Survival International
12.11.2010 | 18:48

Botswana: Diamanten und Tourismus vor Menschenrecht Wasser

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Survival International

Wasser, die lebenswichtigste aller Ressourcen, wurde am 28. Juli 2010 von derUN als universelles Menschenrecht erklärt. Den Gana, Gwi und Tsila „Buschleuten“ (und ihren Nachbarn, den Bakgalagadi), deren einst weites Siedlungsgebiet sich heute vor allem innerhalb des Central Kalahari Game Reserve (CKGR) in Botswana erstreckt, wird der Zugang zu dieser lebenswichtigen Ressource jedoch von der Regierung versperrt. Survival International hat nun mit einer Unterschriftenaktion zum Boykott gegen Tourismus nach Botswana, sowie Diamanten aus dem Land aufgerufen, bis den Indigenen der Zugang zu Wasser auf ihrem Land gewährt wird.

Diese indigenen Völker des südlichen Afrikas leben schon seit Jahrtausenden in einer der unwirtlichsten Gegenden der Welt, der Kalahari Wüste. Die halb-nomadischen Jäger und Sammler, die heute zum Großteil als „San“, „Basarwa“ oder „Buschleute“bekannt sind, wurden ab 1961 im Central Kalahari Game Reserve (CKGR) angesiedelt. Das Reservat wurde ursprünglich sowohl zum Erhalt der Wildtiere als auch zum Schutz dieser indigenen Bevölkerung eingerichtet.

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Mitglied der "Buschleute". © Survival International

1997, 2002 und 2005 wurden die „Buschleute“ in drei großen Räumungen jedoch vom CKGR vertrieben. Ihre Häuser wurden abgerissen, ihre Schule und ihr Gesundheitsamt geschlossen, ihre Wasserversorgung wurde zerstört und die Menschen wurden bedroht und abtransportiert. Trotz eines Urteils des Obersten Gerichtshofs von Botswanas in 2006, das den Buschleuten das Recht auf ihren Verbleib innerhalb des Reservates zusprach, hat sich seither nicht viel geändert. Die Regierung Botswanas versperrt den „Buschleuten“ weiterhin Zugang zu ihrer Wasserstelle, sowie das Jagen.

Solche eklatanten Menschenrechtsverletzungen sind hierzulande kaum bekannt, vielmehr wird Botswana oft als Vorzeigeland des afrikanischen Kontinentes, aufgrund eines gut funktionierenden Staatsapparates und seines relativen Reichtums, angepriesen. Dies ist vor allem dem großen Diamantenvorkommen zu verdanken, der wichtigsten Ressource des Landes. Angesichts der Tatsache, dass die Hälfte der Bevölkerung von unter 2 US-Dollar am Tag lebt, profitiert die Bevölkerung Botswanas von diesen Bodenschätzen allerdings nur marginal. Die umgesiedelten „Buschleute“ siechen derweil in den Umsiedlungslagern vor sich hin, nur einige Hundert sind aufgrund der schwierigen Umstände in die Kalahari zurückgekehrt. Zudem sehen sie sich folgenschwerenrassistischen Vorurteilen konfrontiert, die vor allem institutioneller Natur sind und von der politischen Elite des Landes offen ausgesprochen werden. Äußerungen der höchsten Botswanischen Amtsinhaber beschreiben den traditionellen Lebensstil der Buschleute als „archaische Fantasie“ und der ehemalige Präsident Festus Mogae erlaubte sich sogar die Aussage, die Buschleute seien Steinzeitkreaturen, die sich anpassen müssen oder aussterben werden, wie der Dodo.

Hier werden also grundlegende Weltanschauungen offen gelegt, die dazu führen, dass in einemdemokratischen Land mit ganz undemokratischen Mitteln eine Politik des Verdurstens gegen die Buschleute angewandt wird.

Das Gebiet der Buschleute ist eines der ertragreichsten Regionen weltweit. Botswana gehört zu den größten Exporteuren und ist eng mit namhaften Diamantunternehmen wie De Beers verknüpft (der Regierung gehört 15% der Anteile). Um die Koppelung zwischen der Diamantenbranche und dem Staat Botswana zu beschreiben, sprach sein Vorgänger Festus Mogae sogar von siamesischen Zwillingen.“ Die aktive Erkundung der Diamantenvorkommen im Kalahari Reservat hat in den 1980er Jahren begonnen und sich seit Ende der 90er Jahren intensiviert. Ein viel versprechendes Geschäft von einigen Millionen Karat im Jahr, dem die Buschleute im Weg standen.

Mitten auf dem Gebiet der Buschleute, befindet sich ein Diamantenvorkommen in Gope. Dort soll in Kürze mit dem Abbau begonnen werden, das Unternehmen GemDiamonds steht schon in Verhandlungen mit der Regierung Botswanas. Der Wert der Bodenschätze wurde auf 2,5 Millionen Karat, also einen Wert von über 3 Milliarden US-Dollar geschätzt. Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis die Minenarbeiten offiziell beginnen werden. Die botswanische Regierung erklärte sich bereit, dem Unternehmen so viel Wasser zur Verfügung zu stellen wie benötigt wird, verlangt jedoch, dass die benötigten Wasserstellen den Buschleuten versperrt bleiben.

In einem UNO Bericht heißt es: „Inkonsistent mit ihrer Entscheidung ist, Gem Diamonds/ Gope Exploration Company (Pty) Ltd. eine Lizenz für Diamantenabbau in dem Reservat zu erteilen“, also für „ein Vorhaben das nach Angaben des Unternehmens mehrere Jahrzehnte dauern wird und zwischen 500 und 1200 Menschen in das Reservat bringen wird.“

Die Zusammenarbeit zwischen der politischen Elite Botswanas und milliardenschweren Diamantenunternehmen führt zu einer undurchsichtigen Situation, in der die akuten Menschenrechtsverletzungen hinter professionellen Coporate Social Responsibility Kampagnen verschwinden und kaum in die Öffentlichkeit gelangen.

Dadurch werden auch ideale Vorraussetzungen für eine zweite Einkommensquelle Botswanas geschaffen, dem Luxus Safari Tourismus, der sich gerne auch als „ethisch“ und „nachhaltig“ vermarktet.

In diesemwichtigen ökonomischen Bereich ist die politische Elite ebenfalls stark vertreten. Der Neffe des Präsidenten und sein persönlicher Anwalt sitzen zum Beispiel im Vorstand von Wilderness Safaris, einem Reiseunternehmen, das seinen Gästen einzigartige Naturschauspiele mitten im CKGR bieten möchte und dafür zum Beispiel auch Wasserstellen anlegt um die wildlebenden Tiere für die fotobegeisterten Touristen anzulocken. Während den Buschleuten diese letzten Wasserlöcher von der Regierung versperrt bleiben, entstand darüber hinaus mitten im Reservat eine Lodge mit Swimming-Pool und Coktailbar. Die Errichtung eines Urlaubscamps mitten in einem Reservat ohne das Einverständnis der lokalen Bevölkerung ist somit für ein „ethisches“ Unternehmen wie Wilderness Safari ein wahres Armutszeugnis.

Die Rolle der Diamanten und des Tourismus für den relativen Wohlstand Botswanas ist zwar von Bedeutung, es kann aber nicht sein, dass solche Menschenrechtsverletzungen verharmlost oder gar legitimiert werden. Deshalb hat Survival zu einem weltweiten Boykott, sowohl des Tourismus in Botswana als auch seiner Diamanten aufgerufen.

Letsema, ein „Buschmann“ aus der Kalahari bringt es letztendlich auf den Punkt: „Die Regierung verjagt uns, damit sie von dem Geld der Touristen und der Diamanten profitieren können. Wenn niemand hier im Reservat leben soll, warum lassen sie dann Minenarbeiter rein?“

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.