Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein

Corona Demonstrationen Die Distanzierung von linken Steinewerfern ist so notwendig wie von rechtsradikalen Reichskriegsflaggenträgern, oder hat die Linke das Monopol auf den ersten Stein?
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Schwarze Blocks von Maskenträgern – in diesem Punkt dem Rest ihrer Umwelt um Lichtjahre voraus, damals, in der alten Normalität – verteidigten sich gegen Polizeigewalt. Oder gegen Nazis, was im Falle des „faschistischen Polizeistaats“ keine größeren Differenzierungen erforderlich macht.
Jede ordentliche Verteidigung beinhaltet gelegentlich die Vorwärtsverteidigung.

Steine, Mollis, Schleudern, Schlagstöcke sind natürlicher Bestandteil von manch autonomer Verteidigungsstrategie, Waffen, die man nur nutzt, weil und wenn man sie rein zufällig dabei hat und von der Staatsmacht provoziert wird. Das wird man, sowie sie da ist, z.B. in Form von Polizei.
Provoziert die Staatsmacht ausnahmsweise mal nicht, muss man trotzdem die nun überflüssigen mitgebrachten Waffen abwerfen, man nimmt sie aus Sicherheitsgründen nicht wieder mit nach Haus. Das hat man von den Alliierten im antifaschistischen Kampf gelernt.

Ich war auf vielen Demos dabei, die letzten 44 Jahre. Gelegentlich habe ich sie mit organisiert, dazu aufgerufen, Bündnisse mit geschmiedet. Gegen Nazis, für Frieden, gegen AKWs, für demokratische Schülervertretungserlasse, für die Hafenstraße, für 35 Stunden, gegen späten Ladenschluss und Feiertagsarbeit…..

Zugegeben, ich war nicht 44, nicht einmal 40 Jahre durchgehend auf Demos, meistens musste und muss ich gewöhnlicher Erwerbsarbeit nachgehen, außerdem gibt es gelegentlich Urlaub.
Allerdings ist der Teil Lebenszeit, der mit Demos zu tun hat, deutlich größer als der Urlaubsanteil.

Auf etlichen Demos flogen Steine oder Anderes. Manchmal ging oder lief ich durch Straßen – ich bin so jemand der selbst bei großen Demos dauernd die Plätze wechselt und rund herum und zwischendurch läuft, schätze in der Kette meiner Wiedergeburten waren Hütehunde dabei – also lief ich durch Straßen, die schauten aus als wenn die dort gewütet hätten, gegen die ein Teil der selbsternannten Antifas gerade kämpfte, in ihrer Eigensicht.
Brennende Müllcontainer, kaputte Scheiben, umgestürzte und qualmende Autos, oder mit Springerstiefeln (dürfen Linke so was tragen?) überlaufene Autos, was nicht nur der gute alte Opel Kadett, eine damals äußerst populäre Bonzen-Schleuder, nicht so gut ab konnte.

Zu solchen Demos rief häufig ein sehr breites Spektrum auf. Grün, sozialdemokratisch, Umweltgruppen, Gewerkschaften, DKD, Antiimperialisten, später PDS, Linke….und viel mehr Gruppen, als ich jemals auswendig behalten werde. Echt anstrengend war – rein subjektiv: Die „Wichtigsten“ von denen – und irgendwie waren die alle wichtig – mussten immer mindestens einen Redner oder Rednerin stellen – dann lieber um Demos herumlaufen, dachte ich mir.

Zurück zu denen ohne Schuld, die Steine werfen dürfen, Mollis kannte das Neue Testament noch nicht.
Tausende demonstrierten zum Beispiel gegen Nazis, Naziveranstaltungen, Parteitage…..200 verwüsteten eine Nebenstraße, schießen Stahlkugeln oder werfen Steine auf Polizisten und Schaufensterscheiben. Offensichtlich demonstrierten da 9800 ganz normale Kolleginnen und Kollegen, Genossinnen und Genossen, Nachbarinnen, Nachbarn – dennoch passierte ganz schön viel Gewalt gegen Sachen und Menschen, eigentlich viel mehr als jetzt in Berlin, anlässlich der Anti-Maßnahmen oder Grundrechte Demos. Da gab es widerwärtige Symbole, die längst verboten gehören und viele Demonstrierende, eine ganz große Mehrheit die rein gar nichts damit zu tun haben - aber irgendwie die Distanz zu den Faschos nicht hinbekamen oder hinbekommen wollten? Das ist zu klären. Klar ist: Eine durchorganisierte IG-Metall Demo kann Unliebsame leichter aus ihren Reihen halten als lauter Unorganisierte und lockere Zweckgemeinschaften.

Zurück zu unseren Demos, den politisch korrekten Demos: Für BLÖD, aber nicht nur für BLÖD, für viele Medien, waren wir die Mitschuldigen wenn Steine und Mollis flogen, wir sind ja weder von der Demo weggegangen, noch haben wir die Steinewerfer aus der Demo entfernt, was vermutlich auch an unserer mangelnden Kampferprobheit gescheitert wäre.

Unsere linken, alternativen Medien, nicht so wahnsinnig einflussreich, entdeckten in der Regel provozierende Polizeigewalt – die es durchaus gab – Demonstrierende, die provoziert wurden und eben rein zufällig Brandsätze dabei hatten.
Außerdem schrieben sie, wie einige liberale oder linksliberale Blätter, oder manchmal kritische TV-Formate , dass eben die ganz große Mehrheit überhaupt nichts mit der in die Demo hereingetragen Gewalt zu tun hat.

Wir demonstrierten für die Hafenstraße und gegen Nazis. Mit Gewalt hatten wir nie irgendetwas zu tun, wir wandten sie nie an, waren mehrheitlich eher Pazifisten und Pazifistinnen als Befürworter_innen von gewalttätigen Lösungen. Wir verwahrten uns gegen die Verantwortung oder Schuld, wir waren ja ohne.

Werten wir nun die Grundrechtedemos oder Maßnahmen-Kritik Demos genauso wie bisher „unsere“ Demos? Verteidigen wir das Recht auf abweichende Meinung und verwahren uns dagegen, dass 50.000 Menschen Nazi-Sympathien unterstellt werden, weil ein paar Hundert Faschos dort rumlaufen? Ungebeten, von der Mehrheit, die allerdings auch nicht weiß, wie sie die loswerden soll. Wobei polizeiliches Einschreiten bei Verwendung von Nazisymbolik ja möglich oder sogar notwendig gewesen wäre. Gegen die Nazis, nicht gegen alle.

Warum waren und sind wir ohne Schuld, wenn von unseren Demos Gewalt von einer ganz kleinen Minderheit ausging, warum sind die Anderen schuldig, wenn dort von einer kleinen Minderheit Reichskriegsflaggen getragen werden? Warum wenden wir dort den Selbsttäuschungs-Trick an, unter dem Rest seien ebenfalls viele Spinner und Bekloppte, dass im Grunde alle Spinner und Bekloppte sind, die Kritik an den Maßnahmen haben und daher gar nicht so wirklich Anspruch auf Grundrechte haben, für die sie ja nur „angeblich“ demonstrieren?

Verhalten wir uns mehrheitlich nicht anders als jene, die z.B. den Friedensdemos der 80er unterstellten, den größten Demos in der deutschen Nachkriegsgeschichte, das alles sei die 5te Kolonne Moskaus?
Ein wirres Bündnis von Spinnern und Kommunisten, die für ihre Zwecke naive Promis und andere naive Mitbürger und Mitbürgerinnen vor ihren Karren spannen.

Mich bewahrt nicht Besserwissen vorm Steinewurf, dem tatsächlichen oder rhetorischen Steinewurf, sondern das Wissen, dass ich nicht ohne Verantwortung bin, für die Dinge die ich tue und tat.
Wer von Euch/uns ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein.

08:44 08.09.2020
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