Zwei Bayern im Bundesverkehrsministerium: Vernachlässige Bahnprojekte

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Zwei Bayern leiten seit dem Jahr 2009 das Bundesverkehrsministerium in Berlin: Die beiden CSU- Politiker stammen aus Regionen, fernab vom Großstadtflair im ländlichen Idyll. Mit ihrer Politik setzen sie auf altehrwürdigen Pkw- Verkehr und vernachlässigen die Bahnprojekte in die Ballungszentren.

Der eine, Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer aus Traunwalchen, hat seinen Wahlkreis im südöstlichen Zipfel Bayerns, in den Landkreisen Traunstein und Berchtesgaden. In beiden Kreisen gibt es nur eine handvoll Bahnlinien, öffentlicher Personennahverkehr heißt hier: Omnibus. Die verkehren meist parallel zur Bahn.

Das Bayerische Verkehrsministerium hat das mehrmals angeprangert, am Beispiel der Bahnlinien Mühldorf- Salzburg und Traunstein- Traunreut. Den Münchner Ministerialbeamten erschließt sich nicht, warum der Freistaat Regionalzüge bezuschussen sollte, während zur selben Zeit auf der Straße ein Bus verkehrt.

Im Wahlkreis des Bundesverkehrsministers sind die Regionalbahnen ein bloßes, lästiges Übel, dessen Schranken den Pkw- Fluss bremsen. In den Zügen sitzen Urlauber oder Schüler, so die Volksmeinung. Selbst der Fernverkehr der Bahn, in der großen Kreisstadt Traunstein, dient allenfalls nur wenigen Pendlern in die Landeshauptstadt München.

Ins benachbarte Ausland nach Salzburg fahren die Einheimischen mit dem Pkw, wenige ab Freilassing mit der Salzburger S- Bahn.

In der bürgerlichen Mitte ist die Eisenbahn hier nie angekommen, es zählt nach wie vor das Statussymbol Pkw.

Ramsauers Staatssekretär, der Passauer Lehrer Andreas Scheuer, mit dem sogenannten kleinen Doktorgrad (PhDr.) der Universität Prag, gilt unter Pro Bahn- Symphatisanten als der eigentliche Bundesverkehrsminister. Scheuer wird als Lobbyist der Automobilbranche zugerechnet, warum kann allerdings niemand beweisen.

Einzig Scheuers räumliche Nähe zu den niederbayerischen BMW- Zentren könnte ihm angelastet werden. Doch auch für Scheuers Wahlkreis gilt: Niederbayern und der Bayerische Wald sind Automobil "abhängig". Die Eisenbahnen führen ein Nebendasein, im täglichen Leben der Menschen.

Denn täglich nach München zu fahren, ist unrealistisch. Wer aus Scheuers Heimat in München arbeitet, hat während der Woche eine zweite Bleibe. Pendeln kommt nicht in Frage. Die Fahrt wird dann am Wochenende in schnellen Autos angetreten, die langsamen Regionalbahn- Züge zieht kaum jemand in Erwägung.

In der Bevölkerung, in der Heimat der beiden Politiker, sind Verhältnisse wie im Großraum München unerklärlich. Während in den Zentren das Auto als Status- Symbol gerade bei jungen Leuten ausgedient hat und die Fahrt mit den „Öffis“ selbstverständlich und geradezu „in“ ist, leben die Menschen auf dem Land wie früher.

Die Generation Internet in den Städten schwebt in der Neuzeit um Smartphones und sozialen Netzwerken, während am Land wie vor Jahrzehnten jeden Samstag die Alu- Flegen poliert werden. Mit 18 ein Auto, zur Fahrt in die Disco oder an den Arbeitsplatz.

Was die Mütter in den Wohnzimmern am "Herrgottswinkel" zelebrieren, amt der Nachwuchs am Automobil nach. Jeder Kratzer wird bereinigt, es zählen keine GHZ oder Terabytes, sondern die Pferdestärken unter der glänzenden Motorhaube.

Im Bayerischen Wald ist es unter der Jugend „in“, Wettrennen zu fahren, was die Großstadt- Jugend nur aus alten Filmen wie „Manta Manta“ kennt.

Parkplatzprobleme, rote Ampeln und Staus gibt es kaum, Autofahren ist das einzige Gefühl von Freiheit, das die Menschen in solchen Gegenden ausleben können.

Um für die ältere Generation, Frauen ohne Führerschein oder ärmere Leute ohne Zweitwagen, die Fahrt in die Städte nach Passau, Rosenheim oder Traunstein zu ermöglichen, verkehrt dann zwei bis dreimal täglich ein Bus. Der bringt die Leute pünktlich bis 8 Uhr in die Städte und mittags oder am frühen Abend wieder in die entlegenen Winkel der Provinz.

Nicht selten kommt die Parteijugend der CSU aus eben solchen Verhältnissen in diesen Gegenden. Was die Sache für den Bundesverkehrsminister und seinen Staatssekretärs in Berlin noch einfacher macht.

Sie kennen es nicht anders. Das Auto als einzig wahre Liebe im Leben der Menschen, das ein Gefühl von Freiheit vermittelt. Wer versteht schon die Bürger nahe oder in den Großstädten, die lieber eine S- Bahn oder Regionalbahn nutzen, auf dem Weg zur Arbeit? In München ist das Fahrrad statistisch das schnellste Fortbewegungsmittel, gefolgt von Bussen und Bahnen. Außer in schneereichen Wintern.



Die Bahn wird am Land keinesfalls als umweltschonendes Verkehrsmittel der Zukunft angesehen, ebenso werden die Auswüchse und der Informationsfluss des Internets verteufelt.

Selbst die steigenden Spritpreise führen in solchen Landesteilen nicht zu einem Umdenken. Der Tanktourismus nach Österreich lässt grüßen. Dass die Erde ein Planet ist, dessen Ressourcen über Millionen von Jahren entstanden sind, die nun von wenigen Generation verschleudert und verschwendet werden, ist am flachen Land noch lange nicht angekommen.



Es gilt das politische und gesellschaftliche Prinzip, erst nach Neuerungen zu suchen, wenn der bisherige Weg nicht mehr machbar oder finanzierbar ist.

Für die Menschen, die sich täglich in den Ballungsräumen dieser Republik fortbewegen müssen, hat niemand Verständnis: Weder für die hohen Mieten, noch die Grundstückspreise. Sie sind im östlichen Bayernland fremd. Die ländlich, abgelegenen Gegenden lebten schon immer damit, dass die Familien viele Kinder hatten, von denen ein Teil in die Großstädte abwanderte.

Für die über zwei Millionen Einwohner im Großraum München (1,2 Millionen Stadt, 1,2 Mio S- Bahn- Umland) bedeutet das: Weiter warten auf den Ausbau der S- Bahn und anderer Schienen.
Denn die bayerischen Vertreter um Scheuer und Ramsauer kennen nur ein gewinnbringendes und Arbeitsplätze sicherndes Verkehrsmittel: Das Auto. Selbst wenn die Menschen damit mehr im Stau stehen, als tatsächlich damit zu fahren.

Kürzlich hat der Bundesverkehrsminister höchst persönlich eine Musik- CD veröffentlicht, mit beruhigender, klassischer Klavier- Musik.
Geht es nach Ramsauer, sollen die Menschen mit seinem Werk im Stau beruhigt werden.
Zur Lösung der tatsächlichen Probleme, in der von seiner Partei so hochgejubelten Boom- Region München, trägt er bis dato nicht bei.

19:56 09.04.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Südländer

Querschläger aus dem Süden der Republik. Gedanken unterm all gegenwärtigen Kruzifix.
Schreiber 0 Leser 1
Avatar

Kommentare 1

Avatar
klappslieb | Community