Der Mann, der nichts zu verbergen hatte

Der Gefangene John Grisham beschreibt die Geschichte eines Mannes, der unschuldig zum Tode verurteilt wurde. Auch wenn es befremdlich erscheint, können gerade wir daraus lernen.
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Der Mann, der nichts zu verbergen hatte

Foto: GENT SHKULLAKU/ AFP/ Getty Images

Lesen gehört zu meiner Lieblingsbeschäftigung. "Keine Zeit" ist für mich keine Ausrede, egal ob auf dem Klo oder kurz vorm Einschlafen, ein paar Seiten schaffe ich immer. Einer meiner Lieblingsautoren ist dabei John Grisham, schon seit meiner Jugend bin ich begeisterter Leser seiner Anwalts- und Justizthriller. "Der Regenmacher" ist eines meiner Lieblingsbücher überhaupt.

Nun hatte ich die Gelegenheit in den letzten Tagen eines seiner neueren Werke namens "The Innocent Man" (dt.: "Der Gefangene") wieder zu lesen. Das Buch beschreibt die Geschichte eines Mannes namens Ron Williamson, im Jahr 1953 in Ada, Oklahoma (USA) geboren. Er wuchs in einer typischen, amerikanischen Kleinstadtfamilie auf und entwickelte ein Talent für Sport, insbesondere Baseball. In seiner Jugend galt er als einer der besten Spieler des Bundesstaates und seine Zukunft als Sportler schien gesichert. Doch schon bald musste er feststellen, dass er dem Anspruch eines Profis nicht gewachsen war. Es folgten lange Nächte in Bars, Missbrauch von Alkohol und anderen Drogen und, damit einhergehend (oder auch daraus resultierend) eine dramatische Verschlechterung seines geistigen Zustands.

Psyschisch krank und unschuldig

Am 8. Dezember 1982 wurde Debbie Carter, eine junge Frau aus Ada, vergewaltigt und ermordet in ihrer Wohnung aufgefunden. Durch eine belastende Aussage von Glen Gore (dem wahren Mörder, wie sich später herausstellen sollte), gerieten Ron Williamson und sein Freund Dennis Fritz unter Verdacht. Aus verschiedenen Gründen schienen die Polizei und die Staatsanwaltschaft sich auf diese beiden zu fixieren. Fünf Jahre nach dem Mord wurden die beiden verhaftet und angeklagt.

Der Bericht über die Verhandlung ist besonders krass. Fadenscheinige Beweise, Lügen, Denunzianten aus dem Gefängnis, unfähige Anwälte und Richter, schlechte Presse und vieles mehr führten im Jahr 1988 dazu, dass Fritz mit lebenslänglicher Haft und Williamson zum Tode verurteilt wurden. Williamson wurde nach McAlester in den Todestrakt gebracht, in dem unmenschliche Konditionen für Gefangene herrschten. Wie schlimm muss es erst sein, wenn man weiß, dass man unschuldig ist? Für Williamson war dies die Grenze: schon vorher mit der geistigen Gesundheit kämpfend, verlor er während der Inhaftierung fast komplett den Verstand. Daraus folgten körperliche Schäden durch mangelhafte Hygiene, zu wenig Essen und Selbstverletzung.

Fünf Tage vor seiner Hinrichtung wurde eben diese durch einen habeas-corpus-Antrag verhindert. Seine Pflichtverteidiger arbeiteten unermüdlich, um zu beweisen, dass Williamson keinen gerechten Prozess bekam und womöglich unschuldig war. Letztendlich konnten er und Fritz durch die neu entdeckte Methode der DNA-Analyse komplett entlastet werden. Beide kamen nach elf Jahren in Haft endlich frei, jedoch schwer geschädigt von ihrer Zeit hinter Gittern. Fritz schaffte es, sich wieder aufzurappeln, Williamson jedoch hatte nicht so viel Glück: die Jahre unschuldig in der Todeszelle hatten seine geistige Gesundheit endgültig zerstört. Er konnte nicht länger als ein paar Monate an einem Ort leben, kam alleine nicht mehr zurecht und starb schließlich in einem Pflegeheim im Alter von gerade einmal 51 Jahren an einer Leberzirrhose, wahrscheinlich als Folge des jahrelangen Alkoholmissbrauchs.

Leider keine Fiktion

Eine unglaubliche und schockierende Geschichte, und wie ihr vielleicht schon an den vielen Fakten gemerkt habt, ist sie auch wahr. "Der Gefangene" ist Grishams erstes, nicht-fiktionales Werk. Wer die Abgründe von Exekutive und Judikative ergründen möchte, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen. In diesem Beitrag möchte ich jedoch besonders auf die "Beweise" eingehen, die Polizei und Staatsanwaltschaft vorbrachten, um die beiden hinter Gitter zu bringen.

Zu einem muss man dabei die Haaranalyse erwähnen, ein sehr fehleranfälliges Gebiet der Wissenschaft. Alleine anhand der Beschaffenheit der Haar lassen sich allemal ethnische Gruppen unterscheiden, jedoch keine einzelnen Personen. Der Sachverständige jedoch sprach vor Gericht von Haaren, die "mikroskopisch gesehen von derselben Quellen stammen könnten" und teilweise sogar "identisch" seien. Er belastete damit die beiden Angeklagten ungemein. Dass die beiden Haarproben beide genauso entlasteten, weil man bei weitem nicht sicher sein konnte, dass sie von ihnen stammten, erwähnte er nicht. Eine weitere Ungereimtheit, gefällig? Als die Haarproben im Labor ankamen, stand auf denen von Fritz und Williamson groß das Wort "Verdächtiger". Der Sachverständige brauchte mehrere Monate und änderte seine Meinung mehrmals über diese Proben, widersprach sich selbst und änderte seine Meinung wieder. Sicher war er im Anschluss aber, dass mehrere am Tatort gefundene Haare von Fritz und Williamson stammten. Für dieses Ergebnis brauchte er mehrere Monate, die restlichen Proben schaffte er dagegen in wenigen Wochen, sodass er rechtzeitig zum Prozess ein Gutachten vorlegen konnte.

Eine weitere Unstimmigkeit ist ein blutiger Teilabdruck einer Hand, der am Tatort gefunden wurde. Nach dem ersten Gutachten stammte dieser weder von Fritz noch von Williamson und auch nicht vom dem Opfer, Debby Carter. Also musste er zum wahren Mörder gehören. Das war natürlich unglücklich für die Ermittler, die sich ihre Verdächtigen schon ausgesucht hatte. Als ein paar Jahre nach dem Mord immer noch keine neuen Beweise gefunden wurden, kam man urplötzlich auf die Idee, die Leiche des Opfers exhumieren und einen neuen Handabdruck nehmen zu müssen. Wäre ja möglich, dass sich der Sachverständige damals geirrt hat. Und siehe da, nach einer erneuten Untersuchung kommt dieser zu dem Schluss, dass der blutige Handabdruck doch vom Opfer stammt! Glück für die Ermittler, jetzt konnte man Fritz und Williamson zur Rechenschaft ziehen.

Dazu kamen, wie schon erwähnt, eine Masse an Falschaussagen von Spitzeln im Gefängnis, die angeblich Geständnisse und ähnliches von Fritz und Williamson während ihrer Zeit in Untersuchungshaft gehört haben wollen. Dass einige davon schlicht erlogen waren, war eigentlich offensichtlich. Bspw. sagte eine Frau aus, sie hätte Williamson beim Telefonieren gehört, obwohl weibliche und männliche Gefangene strikt getrennt wurden und sie nicht einmal in seiner Nähe sein konnte. Doch aufgrund von Drohungen und Versprechungen, die eigene Strafe würde gemildert werden, fanden sich viele Häftlinge, die nur allzu bereit zum Lügen waren.

Heutzutage gibt's sowas nicht mehr!

Nun könntet ihr euch zu Recht fragen, warum ich so detailliert den Inhalt abgehandelt habe. Als ich das Buch zum ersten Mal las war ich schockiert, wie systematisch Menschen von staatlicher Seite verfolgt und die Enge getrieben wurden, in einem Land, das als Vorbild der Demokratie der Neuzeit galt. Ein Unschuldiger wurde beinahe getötet, aus Gründen, die einem normalen Menschen unverständlich bleiben. Wollte die Staatsanwaltschaft einfach ihren Ehrgeiz befriedigen und den Fall zu Ende bringen? Wurde der Druck des ungelösten Mordfalls in einer Kleinstadt zu groß? Versuchte die Polizei die Angelegenheit zu vertuschen, weil sie Angst hatte, dass herauskommen könnte, dass Glen Gore in Ruhe gelassen wurde, weil er ihnen Drogen verkaufte (nach eigener Aussage)?

Mein erster Gedanke war: "Gut, dass es heute moderne Ermittlungstechniken gibt und das Fabrizieren von Beweisen nicht mehr so einfach ist." Doch, und das ist mir nach erneutem Lesen des Buchs in den Sinn gekommen, stimmt das wirklich?

Die Antwort lautet: Nein, im Gegenteil. Gerade durch umfangreiche Überwachung und Spionage, durch das Sammeln von Massen an Daten ist es gerade einfach, "belastendes" Material zu finden. Es ist genau der Fall, der von Überwachungsgegnern (wie ich selbst einer bin), immer wieder angeführt wird: Wer Daten sammeln kann, kann sie auch manipulieren. Wie einfach wäre es bspw. anhand von Verbindungsnachweisen meines Telefons festzustellen, dass ich mich zum Zeitpunkt eines Mordes in der Nähe des Tatorts aufgehalten habe? Wie einfach wäre es, herauszufinden, dass ich kurz vor dem Mord mit dem Opfer in Kontakt stand? Vielleicht sogar einen Streit mit ihm und damit ein Motiv hatte? All das sind nur Indizien, aber man muss den Ermittlern nicht einmal bösen Willen unterstellen, wenn man deswegen ins Fadenkreuz genommen wird.

Rechnet man dann noch den bösen Willen in diese Gleichung mit ein, sitzt man wahrscheinlich schneller in Haft und wartet auf seinen Prozess, als man glauben kann. Wenn dann noch von der BILD Schlagzeilen mit den Wörtern "Mörder" und "Kinderschänder" und ganz vielen Ausrufezeichen verbreitet werden, geht es nur noch um offizielle Schuld oder nicht, gebrandmarkt ist man auf jeden Fall.

Mir ist natürlich klar, dass ich damit das absolute Horrorszenario beschreibe. Aber ich bin mir sicher, dass so etwas, wenn auch vielleicht nicht in ganz so krassem Ausmaß, schon öfters passiert ist. Korruption, Geld und Machterhalt sind überall zu finden, auch bei Polizei, im Justizapparat und in der Politik. Für letztere würden sich solche Methoden sogar anbieten, um bspw. unliebsame Meinungen zum Verstummen zu bringen. Wenn man lange genug wühlt, findet man überall Dreck und je größer der Haufen, in dem man wühlen kann, desto mehr findet man.

Soweit muss man auch gar nicht gehen: Bestes Beispiel dafür ist Johannes Niederhauser, der vor kurzem seine eigene Erfahrung mit den amerikanischen Behörden gemacht hat. Diese wussten plötzlich, wie sein Künstlername lautete, bei welchen Veranstaltungen er (kostenlos) auftreten wollte und verweigerten ihm nach einiger Einschüchterung die Einreise, angeblich wegen einer nicht angemeldeten Geschäftsreise.

Es passiert, nur nicht mir

Sich nicht betroffen fühlen ist einfach. Die meisten Menschen sind davon auch nicht betroffen. Könnten es aber sein. Und das ist der Grund, warum man sich gegen die Überwachung wehren muss. Warum man seine Grundrechte verteidigen muss. Komplette Überwachung erhöht scheinbar die Sicherheit, dabei kommt in dem Fall die Gefahr von einer ganz anderen Stelle: den Überwachern selbst. Wenn Großkonzerne wie Google, Facebook und Microsoft Daten sammeln, ist das schon mehr als bedenklich. Wenn Staaten es in einem noch größeren Ausmaß betreiben, ist es gefährlich. Für viele vielleicht sogar lebensgefährlich, wie der Fall Ron Williamson zeigt.

Es ist einfach, diesen Tatsachen den Rücken zuzukehren. Hear no evil, see no evil, speak no evil. Doch das Ignorieren von Problemen, so angenehm das auch manchmal sein kann, hilft nicht dabei, sie zu lösen. Vor allem nicht Probleme von solcher Bedeutung.

Ich habe nichts zu verbergen! Solange ich nicht betroffen bin, zumindest. Doch wenn man erst einmal in die Lage eines Ron Williamson gebracht wurde, ist bereits zu spät. Egal, wie viel man wirklich zu verbergen hatte oder nicht.

Quellen:

John Grisham - The Innocent Man: Murder and Injustice in a Small Town (deutsch: Der Gefangene)

Ron Williamson - Wikipedia

The Innocence Project(man beachte das Bild von Williamson, das kurz nach seiner Entlassung aufgenommen wurde - er war zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 46 Jahre alt, sah aber aus wie über 60)

16:55 15.10.2013
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Geschrieben von

Steve König

Männlich, 24 sucht Demokratie zum zusammen alt werden. Ernsthafte Absichten sind ein Muss.
Steve König

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