Was es für mich bedeutet, Deutsche zu sein

Identitätssuche Angeregt von dem Ausdruck „Biodeutsche“ machte ich mir Gedanken darüber, wie sich mein Identitätsgefühl im Laufe meines Lebens verändert hat.
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Der Ausdruck "Biodeutscher" fiel in den Diskussionen zu diesem Blog: https://www.freitag.de/autoren/geniusisbornnotpaid/wir-reden-mit-den-falschen und meint so viel wie „Deutscher ohne Migrationshintergrund“.

Um meine Gedanken dazu nachvollziehbar zu schildern, muss ich etwas ausholen. Ich bin in Deutschland geboren mit deutschen Eltern. Mütterlicherseits waren meine Großeltern aus den Niederlanden eingewandert, väterlicherseits aus dem Hunsrück, wie ich lange dachte. Als ich 13 war, war mein Vater 36 und erst in diesem Alter erfuhr er, auf keine sehr angenehme Weise, dass der Mann, den er für seinen Vater gehalten hatte, nicht sein biologischer Vater war. Geboren wurde er Anfang 1944, als sein „Vater“ im Krieg und wahrscheinlich schon in Kriegsgefangenschaft bei den Russen war. Man hatte ihm erzählt, er sei bei einem Urlaub entstanden, doch das Gefühl, nicht so behandelt zu werden wie seine Geschwister und irgendwie anders zu sein, hatte er immer schon gehabt.

An einem alkoholgeschwängerten Abend mit seiner Familie sagte man ihm, dass er ein Bastard sei, er ging zu seiner Mutter und fragte: „Ist das wahr?“ Und sie antwortete: „Ja, aber frag nicht weiter. Ich will nicht darüber reden.“ Mein Vater brach zusammen, aber hielt sich seitdem an das Tabu. Ich bekam es mit und fing an zu fantasieren. Wer könnte mein Großvater sein? Warum wurde so ein Geheimnis daraus gemacht? Es war Krieg, es könnte Schlimmes passiert sein. Er könnte ein russischer Vergewaltiger sein, eine schreckliche Erinnerung, die man lieber vergisst.

Dazu kam, dass sowohl mein Vater als auch ich ein eher südländisches Aussehen haben. Dunkle Augen, Teint und Haare, während meine Mutter meinen Brüdern ihr blasses Äußeres vermacht hatte. Ich wurde als Kind sehr oft darauf angesprochen, wo ich denn herkäme, wenn ich im Sommer dunkelbraungebrannt so anders als meine Schulkameraden aussah. Als Jugendliche erträumt man sich durch solche Geheimnisse eine Vergangenheit, man sucht nach Wurzeln und erfindet sich welche, wenn sie so verborgen bleiben.

Diese Suche nach Identität muss der von adoptierten Kindern ähneln, die sich fragen, woher gewisse Charakterzüge oder Äußerlichkeiten wohl stammen. Ich sah meinen Stief-Großvater, den ich weiter Opa nannte, mit anderen Augen, froh, nicht mit ihm blutsverwandt zu sein, wann immer mir etwas missfiel. Jedes Gespräch über vererbte Anlagen, oder auch nur über die Geschichte unseres Familiennamens, war mir ein Graus. Ich lehnte den Namen ab, fühlte mich nicht zugehörig. Ich mochte die jüdische Vorstellung, Generationen nur über die mütterliche Linie zurückzuverfolgen, als etwas sehr praktisches und versuchte, mich darauf zu konzentrieren. Aber jeder Hinweis darauf, dass ich „anders“ sei – ob äußerlich oder in Verhaltensweisen, endete abrupt mit meiner verzweifelten Ungewissheit, ob ich vielleicht eine Nachkommin eines unbekannt bleibenden Verbrechers sei.

Ein weiterer Aspekt, den ich erwähnen möchte, ist, dass wir an der niederländischen Grenze wohnten - aus meinem Schlafzimmerfenster sah ich Holland und wir fuhren regelmäßig rüber, verkehrten mit Niederländern und verständigten uns ohne Probleme. In Ostdeutschland war ich nie gewesen. Als wir in der Schule über die DDR sprachen, erwähnte ich, dass diese für mich persönlich mehr Ausland war als die Niederlande – wofür ich eine harsche Rüge von meinem Lehrer bekam, der dies unverschämt fand, da schließlich ein jeder sich die Wiedervereinigung wünschen solle. Mein Gefühl blieb. Ich fühlte mich den Ostdeutschen nicht verwandt. Und mich nicht mal als Deutsche.

Aufwachsend schämte ich mich fremd für die deutsche Geschichte, eine deutsche Flagge zu hissen bedeutete Nationalismus, den man vermeiden und verstecken sollte. Wenn ich im Ausland war, lernte ich rasch ein paar Worte und machte Gebrauch davon, dass ich nicht deutsch aussah – so habe ich selten die Preise für Taxi oder Essen zahlen müssen, die andere Touristen hinlegten. Ich wusste nicht, worauf ich stolz sein sollte, nichts Deutsches sagte mir etwas. Ich fühlte mich als Weltbürger, versuchte, mein Dilemma des Nicht-Wissens in Gutes umzumünzen und Kosmopolit zu werden. Wir sind alle Menschen, der Zufall der Geburt tut nichts zur Sache, nur was du tust, nicht was du mitbekommen hast, ist ausschlaggebend. Was du machst, macht dich aus, nicht womit du zufällig geboren wurdest. Ich fand kürzlich ein Buch wieder, in das ich als junges Mädchen ein Exlibris geklebt hatte – mit meinem Namen, meinem Wohnort, und dann „Deutschland, Europa, Erde, Milchstraße“ als Adressangabe darauf.

10 Jahre nachdem mein Vater und ich das erste Mal von den Umständen seiner Geburt erfahren hatten, bekam meine Großmutter einen ersten Herzinfarkt. Wir machten uns Sorgen, ob sie es überstehen würde. Mein erster Gedanke, als ich von ihrem Zustand erfuhr war: Bevor sie stirbt, muss ich sie fragen! Bis dahin war das Tabu erhalten geblieben und ich fürchtete mich davor, dass sie an ein eventuelles Vergewaltigungstrauma nicht erinnert werden wollte. Doch es kam anders: Als sie zwischen zwei Krankenhausaufenthalten zuhause war – sie war 85 Jahre alt und sehr schwach – fragte ich sie, ob sie mir davon erzählen wolle, was damals passiert sei und wer mein Großvater sei. Sie war überrascht, dass ich überhaupt davon wusste. Und erzählte mir eine Liebesgeschichte.

Ihr Mann war in Kriegsgefangenschaft, sie hatte bereits zwei kleine Kinder und schlug sich als Magd auf einem Gutshof durch. Dieser Hof bekam Zwangsarbeiter aus den Niederlanden zugewiesen, die im Grunde Gefangene waren, aber ein relativ freies und gutes Leben führten. Mit einem Friesen, der auf dem gleichen Hof arbeitete, entstand eine Affäre. Meine Großmutter lächelte bei der Erinnerung an ihn und war traurig, dass sie keine Fotos mehr hätte – mein Bruder sähe ihm sehr ähnlich, hätte sie des Öfteren gedacht. Dieser Mann wollte sie heiraten, als sie schwanger wurde, doch meine Oma wollte nicht – sie hoffte, ihr Mann würde zurückkehren und sie wollte auf ihn warten. Der junge Friese wurde befreit und durfte nach Hause gehen, als mein Vater 1,5 Jahre alt war – bis dahin hatte er sich liebevoll um ihn, meine Oma und die anderen Kinder gekümmert. Er sei dann nach Kanada ausgewandert. Als der Mann meiner Großmutter kurz darauf aus der Gefangenschaft heimkehrte, akzeptierte er nach dem Wiedersehen mit seiner Familie, dass da nun ein drittes Kind war und es hieß wahrscheinlich „Gut, aber lasst uns nicht mehr davon reden“ für die nächsten 35 Jahre und mehr.

Mir fiel ein Stein vom Herzen und ich bin froh, dies erfahren zu haben und meiner Großmutter die Gelegenheit gegeben zu haben, davon reden zu dürfen, bevor sie kurz darauf starb. Meinem Vater erzählte ich es in den Worten seiner Mutter, doch er war zu verletzt, um darüber reden zu können – er blieb bei dem gewohnten Nicht-Reden und behauptete, es interessiere ihn nicht mehr. Genealogische Untersuchungen, die ich daraufhin unternahm, um den Mann wiederzufinden, blieben fruchtlos. Zwischen 1945 und 1955 ist kein Mann dieses Namens nach Kanada ausgewandert, hieß es bei dafür zuständigen Stellen. Aber egal. Meine Suche war abgeschlossen. Das dunkle Äußere, das mich auf falsche Fährten geführt hatte, kam wohl doch von meiner Oma aus dem Hunsrück und den Hugenotten davor, stellte sich heraus.

Was hat nun diese persönliche Geschichte mit meinem Gefühl, Deutsche zu sein, zu tun?

Es war mir bewusst, dass ich keine rein-deutschen Wurzeln hatte, von allen Seiten kam nun niederländisches Blut hinzu, ich war also eigentlich zerrissener, oder positiv gesehen: variierter als andere. Doch es half mir gar nicht dabei, mich als Deutsche zu erkennen. Das kam anders. Ich ging ins Ausland. Erst für sechs Jahre in die Niederlande – das lag so nah – wo ich heiratete, so dass auch meine Kinder nun zweisprachig und mit vielfältigen Wurzeln aufwachsen. Dann nach Frankreich für weitere sieben Jahre. Und ich spürte ziemlich schnell, dass ich niemals Niederländerin oder etwas anderes sein würde. Ich fühlte mich Deutsch – zum ersten Mal im Leben.

Ich merkte, dass das Aufwachsen in diesem Land mich geprägt hatte, dass meine Umgebung, das Schulsystem, die Bücher und das Fernsehen mir bestimmte Dinge auf eine bestimmte Art beigebracht hatten. Dinge, die von jemandem, der nicht damit aufgewachsen ist, nur schwer nachzuvollziehen sind. Dinge, die sicher auch ziemlich unterschiedlich sind von dem, was ein Kind in Bayern erlebt.

Das, was uns verbindet, ist die Sprache, denn meine Muttersprache – obwohl ich inzwischen auch drei andere beherrsche – ist eng verbunden mit meiner Art, zu denken. Die Art und Weise, wie ich Sätze bilde, wie ich Grammatik erfühle, wie ich Worte erkenne und zu benutzen weiß, ist auf allen Ebenen deutsch. Meine Verhaltensweisen, meine Reaktionen auf Situationen, meine ganze Denke sind in erster Linie die der Tochter meiner Eltern, im Laufe der Jahre durch meine Lebenserfahrung beeinflusst. Dann sind sie eindeutig deutsch, dann europäisch, dann die einer weißen Europäerin mit guter Schulbildung.

Ich kann mich heute ohne Probleme als Deutsche bezeichnen und zu erkennen geben. Es macht Spaß, im Ausland in einer fremden Sprache erst mal Verwirrung zu stiften, und wenn man das Glück hat, nicht am Akzent erkannt zu werden, auch mit den Vorurteilen der Leute zu spielen, die einem freundlicher und offener begegnen, wenn nicht sofort klar ist, ob man Einheimische oder eher ungern gesehener deutscher Gast ist. Denn Danebenbenehmen im Ausland – dafür sind Deutsche besonders talentiert. Ob das an mangelnder Selbstkenntnis oder einfach nur ungelenkem Umgehen mit Ungewohntem liegt, erschloss sich mir noch nicht ganz. Allein dadurch, dass ich schon jung gezwungen war, mir meine Wurzeln selbst auszudenken, bin ich empfindlicher gegenüber der Frage geworden, was mich zu dem macht, was ich bin, und wie man das benennen könnte.

Mein Fazit nach fast einem halben Jahrhundert ist, dass das, was mein Leben bestimmt, nicht mit meinen Vorfahren begann und nicht mit meiner Geburt in einer bestimmten Konstellation unter bestimmten Voraussetzungen endet, um „etwas“ zu sein. Es beginnt und endet mit mir und dem, was ich mit und aus meinem Leben mache. Und ich tue es wahrscheinlich gezwungenermaßen sehr deutsch.

11:18 26.02.2013
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Geschrieben von

Superwoman

When I'm a mess, I put on a vest with an S on my chest
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