Himmlisches Gesicht

BRIEF AN DEN PEN Der serbische Dichter Stevan Tontic plädiert in einem Brief an das deutsche PEN-Zentrum gegen den Krieg der NATO

Während des Krieges in Kroatien und Bosnien - ich blieb fast ein Jahr in Sarajevo, bis ich endgültig von dort fliehen mußte (und bin bis heute »auf der Flucht« in Deutschland, gezwungenermaßen getrennt von meiner Frau, die ihr Flüchtlingsleben in Belgrad führt) - habe ich alle Kriegsparteien scharf kritisiert und ständig gegen den Wahnsinn des Mordens und des Zerstörens protestiert. Die schärfste Kritik richtete ich gegen die serbischen Kräfte, die Sarajevo belagerten und bombardierten, weshalb ich von ihnen als »Verräter«, »kein richtiger Serbe« und »Kollaborateur der muslimischen Regierung« gebrandmarkt wurde. Und aus manchen muslimischen Kreisen, die bis heute die Fatwa gegen Rushdie rechtfertigen, wurde ich wegen »mangelndem bosnischem Patriotismus« gerügt und »auch bloß ein Serbe« genannt. Damit will ich jetzt nur eines sagen: Ich habe meine kleine menschlich-dichterische Legitimation, auch heute gegen alle Kriegstreiber zu protestieren, und besonders gegen die NATO. Die NATO braucht für ihre Aggression gegen Jugoslawien zwar keine Legitimation: Sie handelt aus höchst moralischen Gründen! Trotzdem, ich lehne die »humanitären« Bomben ab! Die Bomben können nur töten und zerstören, die Tragödie der jugoslawischen Bevölkerung (Albaner, Serben und anderer) ins Unendliche treiben. Und Bomben hinterlassen nur Tote, Trümmer und Angst - ich persönlich muß bis ans Ende meines Lebens versuchen, mich von dieser Angst zu heilen.

Um einen Diktator aus der Welt zu schaffen, genügte traditionell eine Bombe oder eine Kugel. Jetzt will man ein ganzes Leben kaputtmachen, die endgültige Kapitulation der jugoslawischen Regierung erzwingen, um auch dort einen Garten der Menschenrechte und Demokratie aufbauen zu können. Das geht natürlich nicht mit dem dortigen Diktator, dem »neuen Hitler«, mit dem man sich noch bis vor kurzem wunderbar zu arrangieren pflegte. Jetzt aber heißt es, man müsse ihn und sein Land besiegt haben, wenn die NATO ihr himmlisches Gesicht nicht verlieren wolle. Und deswegen verlangen die französischen »neuen Philosophen«, zusammen mit manch einem deutschen Dichter, unbedingt weiter zu bombardieren. Nicht zaudern!, ruft A. Glucksmann.

Ich habe Angst nicht nur vor Bomben und nicht nur vor Diktatoren, sondern auch vor der Philosophie, die nicht zaudern will.

O elende Philosophie, die du nicht zaudern darfst! Selbst NATO-Generäle zaudern ab und zu. Ein Philosoph dagegen nicht!

O arme Denker und Dichter, Vorläufer aller künftigen militärischen Interventionen! Eure Moral geht für meinen Geschmack zu hoch und zu weit, und ich, der ich immer zaudere und mich selbst in Frage stelle, ich kann damit nichts anfangen, ich kann euch nicht folgen.

Dennoch, liebe Kolleginnen und Kollegen, lassen Sie uns niemandem das Recht auf seine Irrtümer bestreiten!

P.S.: Diesen Brief hatte ich am Morgen des 6. Mai an die Bremer Pen-Tagung geschickt, wo er aber aus unklaren Gründen nie ankam. Inzwischen haben die Zerstörungen und sogenannten Kollateralschäden ein solches Ausmaß angenommen, daß ich meine Empörung über die sinnlose und rechtswidrige NATO-Intervention nicht mehr in einen Brief fassen kann; mein Protest würde ein ganzes Buch verlangen.

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