Shell involviert in Streit um Landraub

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Shell will weiter in denBiokraftstoffmarkt expandieren und hat vor einigen Wochen einen Joint Venture Vertrag mit dem brasilianischen Agrar- und Bioenergie-Unternehmen Cosan unterschrieben.Für dieses Joint Venture wird ein Jahresumsatz von etwa 21 Milliarden Dollar erwartet.

Doch das Gemeinschaftsunternehmen droht nun Teil der Geschichte eines seit Jahrzehnten andauernden Landraubs und Demütigung der Guarani Indianer in Mato Grosso do Sul zu werden. Die Guarani - eines der meist gefährdeten indigenen Völker Südamerikas- sind schon seit Jahrhunderten Opfer von Landraub und Gewalt. Heute müssen sie mit ansehen, wie sich ihre Heimat in eine trostlose Einöde verwandelt. Trotz der verschiedenen nationalen und internationalen Abkommen zum Schutz indigener Rechte, die Brasilien ratifiziert hat, leben die meisten der 45.000 Guaranides brasilianischen Bundesstaates Matto Grosso do Sul wie Flüchtlinge im eigenen Land.







Biokraftstoffe spielen dabei eine wichtige Rolle, denn in Brasilien wird die Hälfte der 500 Millionen Tonnen Zuckerrohr zu Ethanol verarbeitet. Neben dem Soja Anbau und der Rinderzucht, hat vor allem die flächenhafte Ausbreitung der Rohrzuckerfelder, zu einer massiven Entwaldung in der Region geführt.

Für die Guarani, die eine tiefe Verbundenheit zu ihrem Land haben, ist dies ein katastrophaler Verlust ihrer Lebensgrundlage. Umgeben von tausenden Hektar Monokulturen, sind sie gezwungen, inwinzigen Reservaten zu leben. Manche hausen in notdürftigen Lagern an Straßenrändern, von ihrem rechtmäßigem Land durch Stacheldrahtzäune getrennt. Nicht zuletzt leiden sie an Unterernährung und sind Opfer von Gewalt und Missachtungen seitens der weißen Farmer und ihrer Pistoleiros.


Diese hoffnungslose Situation führte dazu, dass die Guarani eine der höchsten Selbstmordraten der Welt haben. Perfiderweise haben sie, um ihren Lebensunterhalt zu sichern, oftmals keine andere Wahl, als unter sklavenähnlichen Umständen auf den Plantagen zu arbeiten, die ihre Länder besetzten. Wenn sie versuchen auf ihr angestammtes Land zurückzukehren, werden sie meistens mit Gewalt daran gehindert.


Vor allem die Anführer und jene die sich aktiv für die Demarkierung ihrer Gebiete einsetzen, sehen sich massiven Einschüchterungsversuchen, unfairen Gerichtsverfahren und Morddrohungen gegenüber. 2008 wurden 42 Guarani ermordet, 34 nahmen sich das Leben darunter ein 9 Jähriges Mädchen.

Diese menschenverachtenden Verhältnisse wurden 2008 - und erneut vor einigen Wochen - von dem UN Sonderbeauftragten James Anayaaufgelistet. Auch in einem Bericht von Survival International an den UN-Ausschussfür die Beseitigung der Rassendiskriminierung wird im Detail die Situation der Guarani erläutert. Einen bildlichen Eindruck bekommt man in Marco Bechis Film Birdwatchers (2008), dessen Hauptdarsteller Ambrosio Vilhalva in einer der Gemeiden lebt, die von Cosans Aktivitäten betroffen ist.


Es ist klar, dass die verschiedenen wirtschaftlichen Interessen in der Region - vor allem der extensive Anbau von Zuckerrohr zur Gewinnung von Ethnol - in dieser Situation eine Schlüsselrolle spielen. Lukrative Verträge zur Herstellung von Biotreibstoffen können weitere Anreize schaffen, indigene Landrechte zu verletzen.


Konkret betroffen im Fall des neuen Joint Venture ist die Gemeinde Guyra Roka im südlichen Mato Grosso do Sul. Die 11,400 Hektar Land wurden 2009 offiziell als indigenes Gebiet anerkannt und warten seitdem auf die genaue Demarkierung. Schon seit 2005 besetzten die Guarani Familien von Guyra Roka 58 Hektar dieses Landes, nachdem sie 4 Jahre lang am Straßenrand wohnen mussten.

Trotz dieser Entwicklungen, kauft Cosan über eine Tochterfirma Zuckerrohr, welches auch von einem 4.000 Hektar großen Guarani Gebiet stammt. Auf weiteren tausenden Hektar wird Viehzucht betrieben.

Shell wurde bereits von brasilianischen Behörden über die problematische Lage in der Region informiert und kennt somit die Wertschöpfungsketten die dafür verantwortlich sind. Es ist deutlich, dass das Verhalten von Cosan dem Verhaltenkodex von Shell widerspricht, denn Menschen werden von ihrer Heimat vertrieben und die Umwelt zerstört.Es ist daher zu hoffen, dass Shell, nun dass es die Probleme kennt, nicht Teil der traurigen Geschichte der Guarani wird.

11:51 01.10.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Survival International

Wir sind Survival, die globale Bewegung für die Rechte indigener Völker.
Schreiber 0 Leser 0
Survival International

Kommentare 1