Mein Leben als Hund

Biographie Wie ich als Straßenhund dem Elend auf dem Balkan entkam und nun in Deutschland den Wohlstand genieße, dank Superweibchen.
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Foto: Strassenhund | Quelle: Strassenhunde Fanpage bei Facebook | Lizenz: CC BY 3.0 (eigenes Foto)

Vor etwa zwei Jahren nahm mein Leben eine spektakuläre Wendung. Ich begegnete Emma, die damals in der Türkei ihren Urlaub verbrachte. Sie behauptet heute es sei Liebe auf den ersten Blick gewesen, wobei ich dies als ein weit überschätztes menschliches Phänomen betrachte. Wir begegneten uns und was unsere Beziehung anfachte, war der Umstand, dass Emma Sandwiches im Rucksack hatte.

Ich beobachtete sie seit Tagen, da sie, wenn sie gerade nicht schwamm (sie tat das ausschließlich der Fitness wegen) wie sie sagt, immer las. Das heißt, nicht immer, manchmal musterte sie auch die Gesäßpartien des Kellners, aber nur kurz und unauffällig; es sollte kein falscher Eindruck entstehen. Allerdings wusste sie nicht, dass die Augen des Restaurantpersonals aufmerksamer beobachten als die Stasi es tat, bevor sie in den vorzeitigen Ruhestand geschickt wurde.

Der Strand, an dem Emma lag, war Teil meines Reviers, jedoch auch eine Art Sperrgebiet für uns Köter. Im Sommer, wenn die Touristen ihre Leiber quälten, mussten wir einen Bogen um die SM-Zone machen. Okan, der Hotelbetreiber mochte Hunde ansonsten. Sein Rottweiler saß zwar meistens im Zwinger, aber an seinen hellen Tagen, nachdem er ein oder zwei Gläser Raki intus hatte, kam er mit einem Riesentopf Essensresten und verwöhnte mich und meine Genossinnen.

Mit einem Zahnstocher im Mund sah er uns dann beim Fressen zu und fand, dass er ein ganz toller Hecht sei. Wie dem auch sei, manchmal gab es richtig leckere Sachen, Reste der Touristen, die –Allah sei Dank- überwiegend auf Diät waren und entsprechend viel blieb für uns übrig.

Das Leben in der Türkei war im Großen und Ganzen angenehm. Manchmal warfen Einheimische Steine, oder Kinder ärgerten die Kleinwüchsigen unter uns, aber dies war weiter nicht schlimm, weil wir wiederum unsere Aggressionen an die Katzen weitergaben. Es war eine Art Sport für Vierbeiner. Dazwischen hatten wir ganz viel Zeit uns der Meditation, wie ihr es nennt, hinzugeben.

In der Nähe des Hotelstrandes war eine kleine kühle Höhle, wo ich tagsüber meist lag, denn dieser Zufluchtsort blieb immer von der sengenden Sonne verschont. Zudem hatte ich von dort aus den ganzen Strand im Blickfeld. Immerhin näherten sich manchmal fremde Hunde und denn galt es Grenzen zu ziehen und sie in ihre Schranken zu weisen. Außerdem hatte ich von dort den Restauranthinterausgang im Blickfeld, samt Okan.

„Gott, wie süß“. Ich hörte diesen Satz bei Menschen öfter, wenn sie in meine Richtung schauten. Türken hingegen benutzten eher „git!“, was so viel wie „hau ab“ bedeutet. Den Kulturunterschied erkläre ich damit, dass Türken meist ein halbes Dutzend Münder zu stopfen haben. Deshalb fallen hungrige Bastarde –wie ich- nicht in die Kategorie süß, sondern eher ins Schema Fresskonkurenz.

Als Emma ihren Sonnenbrand erreicht hatte, verließ sie den Strand und entdeckte mich und dies war angeblich der magische Moment. Aus Erfahrung wusste ich, dass Menschen unberechenbar sind. Die Psyche der Touristen ist zwar leichter zu durchschauen, doch es ist stets ein Wagnis. Menschen stehen unter dem Joch ihres Verstandes und dieser ist für uns Hunde das größte Rätsel dieser Welt.

Menschen essen beispielsweise nicht wenn sie hungrig, oder legen sich ab, wenn sie müde sind, sondern hören meistens auf ihren Verstand, der sich Wiederum an Ratgebern und ähnlichen dubiosen Quellen orientiert. Und als Hund weißt du schließlich nie, welche TV Sender hinter dem einzelnen Verstand stecken.

In der Türkei ist die Situation noch nicht aus dem Ruder gelaufen, da die Soaps sich auf allen Kanälen gleichen. Außerdem ist der türkische Mann, Hüter der Töpfe, häufig mit einer 75-Stunden-Woche reichlich ausgelastet und wenn ich die Stunden im Cafe hinzurechne, frage ich mich, wann die Leute überhaupt Zeit haben um aufs Klo zu gehen. Was ich damit sagen will, Türken sind für uns Hunde berechenbarer. Zum Einen handeln sie weniger nach dem Verstand, zum Anderen werfen sie Steine, was zweifelsfrei bedeutet, dass sie uns nicht süß finden und somit weniger Gefahr.

Emma kniete nieder, als ich auf ihr „tsss, tsss, tsss“ nicht reagierte. Ein weiteres Rätsel ist für mich, warum Erwachsene sich mit Kindern und Tieren nicht normal unterhalten können. Verschlägt unser Anblick ihnen die Sprache? Nachdem die Zischlaute mich nicht aus der Höhle hervorlocken konnten, legte sie ihren Kopf auf die Schulter und begann nun um mich intensiver zu werben.

Ich hätte ihr ja den Gefallen getan, nicht dass Sie mich falsch verstehen, aber zwischen uns lagen gut 30 Meter sonnige Wegstrecke. Als Straßenhund muss man auf seinen Ruf achten. Wenn ich sinnlos in der Sonne spazieren gehe, verliere ich meinen Stand, da mich meine Genossen für geisteskrank halten. Dies kann dann zur Folge haben, dass sich in Zukunft läufige Hündinnen von mir abwenden, und ihr Hinterteil normalen Rüden zuwenden. Aber Emmas Sandwich hatte mich schließlich überzeugt.

Was folgte, können Sie sich denken, schließlich kennen die Story vom Apfel und dem verbotenen Baum. Impfungen, Narkose, Plastikkiste und ab in den unterkühlten Laderaum der Boing. Als sich die Lageklappe öffnete war ich im neuen Paradies angekommen. Ich war gerettet. Nur sah ich weit und breit keinen Baum.

Die Geschichte eines gewöhnlichen Bastards. Im Orient geboren und nun in Deutschland auf Brautschau.

08:53 06.11.2012
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Strassenhund

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