe ausrichten konnten. Vielleicht hatte ja nun das Gesundheitsschaf ein besseres Rezept gegen den Wolfstod als die Militär und Politikschafe.
Die Medienschafe freuten sich über neues Futter.
Die Panik- und Angstschafe scharrten ängstlich erregt mit den Hufen beziehungsweise mit den Klauen.
Die Politikschafe und das Gesundheitsschaf vom Schafinstitut suchten sich noch ein paar gleichartige und in gleicher Stimmlage blökende Gesundheitsschafe. Die schwarzen Gesundheitsschafe und jene mit dem anderen Blöken blieben natürlich außen vor. Gemeinsames und gleichartiges Blöken macht stark.
Die Medienschafe bestätigten das.
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Das Gesundheitsschaf wusste: Wölfe können Schafe nur deswegen fressen, weil Schafe wie Schafe leben. Klar war, das geht so nicht weiter. Für ein paar Wochen, vielleicht ein paar Monate sollten die Schafe darauf verzichten, wie Schafe zu leben.
Geht nicht mehr auf die Wiese, blökten die frisches Weidegras fressenden Politik- und Medienschafe.
Wir bleiben im Stall blökten die besonders freiheitsliebenden Deichschafe des Nordens, die noch nie einen Wolf gesehen hatten.
Die Brandenburger Schafe verstanden die Warnung vor den Wölfen gut, machten aber darauf aufmerksam, dass es im Stall nicht genug gutes Futter gibt.
Die Heidschnucken sollten künftig Herdenbildung vermeiden, da dass die Wölfe besonders anziehe, außerdem mache das Fressen von Heide Schafe besonders lecker für die Wölfe.
Die bayrischen Schafe blökten etwas, was niemand verstand, dennoch blökten viele zustimmend. Schließlich wirkte deren Politikschaf sehr entschlossen.
Grünes Grass ist gefährlich, Herdenbildung unsolidarisch, auf dem Deich spazieren provoziert Wölfe, Blöken macht den Wolf aggressiv, dicht beieinander stehen macht Wölfen ganz viel Appetit.
Die Medienschafe bestätigten und verbreiteten das.
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Ein paar schwarze Schafe fanden heraus, dass die Wölfe immer noch Schafe fressen dass außerdem die große Mehrheit der Schafe die Neue Normalität des anormalen Schaflebens nicht mag, sie allerdings mit jedem Tag normaler findet.
Schwarze Schafe stellten zudem fest, dass mehr Schafe an Traurigkeit und Mangel an frischem Grass sterben, als durch den Wolf, dass Schafe anfangen keine Schafe mehr zu sein.
Ein paar weiße Schafe ekelten sich bereits vor grünem Gras und dem Verlassen des Stalles.
All das war ja notwendig. Bei den Nachbarn, wo die Schafe weiter wie Schafe lebten, fraßen die Wölfe deutlich mehr Schafe...
Es gab auch Nachbarn, da waren die Schafe schon lange nicht mehr als Schafe zu erkennen, sie verkleideten sich und sperrten sich monatelang ein. Auch dort fraß der Wolf seltsamerweise mehr Schafe....
Aber es ist ja nur für kurze Zeit, die Sache mit dem unschafigen Leben bis die Wölfe weg sind, sagten die Gesundheits- und Politikschafe, die nun ziemlich mächtig in der Neuen Normalität der Schafgesellschaft geworden waren.
Die Medienschafe stimmten zu und wollten mehr Maßnahmen.
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Eines der weißen Gesundheitsschafe, dass in Doppelfunktion zugleich Politikschaf war, blökte immer besonders laut und ängstlich. Es fand große Anerkennung bei den Ängstlichen und vergrößerte ihre auf Distanz bedachte Gemeinschaft. Die neuen Gemeinschaften waren Gemeinschaften ohne Gemeinschaft. Die neue Solidarität zeichnete sich durch Distanz zum Mitschaf aus.
Außerdem achtete Schaf darauf, dass Schafe, die sich weiterhin wie Schafe verhielten und damit den Wolf anlockten, ab sofort dem Rat der besorgten Oberschafe zu melden waren.
Die Medienschafe stimmten zu und wollten mehr Maßnahmen.
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Es vergingen mehrere Jahre, viele Jahre. Die zunächst kurzen, dann immer länger werdenden Zeiten der Neuen SchafNormalität wurden immer wieder verlängert. Bereits zu Beginn der Periode, im Jahr Null der Neuen Normalität, als die Wölfe weiterhin Schafe fraßen, mal mehr, mal weniger, wussten die Politik-, Medien- und Gesundheitsschafe, natürlich nur die Weißen unter ihnen, dass das Schafleben nie wieder so werden würde, wie es einmal war.
Einige schwarze Schafe warnten davor, dass das Leben nie wieder schafgerecht werde... Offensichtlich kollaborierten sie mit dem Wolf. Das konforme und ängstliche NeuNormSchaf nannte sie Wolfidioten.
Schon immer fraß der Wolf mehr weiße als schwarze Schafe, fanden weiße Statistikschafe heraus.
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Schafe lebten fortan nicht mehr als Herdentier, sondern weitgehend allein, Schafe gingen nicht mehr auf den grünen Deich, sie wanderten nicht mehr durch die Heidelandschaften, die Kuppen der Rhön kannten keine Schafe mehr. Das allgemeine Blökverbot wurde eingehalten, zunächst weil es unter Strafandrohung verboten war, dann, weil Schafe nicht mehr blöken konnten.
Herdenbildung wurde zunächst aus gleichen Gründen vermieden, dann, weil Schaf sich nicht mehr aufs Fell gucken konnte.
Die alte Schafsolidarität bekam den Inhalt der Neuen Normalität: Solidarisch ist, wer den anderen meidet. Unsolidarisch ist, wer glücklich mit anderen über grüne Wiesen läuft.
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Was machten die Wölfe? Sie fraßen Schafe. Einige Wölfe meinten, dass die vorher ausgelassener und glücklicher wirkenden Schafe besser geschmeckt hätten, aber - alte Wolfsweisheit - in der Not frisst der Wolf auch kranke Schafe.
09:50 21.10.2020
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