We are Islanddottirson

Begeisterung Die Deutschen flippen völlig aus wegen monotoner Klatschrituale - warum?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Bummbumm , klatsch, gespannte Pause, bummbumm, klatsch. Ja, das ist toll. Weils alle verbindet, an die es gerichtet ist. Aber warum flippen wir deshalb so aus?Warum wollen wir das auch?Was wollen wir denn nun sein?Individualisten, die auf hohem diskursiven Niveau sich zu konkreten gesellschaftlichen Themen zusammentun, diese hin-und herwiegen und -wägen und dann gemeinsam was anschieben oder eine Masse, die brav dem Vortrommler folgt in den immergleichen Rhythmus: langsam, schneller, aufgelöst und entspannt jubelnd. Natürlich völlig überladen : Choreographiertes Gemeinsam-Klatschen bei unerwartetem Fußballerfolg steht nicht alternativ zu schwierigen, erstmal disparaten gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen. Aber dennoch, warum gefallen uns die synchronisierten unterlegenen Isländer besser als die freestyle jubelnden Franzosen? Diese underdog-Liebe zur Mannschaft und der homogenen Fanmasse, die ihrer tapferen Truppe, unbeirrt vom Misserfolg, Klatschorgien schenkt?

Weil wir uns einfach auch mal wieder gut verstehen wollen. Und einfach mal ausruhen vom Entscheiden. Das geht aber nicht. Mal kurz dieser Tage vor dem Fernseher, ja, aber dann wieder nicht mehr. Unsere Gesellschaft ist beispiellos zerrissen in einer mitteleuropäischen Gefühls-und Meinungslage. Die Pole sind: Helfen oder hart bleiben? Ehrenamt oder Egoismus? Zuneigung oder Zäune? Sparen oder sponsern? Macht oder Mediation? Linke Merkel oder rechter Gabriel? Niemals waren wir vor solche harten und andauernden Bekenntnisherausforderungen gestellt. Nie war das Politische so privat, nie das Private so unausweichlich politisiert. Kein unbehelligter Platz nirgends. Alles unter Feuer, alles im Stahlbad der Selbstpositionierung.

Deshalb gefallen uns die Klatschereien der Isländer. Weils so einfach ist und herzerwärmend gemeinsam. Die auf ihrer Insel. Hätten wir nur auch Solidarität fordernde und fördernde Vulkane und Erdbeben. Das wäre jetzt gerade mal wunderbar.

11:37 05.07.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stephanie Faust

Everything we hear is an opinion, not a fact. Everything we see is a perspective, not the truth. (Marc Aurel)
Schreiber 0 Leser 1
Avatar

Kommentare 1