Schafft den "Herrn/Frau" Doktor ab!

Plagiatsaffären Die diversen Plagiatsaffären haben einen politischen Aspekt zu Tage gebracht: die Entwertung der akademischen Dissertation als ein politisch-strategisches Instrument.
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Wir erinnern uns noch alle an die letzte Europa-Wahl. Von Litfasssäulen und Plakatstellwänden prangte das Bild einer gutaussehenden Blondine, gleichzeitig eine "Frau Doktor", die dem Betrachter erklärte, Arbeit solle sich wieder lohnen. Gutaussehend und gleichzeitig herausragend intelligent zu sein, so war die Botschaft dieses Plakats, sei kein Widerspruch. Dafür stehe die FDP und deren Kandidatin "Frau Dr." Silvana Koch-Mehrin. Dass sich diese Kandidatin in der Folgezeit nicht nur als vollkommen inkompetent erwies - in diesem Fall half ihr nicht einmal die Promotion - sondern es sich auch noch heraus stellte, dass sie bei der Erstellung ihres "Kompetenz-Indikators" Doktor-Arbeit getäuscht hatte, ließ das schöne Gebäude wie ein Kartenhaus in sich zusammen fallen.

Leider, so hat es sich herausgestellt, war der Fall Silvana Koch-Mehrin kein Einzelfall. Und es ist aufschlussreich, dass es nahezu ausnahmslos Politiker der selbsternannten "bürgerlichen Parteien" waren - also aus UNION und FDP, die in den vergangenen Jahren als Plagiatoren aufflogen.


Dies wiederum hat etwas mit der Struktur und den Umgangsformen in diesen Parteien zu tun. Man kann davon ausgehen, dass sowohl Angela Merkel, als auch Anette Schavan und Kristina Köhler in der UNION oder Silvana Koch-Mehrin in der FDP niemals eine solche Karriere hätten machen können, wären sie nicht promoviert, also nicht "Frau Doktor" gewesen. Im politischen Betrieb hat der "Doktor" nämlich in diesen Parteien eine besondere strategische Bedeutung: es handelt sich hierbei um ein Instrument, mit dem man inner- und außerparteilichen Gegnern den Mund verschließen kann. Ein "Doktor" - so glaubt man - kann nur von einem anderen "Doktor" in der Sache hart angegangen werden. Dabei ist es unerheblich wo, und worüber eine "Dissertation" abgefertigt wurde und welche Qualität sie hat. An den Hochschulen spricht man inzwischen von den sogenannten Typ-I und Typ-II Dissertationen - letztere dient einzig und allein dem Erwerb des Namenszusatzes "Dr." im Personalausweis, erstere ist eine notwendige berufliche Qualifikation im Rahmen der akademischen Karriere.

Nun ist es aber so, dass Dissertationen vom Typ-I nicht vom Himmel fallen - im Gegenteil: sie sind das Ergebnis schwerer geistiger, in den Geo- und Ingenieurswissenschaften auch z.T. schwerer körperlicher Arbeit. Für die Promotionsstudenten bedeutet dies, zum Teil weit über die eigenen Grenzen der körperlichen und psychischen Belastbarkeiten hinaus zu gehen - und sie sind mit wenig Geld verbunden. Nicht umsonst heißt es im akademischen Betrieb, den "Doktor" erwerbe man nicht, man erleide ihn. Der Namenszusatz ist insofern ein gewisser Ausgleich für diese harte Zeit, in der unter z.T. schwierigsten Bedingungen eine eigenständige, formal korrekte wissenschaftliche Arbeit abgefasst wurde.

Wenn wir uns nun einmal die zahlreichen Plagiats-Affären anschauen, dann stellen wir fest, dass die Dissertation durch diejenigen, die schlampige Typ-II-Arbeiten abgeliefert und den Namenszusatz "Doktor" eingesammelt haben, entwertet wird. Die Fälle Koch-Mehrin, Guttenberg etc. sowie deren mangelnde, ja nicht vorhandene Einsicht haben den akademischen Betrieb in Deutschland massiv beschädigt. Und mehr noch: sie sind ein Schlag ins Gesicht der zahllosen ehrlichen Akademiker.

Der Umstand, dass die allerwenigsten promovierten Akademiker innerhalb des wissenschaftlichen Betriebs auf den "Doktor" als Namenszusatz wert legen - die Dissertation ist nur eine Etappe, eine berufliche Qualifikation in der wissenschaftlichen Laufbahn - sollte uns zu einer Reaktion auf die Entwertung dieses Akademischen Titels veranlassen: den "Doktor" als Teil des Namens im Personalausweis ersatzlos zu streichen. Nur so können wir diese wissenschaftliche Qualifikation wieder aufwerten und sie vor Missbrauch schützen.

10:16 18.10.2012
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Geschrieben von

Sünnerklaas

Sünnerklaas kommt nicht nur zur Weihnachtszeit!
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