„So früh, wie’s geht“

Gender Gap In der Türkei ist der Frauenanteil in IT-Berufen deutlich höher als hierzulande. Fatma Batur hat untersucht, woran das liegt
„So früh, wie’s geht“
Informatik kann sehr abstrakt sein - das muss aber nicht heißen, dass das Frauen nicht gefällt

Illustration: Der Freitag, Foto: Privat

Der Freitag: Frau Batur, in Ihrer Studie zeigen Sie, dass deutsche Mädchen gute Voraussetzungen hätten, ein Informatikstudium zu wählen. Sie haben oft eigene Computer, IT-Lehrerinnen als Vorbilder und halten sich auch für begabt. Dennoch wählen sie andere Fächer. Wieso?

Fatma Batur: In erster Linie handelt es sich um ein soziokulturelles Problem. Meine Familie stammt aus der Türkei, wo Berufe zum Beispiel eher geschlechtsneutral gesehen werden. Wenn ein Mädchen einen Ingenieursberuf erlernen möchte, ist das selbstverständlich. Ich habe Informatik studiert, meine Schwestern Elektrotechnik und Biologie.

Das sahen Ihre Eltern nicht als ungewöhnlich an?

Nein, zu Hause wurden unsere Studienfächer nie thematisiert. Erst als ich in Münster an die Uni kam, habe ich gedacht: Hier sind ja nur drei, vier Mädchen im Studiengang. Vorher habe ich diese Problematik überhaupt nicht gekannt. In den USA, in San Diego, wo ich ein Austauschsemester gemacht habe, war es dasselbe: Wenn Frauen dort Informatik studierten, dann waren das Studentinnen aus Indien. Es gibt da große Unterschiede zwischen westlichen und arabischen oder asiatischen Ländern.

Aber warum wählen so wenige junge Frauen in Deutschland ein Informatik-Studium?

Ich habe diese Frage vielen Frauen gestellt. Ein Großteil hat angegeben, dass sie kein Interesse an Informatik haben und dass sie keine Lust hätten, den ganzen Tag am Computer zu sitzen.

Wie erklären Sie sich dieses Desinteresse der jungen Frauen, die ja fast alle Computer benutzen, Facebook-Profile haben und viel Zeit im Internet verbringen?

Viele junge Mädchen sind im Umgang mit Computertechnik sehr selbstsicher. Die Computer- oder Smartphone-Nutzung ist selbstverständlich und gehört zu ihrer Freizeit, aber Informatik wird als etwas Abstraktes angesehen, und das, so ihre Annahme, gefalle ihnen sicher nicht.

Wie sehen demgegenüber Mädchen in der Türkei den Beruf?

Überraschend für mich war, dass türkische Mädchen eigentlich nie Programmieren im Zusammenhang mit Informatik genannt haben. Oft hatten sie nur sehr vage Vorstellungen, was für Tätigkeiten ein Informatiker ausübt. Das war im Kontrast zu den deutschen Schülerinnen auf-fällig, die alle angaben, dass ein Informatiker Programmieren muss. Deutsche Schülerinnen sehen den Beruf aber nicht kreativ, sondern rein technisch.

Zugespitzt gesagt: Wenig über den Beruf zu wissen, ist besser, als falsche Vorstellungen zu haben. Wie könnte man die negativen Bilder aufbrechen?

An den Universitäten sollten die Lehrpläne vielfältiger werden, indem man in den Seminaren oder Praktika inhaltlich mehr bietet als Programmieren. Wenn die Studiengänge noch attraktiver wären, was Thematik und Vielfältigkeit angeht, würden sich sicher mehr Frauen dafür begeistern. Die Zusammenarbeit mit Fachbereichen wie Medizin oder Biologie sollte ausgebaut werden.

Sie haben auch die Unterschiede zwischen Schülerinnen und Schülern in Deutschland und der Türkei verglichen. Welche Differenzen zeigten sich da?

Wenn sich deutsche Schülerinnen für Informatik entscheiden, dann nur aus einer intrinsischen Motivation heraus: weil es sie interessiert. Für türkische Schülerinnen und Schüler sind auch äußere Gründe wie Aufstiegschancen und das Ansehen des Berufs wichtig. Das Bild des Informatikers war bei türkischen Jungen und Mädchen ähnlich. Beide beschrieben den Beruf als kreativ. Bei den deutschen Schülern ist das Bild nicht so positiv, der Begriff Nerd wird aber vor allem von Mädchen genannt.

In Deutschland richtet sich die Kampagne „Komm mach MINT (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik)“ an junge Frauen, um sie für technische Fächer zu begeistern. Könnte das ein Weg sein?

Vorbilder sind immer gut. Das Problem ist aber, wenn ich einer Oberstufenschülerin eine Informatikerin vorstelle, ist es eigentlich zu spät. Die Bilder haben sich schon so verfestigt, dass man sie durch solche Begegnungen oft nicht mehr aufbrechen kann. Die Kampagne sollte sich außerdem nicht nur an junge Frauen richten, sondern auch an junge Männer. Ich denke, dass man mit der Computererziehung und mit der Vermittlung der Berufsbilder so früh wie möglich anfangen sollte. In der Grundschule im Sachkundeunterricht zum Beispiel.

Werden Kinder in der Türkei früher an Informatik herangeführt?

Informatik war jahrelang in der Türkei ab der ersten Klasse Pflichtfach. Das ist vor allem ganz einfache Computer-Bedienung. Den Schülern wird dadurch früh die Angst vor der Technik genommen, so dass sie bis zur achten Klasse immer komplexere Themen erarbeiten.

In Deutschland kann man ja erst später einen Informatikkurs wählen, aber gibt es auch Unterschiede in Lehrinhalten?

Zurzeit gibt es sogar innerhalb von Deutschland sehr starke Unterschiede. Es gibt Schulen, in denen die Schüler schon ab der fünften Klasse in AGs mit Computern arbeiten können. Aber es gibt auch Schulen, die erst in der Oberstufe Informatik anbieten. Weil viele Lehrer durch Zertifikatskurse oder als Quereinsteiger zu diesen Fächern gekommen sind, ist die Qualität sehr uneinheitlich.

Und was kann Deutschland da von der Türkei lernen?

Dem falschen Bild des Computer- Experten, das die Medien vermitteln, sollte etwas entgegengesetzt werden. In der Türkei ist der Begriff Nerd überhaupt nicht verbreitet, weil die türkische Filmbranche sehr groß ist und Hollywood-Produktionen so gut wie keinen Einfluss haben. Aber auch die frühe Bildung halte ich für sehr wichtig. Denn jeder sollte den Beruf ergreifen können, zu dem er sich berufen fühlt, egal ob Mann oder Frau. Das ist ein Verständnis, das hier in Deutschland leider manchmal fehlt. In einigen Dingen ist man hier vielleicht konservativer als in der Türkei.

Fatma Batur, 26, hat Mathematik und Informatik auf Lehramt an der Universität Münster studiert. Am Lehrstuhl für Didaktik der Informatik arbeitete sie beim Projekt „Informatik für Frauen“ mit. In ihrer Masterarbeit verglich sie die Einstellungen von deutschen und türkischen Schülerinnen gegenüber dem Studiengang Informatik. Zurzeit macht sie ihr Referendariat.

09:00 21.10.2012
Geschrieben von

Stina Hoffmann

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