Heul doch!

Bühne Vanessa Stern gründete 2010 das "Krisenzentrum für weibliche Komik". Ihr neues Stück "Das Kapital der Tränen" beweist einmal mehr, dass Frauen sehr wohl Humor haben

1981 ist Vanessa Stern mit ihren Eltern im Winterurlaub. Die fünf-Jährige soll mit ihrer Skigruppe zu einer nahe liegenden Piste fahren. Weinend winkt Vanessa ihrer Mutter zum Abschied. Die Skilehrer ahmen sie nach, rufen heulend „Mama, Mama“ und die Mutter findet’s komisch.

Ein Kind heult und die Mutter lacht, das ist die freudsche Urszene, die Sterns neuem Stück Das Kapital der Tränen an den Sophiensaelen in Berlin zugrunde liegt. Fünf Mitstreiterinnen hat sich die umtriebige Schauspielerin gesucht, um mit ihnen gemeinsam die Beziehung zwischen Tränen und Komik unter die Lupe zu nehmen. Stern ist in der Berliner Szene keine Unbekannte: 2010 hat sie ein Krisenzentrum für weibliche Komik eröffnet, in dem sie zum Thema Bewältigung von Krisen durch Komik berät. Und alle zwei Monate veranstaltet sie in den Sophiensaelen die Performance-Abende La dernière crise, Frauen am Rande der Komik.

Heulen als Handwerkszeug

Nun also spielen sie die Hauptrolle, die Tränen. Kapital der Tränen berichtet von den Anforderungen des Schauspielerinnenberufs in mehreren Episoden anhand der Erfahrungen der Darstellerinnen. Denn auch erwachsene Frauen heulen. Vor allem, wenn sie Schauspielerinnen sind. Da wird Heulen als Handwerkszeug vorausgesetzt und von Regisseuren eingefordert: „ Und dann heulst du richtig los!“ Tränen sind die Arbeitskraft die frau verkaufen muss, um ihre Brötchen zu verdienen. Die eigenen Biografien sind der überreiche Fundus, der zeigt, was man in diesem Beruf als Frau alles zu erleiden hat: Sie wurden erschossen, stranguliert, vergewaltigt, wurden zur Kinds- und Vatermörderin und mussten auf der Bühne oder im Film ohne Ende Tränen vergießen.

Anstatt ihr Schicksal und die immergleichen Opfer-Rollen, die da verlangt werden, erwartungsgemäß zu beflennen, haben die sechs ihre beruflichen Krisen genommen und daraus ein Theaterstück gemacht. Denn bekanntlich kann ja alles, was erst einmal furchtbar erscheint, durch verbale und dramatische Bearbeitung ziemlich komisch werden. Valerie Oberhof wurde auf der Bühne ganze 178 mal umgebracht, Elisabeth Baulitz musste vor Jürgen Vogel auf ihren Busen heulen, Vanessa Stern hat sich bei einer Oralsex-Szene mit Champagner Flasche in Ibsens Gespenster den Schneidezahn abgebrochen. So ein Schauspielerinnenleben ist ganz schön absurd.

Die dramaturgische Klammer für alle Episoden bilden die geplanten Guerilla-Heul-Aktionen der sechs Schauspielrinnen, bei denen sie urplötzlich und ohne Grund an öffentlichen Plätzen in Tränen ausbrechen wollen. Tränen einmal nicht warenförmig wie im Theater, sondern Heulen um des Heulens selbst Willen, als politisch-situationistische Aktion.

Keine Rolle außer Sams

In erster Linie ist das Stück natürlich eine Persiflage auf das Theater selbst. Aber auch Zuschauer, die sich in der gymnasialen Oberstufe das letzte Mal gezwungenermaßen mit Emilia Galotti beschäftigt haben, dürften Spaß beim Zitate- und Stücke-Raten haben.

Vanessa Stern hat einmal berichtet, dass die einzige komische Rolle, für die sie engagiert wurde, die des Sams war. Das ist zwar eine lustige Figur, aber bekanntlich keine Frau. In Kapital der Tränen können Frauen nun endlich mal als Frauen lustig sein. Der Humor, der geboten wird, ist glücklicherweise nicht die Art von weiblicher Stand-Up-Comedy, bei der Komikerinnen über andere Frauen herziehen. Das Stück macht sich vielmehr lustig über die Rollen, die Frauen nicht nur in Romanen, Filmen und im Theater immer wieder zugeschrieben werden und ist dabei ehrlich genug zuzugeben, dass Frauen an ihrem Heul-Image gerne selbst mitbasteln. Denn Stolz auf ihr perfektes Schluchzen, Plärren und Kreischen sind die Darstellerinnen natürlich schon.  

Das Kapital der Tränen, von und mit: Eva Löbau, Stefanie Frauwallner, Stephanie Petrowitz, Valerie Oberhof, Elisabeth Baulitz und Vanessa Stern; 
Regie:Vanessa Stern

 

Noch bis zum 3. Oktober 2012 täglich in den Sophiensaelen, Berlin

14:31 28.09.2012
Geschrieben von

Stina Hoffmann

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